




Eine Wüstung bei Werben
| Ort: | Werben (Delitzsch, Nordsachsen) |
|---|---|
| Typ: | Wüstung |
| Datierung: | Hochmittelalter | Spätmittelalter | ca. 1100 - 1500 n. Chr. |
Beschreibung
Eine Wüstung bezeichnet eine aufgegebene Siedlung, an die aber noch Flurnamen oder Urkunden erinnern und die in ruinösen Teilen noch unter- oder gar obertägig erhalten ist. Eine solche Dorfwüstung wurde 2008 während eines Luftbildfluges auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Werben bei Delitzsch erkannt. Erstmals fotografiert wurde sie allerdings bereits 1994. Die Dorffläche zeigt etwa dreißig dunkle Flecken, die von Grubenhäusern oder Siedlungsgruben stammen und teilweise in einer Linie liegen. Sie werden von zwei großen Gevierten eingeschlossen, die sich teilweise überschneiden. Dabei handelte es sich vermutlich um einen Dorfgraben. Oberflächlich aufgelesene Keramik datiert die Dorfwüstung ins 12. bis 15. Jahrhundert. Schriftliche Quellen legen nahe, dass es sich um einen in Urkunden als Naundorf bzw. Dümendorf überlieferten Ort handeln könnte, der 1378 wüst fiel. Ebenfalls infrage käme der bekannte Kirchenstandort Görlitz (Gerolticz), der immerhin bis Ende des 14. Jahrhunderts bestand.
Ronald Heynowski/Annemarie ReckGrabenstrukturen
Der Dorfgraben zeichnet sich als linear rechteckige Struktur im Feld ab und überlagert mehrere weitere, möglicherweise nicht zeitgleiche Gräben. Besonders gut zu erkennen ist ein Abschnitt, der im westlichen Drittel der Nordseite nach Südosten hin einknickt (1), dann jedoch bogenartig weiter nach Osten verläuft. Am südlichen Graben kann etwa auf gleicher Höhe eine Ausbuchtung im Umfassungsgraben (2) beobachtet werden. Eine zweite, streng rechteckige Grabenstruktur verläuft leicht nach Norden versetzt (3) und besitzt mit ersterer Struktur eine gemeinsame Ostseite.
Ronald Heynowski/Annemarie ReckBildquelle O. Braasch, Foto ©LfA 1996.
Torgasse und Annex
In Verlängerung zu der Hauptachse ziehen sich weitere parallel zu einander verlaufende Gräben etwa 500 m nach Osten (Abb. 1,4), bevor sie von drei quer dazu liegenden Gräben abgeschlossen werden. Sie liegen genau auf der Grenze zweier Fluren. Im Bereich dieses östlichen Annex befanden sich vermutlich die Feldstreifen des Dorfes. Im Westen ist eine torartige Unterbrechung im Dorfgraben erkennbar (Abb. 1,5). Die Gräben bilden dort eine schmale Gasse, die auf einer noch erhaltenen Länge von 150 m nach Nordwesten auf das Dorf Brenndorf zuläuft.
Ronald Heynowski/Annemarie ReckBildquelle OA 22500/27, Plan ©LfA 2008.
Kirche mit Friedhof?
Innerhalb der Dorffläche treten 30 Verfärbungen hervor, die auf Gruben oder Grubenhäuser hindeuten (Abb. 1,6). Ihre Lage erscheint dabei nicht willkürlich. Hingegen treten sie recht geordnet innerhalb eines Streifens entlang der Längsachse und im Bereich der Ostseite des Dorfes auf. Besonders hervor sticht eine kleine rechteckige Struktur ganz im Osten (7). Sie misst 7,5 x 14 m und besitzt eine Ost-West-Ausrichtung. Die sichtbaren positiven Wachstumsspuren des Getreides stammen vermutlich von der Ausbruchgrube eines Steinfundaments. Größe und Ausrichtung deuten auf die Kirche des Dorfes hin. Bei günstigen Luftbildbedingungen lassen sich südlich und östlich dieser Struktur etwa 100 in dichten Reihen angeordnete, ost-west-ausgerichtete Gruben beobachten. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um den Dorffriedhof (8).
Ronald Heynowski/Annemarie ReckBildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2015.
Lesefunde
Die Lesefunde, die bei Begehungen auf der Ackeroberfläche aufgesammelt wurden, stammen aus dem 11. bis 15. Jahrhundert. Hauptsächlich handelt es sich um blaugraue Ware. Im Bereich der mutmaßlichen Kirche wurden unter anderem auch Dachziegelfragmente und Mörtel gefunden, was die Annahme eines innerhalb des Dorfes herausgestellten Baus stützt. Zudem deuten die Funde zweier Feuersteingeräte auf eine bereits vorgeschichtliche Nutzung der Fläche hin.
Ronald Heynowski/Annemarie ReckBildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2008.
Görlitz oder Naundorf?
Aus schriftlichen Quellen sind zwei Orte in diesem Gebiet bekannt, die in dieser Zeit wüst fielen. Aufgrund der Lage ist anzunehmen, dass es sich um den Ort Dümendorf (auch Naundorf genannt) handelt, der nordöstlich von Werben gelegen haben soll. Allerdings soll dieser bereits 1378 wüst gefallen sein. Auch ist nicht überliefert, ob das Dorf eine Kirche besaß. Möglich wäre auch, dass es sich um die Wüstung Görlitz handelt, die immerhin bis ins 15. Jahrhundert bestand und als Kirchenstandort gesichert ist, was im Hoch- und Spätmittelalter für kleine Dörfer keineswegs selbstverständlich war. Laut mancher Quellen soll Görlitz jedoch eher bei Laue gelegen haben. Dagegen sprechen noch heute geläufige Flurnamen: so grenzt der Fundort eng an die heute noch geläufige „Görlitzer Mark“, während die „Naundorfer Mark“ etwa 900 m südlicher liegt, ebenfalls eng gedrängt an einen Fundort mit Siedlungsspuren.
Ronald Heynowski/Annemarie ReckBildquelle A. Reck, Plan DIA/GIS ©LfA/GeoSN 2024.
Literatur
Ronald Heynowski, Werben – eine Wüstung. In: Regina Smolnik/Ronny Zienert (Hrsg.), Höhenflüge. Luftbilder und Archäologie in Sachsen (Dresden 2024) 84–85.
Gustav Reischel, Wüstungskunde der Kreise Bitterfeld und Delitzsch. Geschichtsquellen Provinz Sachsen u. Freistaat Anhalt 2 (Magdeburg 1926) 155–158.
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
https://archaeo-sn.de/ort/3955/
Zitat des Beitrags
Ronald Heynowski/Annemarie Reck, Eine Wüstung bei Werben. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (08.08.2024). https://archaeo-sn.de/ort/3955/ (Stand: 24.08.2026)