




















Heidenschanze Coschütz
| Ort: | Coschütz (Dresden, Dresden Stadt) |
|---|---|
| Typ: | Befestigte Anlage |
| Datierung: | Lausitzer Kultur | Billendorfer Gruppe | 1000 - 500 v. Chr. | 800 - 1200 n. Chr. |
Beschreibung
Die Heidenschanze von Dresden-Coschütz liegt auf einem Bergsporn etwa 80 m über dem Tal der Weißeritz. Bevor der Fluss aus dem Döhlener Becken kommend in den Dresdner Elbtalkessel eintritt, fließt er durch ein etwa 3 km langes und stellenweise nur 60 m breites Sohltal, den Plauenschen Grund, der etwa 80 m tief in das Grundgebirge eingegraben ist und von felsigen Steilhängen flankiert wird.
Michael StrobelForschungschronik
Bildquelle Foto ©LfA 2024.
Barocke Opulenz und wilde Romantik
Die landschaftliche Schönheit des „Plauenschen Grundes“, in dem August der Starke im September 1719 anlässlich der Hochzeit seines Sohnes Friedrich August mit Maria Josepha von Österreich ein opulentes „Saturnfest“ hatte ausrichten lassen, inspirierte Schriftsteller und Maler des frühen 19. Jh. zu schwärmerischen Gedichten und romantischen Bildern. Sie lassen erahnen, wie viel seiner „Ursprünglichkeit“ das Tal seit etwa 1850 durch Steinbrüche, Fabrikbauten und Verkehrsbauwerke verloren hat.
Michael StrobelBildquelle K. Jünger 2020, 14, Abb. 1b.
Lage und Zerstörung
Die talbeherrschende Spornlage war prädestiniert für eine Burganlage. Während auf drei Seiten felsige Steilhänge einen natürlichen Schutz boten, war die gefährdete Engstelle am Übergang zur Coschützer Hochfläche durch eine mindestens 10 m hohe Abschnittsbefestigung gesichert. An den anderen Stellen genügte wohl eine schwächere Randbewehrung, mithin auch nur eine einfache Palisade. Leider sind gerade die Plateauränder und Randbereiche der Innenfläche dem Steinabbau zum Opfer gefallen. War die Anlage ursprünglich etwa 3,5 ha groß, wurde durch den Betrieb mehrerer Steinbrüche seit dem 19. Jh. mindestens 1 ha zerstört.
Michael StrobelBildquelle DGM ©LfA/GeoSN 2020.
Anfänge der Forschung
Der Zustand von Wall und Innenfläche war schon im ausgehenden 19. Jh. beklagenswert. Die intensive ackerbauliche Nutzung förderte laufend Funde zutage. Vom Wall – so Rudolf Virchow 1896 – sei „nur hier und da eine schwache Andeutung übriggeblieben.“ Immerhin stand die Heidenschanze unter ständiger Beobachtung interessierter Vorgeschichtsfreunde aus dem Dorf Coschütz und der nahen Landeshauptstadt. Diese Aufmerksamkeit und überregionale Bekanntheit änderten allerdings nichts an der fortschreitenden Zerstörung durch die Steingewinnung.
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Eine Propagandagrabung
Nachdem es vor allem aus Kostengründen bis 1933 nie zu systematischen Untersuchungen gekommen war, schlug nach der Machtübergabe an die NSDAP die Stunde der Ausgräber. Der Zittauer Archäologe Walter Kersten (1907–1944), Parteimitglied seit 1932 (hier in Parteiuniform) und enger Mitarbeiter des obersten Bodendenkmalpflegers im damaligen Freistaat Sachsen, Georg Bierbaum (1889–1953), verstand es geschickt, aus einer denkmalpflegerisch gebotenen Rettungsgrabung politisch-propagandistisches Kapital zu schlagen.
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Wissenschaftler und Nationalsozialist
Kersten war nicht nur ein gut geschulter Ausgräber und glänzender Organisator, der den Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD) für die Erdarbeiten mobilisieren konnte, sondern gleichzeitig auch überzeugter Nationalsozialist und NSDAP-Gausachbearbeiter für Vorgeschichte, der die NS-konforme Neuausrichtung der sächsischen Bodendenkmalpflege aus dem Apparat der Partei heraus maßgeblich mitgestaltete.
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Moderne Grabungsmethoden
Sein Organisationstalent erstreckte sich einerseits auf die Durchführung und Leitung der Ausgrabung, die technisch-methodisch ganz auf der Höhe der Zeit war: Dazu gehörten Wallschnitte genauso wie die großflächige Freilegung von Hausgrundrissen, Feuerstellen und Werkplätzen, die fotografisch und zeichnerisch dokumentiert wurden. Der hohe Stand der Grabungsdokumentation zeigt sich nicht zuletzt in Luftaufnahmen.
Michael StrobelBildquelle K. Jünger 2020, 38, Abb. 22a.
Öffentlichkeitsarbeit
Andererseits beherrschte der junge Nachwuchsarchäologe das ganze Spektrum einer „modernen“ Öffentlichkeitsarbeit, das von regelmäßigen Führungen über die Einrichtung eines Kleinmuseums in Baracken bis hin zu Presseartikeln, Radiointerviews und Filmaufnahmen reichte. Innerhalb weniger Monate wurden die Ausgrabungen von etwa 25000 Personen besucht, darunter über 10000 Schüler und 350 Lehrer sowie viel Parteiprominenz und Vertreter der höheren Ministerialbürokratie. So sehr diese Zahlen die anfänglichen Erwartungen übertroffen haben mögen, so entscheidend dürfte die leichte Erreichbarkeit der vorgeschichtlichen Befestigung für ein städtisches Publikum bereits die Auswahl der Ausgrabungsstätte beeinflusst haben.
Michael StrobelBildquelle OA 02040, 1423 ©LfA 2024.
Die Grabung 1934
Umso enttäuschender war die Resonanz im folgenden Jahr: Auf eine mangelnde Öffentlichkeitsarbeit kann die Halbierung der Besucherzahl kaum zurückzuführen sein. Allerdings war der neue Grabungsleiter Otto Kleemann (1911–1996) bei weitem nicht so gut vernetzt wie sein Vorgänger. Ohne Unterstützung durch 20 Arbeitsdienstkräfte hätte auch diese Kampagne nicht durchgeführt werden können.
Michael StrobelBildquelle Foto ©LfA 1934.
Heidenschanze und „Heimatschutzgesetz“
Besucherandrang und öffentliche Aufmerksamkeit scheinen im Sommer und Herbst 1933 in Partei und Beamtenschaft einen so großen Eindruck hinterlassen zu haben, dass der Erlass eines Denkmalschutzgesetzes im Januar 1934 durch Reichsstatthalter Martin Mutschmann (1879–1947) und Ministerpräsident Manfred von Killinger (1886-1944) auch der Umtriebigkeit und „Lobbyarbeit“ des damaligen Grabungsleiters Walter Kersten zugeschrieben werden muss. Das neue „Heimatschutzgesetz“ und die Eintragung der Heidenschanze in die Denkmalliste konnten freilich nicht verhindern, dass der Steinbruchbetrieb auf Kosten des Bodendenkmals seit 1936 sogar noch intensiviert wurde.
Michael StrobelBildquelle Denkmalgesetz 1934 ©LfA 2024.
Rettungsgrabungen am Abgrund
Blieben die abbaubegleitenden Untersuchungen anfangs weit hinter den 1933 und 1934 gesetzten Standards zurück, gelang es Hermann Dengler (1890–1945), langjähriger Mitarbeiter des Landesmuseums für Vorgeschichte in Dresden, im Winter 1940/41 immerhin, unter widrigen Bedingungen eine weitere Fläche zu dokumentieren und Funde zu bergen. Die Erde war so durchgefroren, dass die fundführenden Schichten gesprengt werden mussten. Für diese gefährlichen Arbeiten an der Steinbruchkante wurden zehn französische Kriegsgefangene eingesetzt.
Michael StrobelBildquelle H. Dengler, Foto ©LfA 1940.
Die Zerstörung geht weiter
Da auch nach dem Kriegsende nicht an eine Einstellung der Steingewinnung zu denken war, und wirtschaftliche Interessen über die Erhaltung des Bodendenkmals gestellt wurden, musste 1956/1957 unter der örtlichen Leitung von Artur Pietzsch (1901–1975) noch einmal eine größere Fläche am Plateaurand aufgedeckt werden, die interessante Einblicke in die Befundsituation erbrachten. Ein bis zu 6 m mächtiges Kulturschichtpaket direkt an der Steinbruchkante archäologisch zu untersuchen, war nicht nur ein gefährliches, sondern auch grabungstechnisch anspruchsvolles Unternehmen.
Michael StrobelBildquelle K. Jünger 2020, 43, Abb. 38.
Eine „bronzezeitliche Stadt“?
In Zeitungsartikeln war 1933 und 1934 immer wieder von einer „bronzezeitlichen Stadt“ zu lesen. Auch in einem Rundfunkinterview und in einem Film wurde die Heidenschanze als „Eine 3000 Jahre alte Stadt“ bezeichnet. Offenbar wollte Kersten mit dem Stadtbegriff die Bedeutung der vorgeschichtlichen Wallanlage hervorheben. Vermutlich standen die aufwendigen Ausgrabungen unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck. Heute würde man zwar nicht mehr von „Stadt“, aber allemal von einer bedeutenden Höhensiedlung der Lausitzer Kultur sprechen. Seit den ersten systematischen Ausgrabungen 1933 sind 90 Jahre vergangen. Es ist daher nicht leicht, aus den überlieferten Grabungsunterlagen die Geschichte und Struktur der Befestigung zu rekonstruieren.
Michael StrobelBildquelle K. Jünger/J. Schachtmann 2010, Abb. 2.
Ein „Schlackenwall“
Hatten verbrannte Steine und Hölzer aus dem Abschnittswall schon im 19. Jh. die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich gezogen, bestätigten die Schnitte der Jahre 1933 und 1934, dass die Befestigung wenigstens einmal durch ein großes Schadensfeuer zerstört worden sein muss. Im 19. Jh. ist für dieses Phänomen der Begriff „Schlackenwall“ aufgebracht worden, weil die zahlreichen stark verbrannten, gewissermaßen „verschlackten“ Steine besonders auffällig waren.
Michael StrobelBildquelle K. Jünger 2020, 18, Abb. 5a.
Zerstört und wiederaufgebaut
Sieht man von jungsteinzeitlichen Einzelfunden ab, scheint das Plateau der Heidenschanze während der jüngeren Bronzezeit erstmals intensiver genutzt, aber allenfalls mit einer wallartigen Schüttung befestigt worden zu sein. Frühestens um 1000 v. Chr., am Beginn der Jüngstbronzezeit, wurde eine etwa 4–5 m breite Wehrmauer mit äußerer Steinfront errichtet. Die Trockenmauer war mit Holzbalken in einer Erdanschüttung verankert. Nach der Zerstörung erfolgte ein Wiederaufbau mit zwei Mauerschalen, die ebenfalls von Holzankern zusammengehalten wurden und offensichtlich bis ins 7. Jh. v. Chr., d.h. in die ältere Vorrömische Eisenzeit die Befestigung bildeten. Der etwa 5 m breite Zwischenraum war mit Steinen und Erdmaterial gefüllt.
Michael StrobelBildquelle K. Jünger 2020, 118, Abb. 91,7.
Spuren dichter Bebauung
Im Laufe von mehreren Jahrhunderten haben sich auf dem Plateau Kulturschichten bis zu 1 m, an den Rändern sogar bis zu 6 m Mächtigkeit abgelagert. Sie umfassen Hausreste, Werkplätze, ehemalige Oberflächen und zahlreiche Siedlungsabfälle. In diesen Paketen einzelne Bebauungsphasen zu unterscheiden, ist auf Grundlage der vorhandenen Unterlagen sehr schwierig. Lediglich ein 5,5 x 11,5 m großer, zweischiffiger Pfostenbau lässt sich rekonstruieren. Allein die schiere Zahl von Pfostenstellungen und Gruben spricht jedoch für eine dichte Bebauung.
Michael StrobelBildquelle K. Jünger 2020, 94, Abb. 94c.
Häuser
Die Gebäude besaßen Lehmfußböden und waren mit Feuerstellen ausgestattet. Die Wände bestanden wohl aus Spaltbohlen oder Flechtwerk und waren mit Lehm verputzt. Wenigstens die Innenwände waren mit einer mehrfach erneuerten Kalkschicht überzogen, vielleicht z.T. sogar bemalt. Möglicherweise gab es auch Blockbauten. Zwischen den Gebäuden befanden sich Vorratsgruben, die man in den verwitterten Felsen oder in ältere Schichten eingegraben hatte und später mit Abfällen verfüllte.
Michael StrobelBildquelle Foto ©LfA 1933.
Ersatzstoff Knochen
Der Haupterwerb der Bewohner basierte überwiegend auf Ackerbau und Viehzucht. Gehalten wurden vor allem Rinder und Schweine, seltener Ziegen und Schaf, deren Wolle zu Textilien verarbeitet wurde. Von der Textilproduktion zeugen Spinnwirtel und Knochennadeln. Wildtiere, meist Rothirsch und Wildschwein, lieferten etwa ein Fünftel des Fleischbedarfs und wurden offensichtlich intensiv bejagt. Die Herstellung von Pfeilspitzen aus Knochen und Horn in der Befestigung selbst ist durch Halbfabrikate und Abfälle bezeugt. Bronze scheint ein so knapper Rohstoff gewesen zu sein, dass man für Werkzeuge und Waffen auf Ersatzstoffe zurückgreifen musste.
Michael StrobelBildquelle U. Wohmann, Foto ©LfA 1999.
Bronzegießer
Neben der Produktion von Knochen- und Geweihgeräten spielte die Bronzeverarbeitung eine zentrale Rolle auf der Heidenschanze. Drei Schmelzöfen am westlichen Rand der Hochfläche bildeten wahrscheinlich nur den Ausschnitt eines größeren Quartiers von Bronzehandwerkern, in dem zumindest zinnreiche Bronze umgeschmolzen oder sogar Zinn und Kupfer legiert wurden. Bruchstücke von Tiegeln und Tondüsen gehörten zur metallurgischen Grundausstattung dieser Spezialisten.
Michael StrobelBildquelle K. Jünger 2020, 124, Abb. 97.
Ein Zentrum des Bronzehandwerks?
In Gussformen aus Stein wurde ein breites Spektrum von Waffen (u. a. Pfeil- und Lanzenspitzen), Geräten (z. B. Beile und Sicheln) und Schmuck- bzw. Trachtgegenständen (z. B. Anhänger, Nadeln und Halsringe) hergestellt. Insgesamt sind vier Depotfunde nachgewiesen, die mit der Bronzeherstellung in Verbindung gebracht werden dürfen oder als „Bauopfer“ niedergelegt wurden.
Michael StrobelBildquelle U. Wohmann, Foto ©LfA 1999.
Rad und Wagen
Die Coschützer Heidenschanze liegt zwar abseits der Dresdner Elbtalweitung, aber mutmaßlich an einem wichtigen historischen Verkehrsweg, der durch das Erzgebirge bis Böhmen führte. Zumindest indirekt verweisen Scheiben- und Speichenräderfragmente von tönernen Wagenmodellen auf Transport und Handel. Wie so viele andere Burgen auch wurde die Heidenschanze im Laufe der älteren Vorrömischen Eisenzeit bis spätestens 500 v. Chr. aufgegeben.
Michael StrobelBildquelle U. Wohmann Diatheknr. 20110810_uwoh_0017 ©LfA 1999.
Verkehrsgunst als Standortfaktor
Erst Jahrhunderte später, um 1000 n. Chr., wurde das Plateau im Frühmittelalter wieder besiedelt, vielleicht auch befestigt. Aus dieser Zeit stammen typische „slawische“ Scherben. Die günstige verkehrstopographische Lage mag auch diesmal ein entscheidender Faktor gewesen sein. Heute ist die Hochfläche als Bestandteil des FFH-Gebietes „Hoher Stein und Heidenschanze“ unter Dauergrünland dauerhaft geschützt. Einen vergleichbaren Schutz genießen im Freistaat Sachsen nur wenige andere Denkmale.
Michael StrobelBildquelle K. Jünger 2020, 129, Abb. 99.
Literatur
Werner Coblenz, Die Heidenschanze von Dresden-Coschütz. In: Heinz-Joachim Vogt (Hrsg.), Archäologische Feldforschungen in Sachsen. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege Beiheft 18 (Berlin 1988) 117–121.
Konstanze Jünger, Die vorgeschichtliche Besiedlung der Heidenschanze von Dresden-Coschütz. Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie Sachsen 70 (Dresden 2020).
Konstanze Jünger/Judith Schachtmann, „Eine 3000 Jahre alte Stadt“: die Ausgrabungen auf der Heidenschanze von Dresden-Coschütz und ihre Darstellung in der Öffentlichkeit. In: Regina Smolnik (Hrsg.), Ausgrabungen in Sachsen 2. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege Beiheft 21 (Dresden 2010) 27–35.
Judith Schachtmann/Thomas Widera, Wissenschaftler und Nationalsozialist: Der Vorgeschichtler Walter Kersten (1907–1944) in Sachsen. Archaeo 10, 2013, 30–36.
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
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Zitat des Beitrags
Michael Strobel, Heidenschanze Coschütz. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (05.09.2024). https://archaeo-sn.de/ort/heidenschanze-coschuetz/ (Stand: 14.08.2026)