































Grabhügel und Freilichtmuseum von Gävernitz
| Ort: | Gävernitz (Priestewitz, Meißen) |
|---|---|
| Typ: | Hügelgrab/Hügelgräberfeld mit Brandgräbern | Flachgräberfeld mit Hügelgräbern |
| Datierung: | Lausitzer Kultur | ältere Vorrömische Eisenzeit | 1200 - 700 v. Chr. |
Beschreibung
Die Grabhügel liegen auf einer leichten Anhöhe südlich der Wantewitzer Höhe direkt westlich der ehemaligen Reichsstraße 101 (heute Bundesstraße B101), die als Hauptverbindungsweg von Sachsen nach Berlin führte und deshalb stark befahren war. Vermutlich bildeten die Hügel den Kern eines größeren Friedhofes, der sich nach Westen und Südwesten über die Feldfläche erstreckt.
Michael StrobelForschungschronik
Bildquelle Foto ©LfA 2024.
Die „Gründungsurkunde“ des Freistaates Sachsen?
Spät geht über Sachsens Geschichte der Stern schriftlicher Überlieferung auf. Was sich in den Jahren 928 und 929 n. Chr. in der späteren „Mark Meißen“ zugetragen haben soll, wird bis heute nacherzählt, als gäbe es in den historischen Quellen keine Widersprüche. So stört es niemanden, dass Widukind von Corvey in seinen um 965 entstandenen RES GESTAE SAXONIAE zwar die Eroberung der Daleminzierburg „Gana“ im Winter 928/929 n. Chr. in allen Einzelheiten schildert, jedoch kein Wort über jene Befestigung verliert, deren Bau König Heinrich I. auf dem Meißner Burgberg im Frühjahr 929 wenige Monate nach der Zerstörung „Ganas“ befohlen haben soll. Diese Erzählung, die wiederum nur in der von Thietmar ein Jahrhundert nach den legendären Ereignissen verfassten Chronik überliefert ist, gehört dennoch zu den unhinterfragten Gründungsnarrativen der sächsischen Landesgeschichte.
Michael StrobelBildquelle Dresdner Handschrift der Chronik Thietmars von Merseburg ©SLUB.
Die 1000Jahrfeier 1929 unter nationalen Vorzeichen
Nachdem man 1879 aus dem „Gründungsakt“ Heinrichs noch kein großes Aufheben gemacht und stattdessen zehn Jahre später das 800-jährige Regierungsjubiläum des wettinischen Königshauses zelebriert hatte, ging die Milleniumsfeier 1929 weit über ein lokales Stadtjubiläum hinaus. Freilich war das Jahr 1929 schon überschattet von der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise, die sich im Freistaat seit 1928 in steigenden Arbeitslosenzahlen anzukündigen begann. Umso größer scheint das Bedürfnis vor allem in konservativen Kreisen nach historischer Rückversicherung und Identitätsschöpfung aus einer „tausendjährigen“ Geschichte gewesen zu sein, die mit der zeitgenössischen Grenz- und Volkstumskampfrhetorik aufgeladen wurde. Wo immer sich in diesen Jahren Landesgeschichte und Archäologie zum 9.–11. nachchristlichen Jahrhundert n. Chr. äußerten, waren sie anfällig für völkisch-nationalistische Phrasen, z. B. von der „Begründung deutscher Herrschaft und Wiederaufrichtung staatlichen deutschen Lebens in der Mark Meißen“ und von der kulturellen Unterlegenheit der einheimischen slawischen Bevölkerung.
Michael StrobelBildquelle Lippert 1929, 24.
Eine opulente Festschrift
Der offiziellen Festschrift dagegen ist deutlich anzumerken, dass sich der Herausgeber Karl Grossmann um eine möglichst breite und aktuelle Darstellung wirtschaftlicher, politischer, historischer und kultureller Themen bemühten, deren Bogen von der Landesgeschichte über die Kunstpflege bis hin zu Sozialfürsorge, Verkehrswesen und Industrie gespannt war. Nach einer Darstellung der prähistorischen Vergangenheit des Landes sucht man in dem ebenso repräsentativen wie gewichtigen Sammelband indessen vergebens. Dem Leipziger Landeshistoriker Rudolf Kötzschke (1867–1949) genügten zwei dürre Sätze, um die „grauen Zeiten der Vorgeschichte“, die „Stämme germanischen Geblüts“ und „sorbenwendischen“ „zuwandernden Slawen“ abzuhandeln, die zwar „schützende Wallburgen“, aber „keine Städte“ gebaut hätten.
Michael StrobelBildquelle Grossmann 1929.
Notorisch unterfinanziert
Wer aber hätte gerade zu den Befestigungen mehr sagen können als die amtlichen Archäologen? Immerhin wurden die vor- und frühgeschichtlichen Wallanlagen im Freistaat Sachsen seit April 1928 systematisch erfasst und punktuell auch untersucht. Die Gelder stellte die von der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft geförderte „Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung vor- und frühgeschichtlicher Wall- und Wehranlagen“ zur Verfügung, die auch Untersuchungen an dem frühmittelalterlichen Burgwall von Köllmichen (Stadt Grimma) finanzierte. Nachdem im Herbst 1928 der inzwischen aus dem Amt geschiedene Volksbildungsminister Friedrich Kaiser (1877–1956) mit Gattin diese Grabungen besucht hatte, wäre es gerade im Milleniumsjahr nur konsequent gewesen, die letzte Kampagne für eine erneute Mobilisierung politischer Entscheidungsträger aufzubieten. Diese günstige Gelegenheit, einmal mehr auf die notorische Unterfinanzierung der archäologischen Denkmalpflege und das Fehlen eines Schutzgesetzes aufmerksam zu machen, das über einen Entwurf vom Januar 1926 nicht hinausgekommen war, scheint jedoch ungenutzt verstrichen zu sein.
Michael StrobelBildquelle W. Kersten, OA 42820, 1280, Foto ©LfA 1928.
Denkmalschutz ohne gesetzliche Grundlage
Wie schlecht die Aussichten auf eine Wiederaufnahme des Gesetzgebungsverfahrens 1929 standen, wurde von keinem Geringeren als dem „ungekrönten König von Sachsen“ – so der renommierte Dresdner Kunsthistoriker Fritz Löffler (1899–1988) – von Ministerialdirektor Robert Alfred Schulze (1878–1929), der die Sächsische Staatskanzlei und in Personalunion die Abteilung für Kunstpflege im Sächsischen Innenministerium leitete, ausgerechnet an prominenter Stelle in der Jubiläumsschrift zum Ausdruck gebracht: Aufklärungsarbeit habe im sächsischen Volk ein so großes Pietätsverhältnis zu seinen Kunstdenkmälern erzeugt, dass der Rechtsschutz „im allgemeinen entbehrlich“ sei. Dieser ebenso verbreiteten wie einseitigen Position waren der Leiter der Dresdner Museums für Mineralogie, Geologie und Vorgeschichte Eberhard Rimann (1882–1944) sowie der Kustos der Prähistorischen Abteilung Georg Bierbaum (1889–1953) bis dahin ebenso vergeblich entgegengetreten, wie sie in ihren Denkschriften eine größere finanzielle Ausstattung angemahnt und der Ministerialbürokratie detailliert vorgerechnet hatten, wie viel besser die archäologische Denkmalpflege zumal in den benachbarten preußischen Provinzen Schlesien und Sachsen dastünde, ganz zu schweigen von der mangelnden „Pietät“, die in Sachsen archäologischen Denkmalen entgegengebracht würde.
Michael StrobelBildquelle Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz 18, 1929, 478.
In Sichtweite der ehemaligen Reichsstraße 101
In der allgemeinen Misere wirkten auch die Burgwallmittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft nur wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Den Zaungästen der 1000-Jahrfeier hätte daher kein größeres Geschenk in den Schoß fallen können als die Entdeckung des monumentalen bronzezeitlichen Hügels von Gävernitz, der 1928 südlich des Ortsrandes unweit westlich der heutigen B101 bei der Herbstbestellung vom Motorpflug angerissen und von dem Rittergutsbesitzer Balduin Pfeil auf Anraten seines Cousins Max Andrä (1866–1946) dem Dresdner Museum pflichtbewusst gemeldet wurde. Andrä, der in Seebschütz auf der anderen Elbseite einen florierenden Landwirtschaftsbetrieb führte und sich um die Landesarchäologie bis dahin schon große Verdienste erworben, mag im Hintergrund auch daran mitgewirkt haben, dass sein Vetter den Archäologen bei den Kaufverhandlungen für das Grundstück nach Abschluss der Grabungen großzügig entgegenkam.
Michael StrobelBildquelle Kartengrundlage ©GeoSN 2024.
Eine Ausgrabung auf der Höhe ihrer Zeit
Was den Archäologen entgangen wäre, wenn sich Pfeil für eine Sprengung der Steinblöcke und gegen eine umsichtige Fundmeldung entschieden hätte, wurde erst im Laufe der Ausgrabung sichtbar. Die örtliche Leitung der Untersuchungen lag in den Händen von Gotthard Neumann (1902–1972), der seit 1927 als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Museum für Mineralogie, Geologie und Vorgeschichte beschäftigt war und u. a. in Köllmichen umfangreiche Grabungserfahrung gesammelt hatte. Die Freilegungsarbeiten begannen Mitte April und dauerten etwa zweieinhalb Monate bis Anfang Juli. Zum Vorschein kam dabei eine massive kreisförmige Steinpackung von ca. 14 m Durchmesser, die aus einem äußeren Steinkranz, einem stufenförmig und konzentrisch aufgebauten Kern sowie einem zentralen, von größeren Orthostaten eingefassten Zylinder bestand, mit dem eine Aschegrube überbaut war. Nach Schätzungen Neumanns wurden für die Steinkonstruktion ca. 600 Zentner Material bewegt, die man mühsam in der Gegend zusammengetragen und planmäßig verbaut zu haben scheint. Technisch und methodisch war die Ausgrabung ganz auf der Höhe der Zeit. Damit die Feldarbeiten jedoch zu einem öffentlichen Ereignis werden und eine Dynamik über ihren Abschluss hinaus entfalten konnten, musste der Grabungsleiter nicht nur über wissenschaftliche Kompetenz, sondern auch großes kommunikatives Geschick verfügen.
Michael StrobelBildquelle G. Bierbaum, OA 44320, 57, Foto ©LfA 1929.
Rege öffentliche Resonanz
Neumann erkannte auf der einen Seite sehr schnell, welches Potential die Fundstelle für eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit bot. Wie leicht Archäologen in einem diskursiven Überbietungswettbewerb die Kontrolle über ihre Wissenschaftspopularisierung verlieren können, musste andererseits nicht erst der junge Grabungsleiter erleben. Wer 100 m von einer vielbefahrenen Straße entfernt Ausgrabungen durchführt, erregt zwangsläufig öffentliches Aufsehen. Die Reichsstraße 101 zwischen Dresden und Berlin gehörte vor dem Bau der Reichsautobahn zu den Hauptverkehrsachsen des damaligen Deutschen Reichs. Da wenige Tage nach Grabungsbeginn in der Presse erste kurze Notizen erschienen und umliegende Schulen gezielt eingeladen wurden, zog es allein bis Mitte Mai über 10000 Schaulustige und Interessierte an die Grabungsstelle. Schon am Monatsanfang wandte sich der Großenhainer Notar Martin Saupe nach einem Gespräch mit dem Grabungsleiter an den Landesverein Sächsischer Heimatschutz mit der Bitte, das „historische Denkmal zu erhalten und für Zukunft zu sichern“ (Rechtsanwalt Saupe an Landesverein, 1.5.1929, OA Gävernitz), und begründete seine Eingabe mit dem großen öffentlichen Interesse sowie der mangelnden Aussicht auf staatliche Förderung.
Michael StrobelBildquelle G. Bierbaum, OA 44320, 48, Foto ©LfA 1929.
Hoher Besuch
Der Einladung der Museumsleitung zu einem Pressetermin am 14. Mai, zwei Tage nach einer Landtagswahl, folgten nicht nur der geschäftsführende DVP-Volksbildungsminister Wilhelm Bünger (1870–1937) in Begleitung hoher Beamter seines Ministeriums, u. a. Ministerialdirektor Konrad Woelker (1875-1945), ferner Hauptstaatsarchivdirektor Hans Oskar Beschorner (1872–1956), die Amtshauptmänner Alfred Fellisch (1884–1973, Amtshauptmannschaft Großenhain) und Richard Schmidt (1871–1945, Amtshauptmannschaft Meißen), beide SPD, Bezirksschulinspektor Ludwig sowie mehrere Bürgermeister, sondern auch zahlreiche Pressevertreter.
Michael StrobelBildquelle W. Radig, OA 44320, 32, Foto ©LfA 1929.
Breites Presseecho
Das Echo in regionalen und überregionalen Tageszeitungen war überwältigend und währte vom 14. bis zum 22. Mai. In den Ortsakten des Landesamtes für Archäologie Sachsen sind aus diesen Tagen 15 Artikel archiviert. Obwohl bei weitem nicht in allen ein Zusammenhang zu den Jubiläumsfeierlichkeiten hergestellt wird, scheint dennoch bei einigen Journalisten die Botschaft angekommen zu sein, dass Sachsens Geschichte weiter zurückreicht als nur 1000 Jahre.
Michael StrobelBildquelle Dresdner Anzeiger 199, Nr. 225 vom Mittwoch, 15. Mai 1929, S. 5, OA 44320, 200, ©LfA 1929.
Viel Aufmerksamkeit – wenig Wirkung
Der Pressetermin verlief nach einer intern sorgfältig abgestimmten Choreographie: Museumsdirektor Rimann begrüßte die Gäste, würdigte die Verdienste des Gutsbesitzers und referierte anschließend, was er und Bierbaum in einer Eingabe an das Volksbildungsministerium bereits vor zwei Jahren ausführlich dargelegt hatten: Die umfangreichen Aufgaben und chronische Unterfinanzierung der archäologischen Denkmalpflege, das Fehlen eines Denkmalschutzgesetzes sowie die eminent politische Bedeutung der Vorgeschichtsforschung im „Abwehrkampf“ gegen polnische und tschechische Gebietsansprüche; freilich wäre es in der Gegenwart des Ministers als Affront empfunden worden, wenn der Museumsdirektor bei allen berechtigten Klagen nicht auch eine gewisse „Besserung“ für den „Arbeitszweig“ in der „Obhut des Volksbildungsministeriums“ (Dresdner Neueste Nachr. vom 16.5.1929) konzediert hätte. Der eigentliche Adressat der Jeremiade war ohnehin das für die Denkmalpflege und damit das Archiv Urgeschichtlicher Funde aus Sachsen zuständige Innenministerium, das zu dem Termin freilich ebenso wenig einen Vertreter entsandt hatte wie das Finanzressort.
Michael StrobelBildquelle W. Radig, OA 44320, 33, Foto ©LfA 1929.
Regionale Einordnung
Nachdem dann Bierbaum den Befund in den regionalen bronzezeitlichen Fundkontext eingeordnet und vor allem die bekannten Altfunde, insbesondere die Gussformen, hervorgehoben hatte, die seit 1832 im Bereich des Gräberfeldes bzw. der Kiesgrube zutage gekommen waren, durfte der Grabungsleiter den Aufbau des Grabes erläutern und zu einer Interpretation ausholen, von der er sich ein Jahr später teilweise wieder distanzieren musste.
Michael StrobelBildquelle G. Bierbaum, OA 44320, 355, Foto ©LfA 1929.
Die Publikation zur Grabung
Es ist Neumann hoch anzurechnen, dass er in dem 1930 vom Landesverein herausgebrachten Führungsheft wenigstens von der Vorstellung abrückte, die Radialstruktur der Hügelkonstruktion sei dem Sonnenrad nachgebildet (Neumann 1930, 15). Schlechthin undenkbar war es dagegen, die fixe Idee eines Grabmals, in dem nur ein „Großer“, das „Oberhaupt einer Gemeinde“ (ebd. 30) bestattet gewesen sein konnte, aufzugeben. Wäre bei dem Pressetermin schon der Begriff „Fürstengrab“ gefallen, hätten ihn die Journalisten sicherlich begierig aufgegriffen.
Michael StrobelBildquelle Neumann 1930.
Nüchterne Berichterstattung
Zur Halbzeit der Ausgrabung ist es jedoch in der Berichterstattung bei einem „erlauchten Toten“, einer „mächtigen Persönlichkeit von überragendem Einfluss“, vom „Großen“ eines „unbekannten Urvolkes“, dem „Totenmal eines Großen“, einem „großen Rundgrab“ etc. geblieben. Selbst den späteren Vergleich zwischen der unbestritten monumentalen Bauweise des Gävernitzer Hügels und „den Pyramiden Ägyptens“ scheint Neumann vorläufig gescheut zu haben (ebd. 21).
Michael StrobelBildquelle Meißner Tagblatt vom 18. Mai 1929, OA 44320, 201 ©LfA 1929.
Keine Pyramide
Er hätte damit bei den Besuchern Erwartungen geweckt, die von der konkreten Befundrealität nur enttäuscht werden konnten: Denn von einer regulären Bestattung, gar einem „Pharao“ fehlte jede Spur. Die dürftige Unscheinbarkeit der Funde brachte den Ausgräber offensichtlich schon während der Führungen in Erklärungsnot und lässt sich bis heute durch den Verweis auf Störungen oder eine mögliche Beraubung nicht ohne weiteres aus der Welt schaffen.
Michael StrobelBildquelle M. Löhrich, OA 44320, 20, Foto ©LfA 1929.
Erste Wiederaufbaupläne
Erst als sich die Fragen nach dem künftigen Schicksal des Hügels häuften und die Museumsleitung daher im Juni mit dem Vorschlag an Volksbildungsministerium und Amtshauptmannschaft herantrat, die Anlage als Anschauungsobjekt wiederherzustellen und dafür Mittel bereitzustellen, wurde in einer Pressemitteilung zum Abschluss der Ausgrabungen der Terminus „Fürstengrab“ aus dem archäologischen Begriffsarsenal aktiviert – wohl um dem Vorhaben besonderen Nachdruck zu verleihen. Offenbar wollten sich die Akteure nicht auf die Überzeugungskraft der Besucherzahlen verlassen.
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 157 ©LfA 1929.
Besucherandrang
In der Statistik ist bis zum 4. Juni 1929 ein Andrang von über 17000 Personen dokumentiert, der nur von einer zusätzlichen Führungskraft bewältigt werden konnte. Besonders Klassen und Lehrer aller Schulgattungen waren unter dem Publikum und steigerten die Bereitschaft des Volksbildungsministeriums, für die Rekonstruktion tatsächlich 5000 RM zur Verfügung zu stellen, wenn in der Konzeption ausreichend pädagogischen Anforderungen Rechnung getragen und zusätzliche Mittel eingeworben würden. So leicht es der Museumsleitung fiel, die Hügelrekonstruktion durch ein Kleinmuseum zum „Lernort“ aufzuwerten und die Gestaltungswünsche der Ministerialbeamten abzuwehren, die sich unter der Grabanlage wohl ein begehbares mykenisches Kuppelgrab vorgestellt hatten, so schwierig war die Kofinanzierung angesichts des konjunkturellen Einbruchs, zumal allein die Grabung 2600 RM gekostet hatte, von denen 1600 RM aus Geldern des Burgwallprojektes, also zweckentfremdeten Reichsmitteln vorfinanziert werden mussten.
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 159 ©LfA 1929.
„Sponsoring“
In dieser prekären Situation bewährte sich wieder einmal der Landesverein als Nothelfer, dem Grundbesitz, Lotterien und vor allem ca. 40000 Mitglieder selbst in Krisenzeiten eine erstaunliche Finanzkraft sicherten. Am Ende waren nämlich auch die Überlassung des vereinseigenen Fahrzeugs, die Entsendung des Vereinsfotografen Max Nowak, der Druck der Broschüre Neumanns oder die Verwaltung der eingegangenen Mittel geldwerte Leistungen, die auf die finanzielle Förderung bzw. die Grundstücksübernahme und -pflege durch den Verein angerechnet werden müssten. Nachdem der Vorstand auf einer Sitzung Ende Februar 1930 2500 RM bewilligt hatte, übernahm der Verein 1931 darüber hinaus bis dahin angefallene Zusatzkosten in Höhe von weiteren 1000 RM sowie die Finanzierung des Hügelmodells.
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 106 ©LfA 1930.
Im Schatten der Baudenkmalpflege
Angesichts dieser Lastenverteilung war nicht einzusehen, warum sich ausgerechnet das für die Denkmalpflege zuständige Innenministerium nicht an der Förderung der Wiederherstellung des Monuments beteiligte. Seit Jahren stand das Archiv Urgeschichtlicher Funde finanziell wie personell im Schatten der Bau- und Kunstdenkmalpflege. Dennoch sollte die Museumsleitung im April 1930 gewusst haben, dass einem Förderantrag mit der Begründung, bei dem Grab von Gävernitz handele sich um ein „ungewöhnlich großartiges Baudenkmal der Vorzeit“ (Wanderer an Landesamt für Denkmalpflege, 8.4.1930, OA Gävernitz), kaum Erfolg beschieden sein würde. Das „Beihilfegesuch“ konnte von Walter Bachmann (1883–1958), dem Landeskonservator, nicht zuletzt deshalb kühl zurückgewiesen werden, weil der Denkmalrat, in dem kein Archäologe Sitz und Stimme hatte, „Bedenken grundsätzlicher Art über die Verwendung der Mittel der Denkmalpflege“ (Bachmann an Museum, 11.6.1930, OA Gävernitz) geltend gemacht hätte.
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 95 ©LfA 1930.
Vorarbeiten für das „Freilichtmuseum“
So verstrichen sechs kostbare Monate, ehe im Herbst 1930 endlich das Grundstück vermessen, der Kaufvertrag zwischen Pfeil und dem Landesverein abgeschlossen und die Aufträge für Rekonstruktion und Geländegestaltung sowie den Bau des Blockhauses erteilt und von örtlichen Baufirmen nach den Vorgaben bzw. Plänen Neumanns zur allgemeinen Zufriedenheit ausgeführt werden konnten.
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 508 ©LfA 1930.
Das Freilichtmuseum
Bei den Erdbewegungen stießen die Arbeiter auf einen zweiten, kleineren Hügel, dessen Untersuchung unter der Aufsicht Neumann tatsächlich Brandbestattungen erbrachte. Für die Archäologie waren diese Ergebnisse ein zusätzlicher Erkenntniszuwachs, für das Freilichtmuseum ist der zweite Hügel bis heute ein großer optischer Gewinn.
Michael StrobelBildquelle E. K. Rühle, OA 44320, 215, Foto ©LfA 1931.
Kostspielige Ausstattung
Der Eigentumsübergang wurde von einer dritten Pressekampagne flankiert, die vor allem die Museumsmitarbeiter unter Zugzwang setzte, weil sie den Journalisten nicht nur ein weiteres Mal das irreführende Stichwort „3000 jähriges Fürstengrabes aus der Bronzezeit“ (Pressemitteilung vom 20.9.1930, OA Gävernitz) lieferte, sondern auch mit einer Beschreibung des Kleinmuseums Erwartungen schürte, die einzulösen unter den aktuellen Rahmenbedingungen immer schwieriger wurde. Zum einen schied Neumann im Zerwürfnis mit Bierbaum aus dem Museumsdienst, um zum 1. Januar 1931 eine Stelle am Germanischen Museum der Universität Jena anzutreten. Die Dresdner verloren damit die treibende Kraft des Projektes. Der hauptamtliche Sammlungskustos und Archivleiter war aber weder in der Lage noch gewillt, seinem ehemaligen wissenschaftlichen Hilfsarbeiter die Feinkonzeption der Modell- und Ausstellungsgestaltung abzunehmen. Nicht zuletzt dürften sich die Konflikte gerade an der offensiven Öffentlichkeitsarbeit Neumanns entzündet haben, die dem vorsichtigen Bierbaum immer ein Dorn im Auge gewesen sein muss. Zum anderen verschlechterte sich die Finanzlage des Freistaates rapide.
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 429 ©LfA 1931.
Das zerlegbare Hügelmodell
Aus diesen Gründen gelang es zwar gerade noch rechtzeitig, von dem Dresdner Bildhauer Hans Rödig ein mehrteiliges, zerlegbares Modell des großen Hügels herstellen zu lassen, das vom Landesverein bezahlt und im Sommer 1931 provisorisch im Zwinger in den Räumen der prähistorischen Sammlung präsentiert wurde. Solange aber von Neumann keine Details für die Museumseinrichtung und von Rodig keine Abformungen des Gipsmodells vorlagen, wollte Bierbaum eine vorzeitige Eröffnung erst gar nicht in Betracht ziehen, weil er eine Beschädigung des Modells in dem Kleinmuseum fürchtete. In einer Pressemitteilung musste er die interessierte Öffentlichkeit auf bessere Tage vertrösten.
Michael StrobelBildquelle M. Nowak, OA 44320, 11, Foto Modell ©LfA 1931.
Vom „Grab eines Großen“ zum „Fürstengrab“
Um dennoch überhaupt Publikum an den interimistischen Aufstellungsort zu locken, versandte sogar der sonst so bedächtige Kustos den Pressetext unter dem Label „Das Fürstengrab von Gävernitz als Modell im Zwinger“ (Bierbaum an vier Schriftleitungen, 29.7.1931, OA Gävernitz). In den folgenden Jahren hat er dann allerdings alles dafür getan, das „fürstliche Geblüt“ zur Ader zu lassen und den vermeintlichen „Fürstenhügel“ auf ein „großes Grab“ herabzustufen (Bierbaum an Landesverein, 26.3.1941, OA Gävernitz).
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 210 ©LfA 1931.
Didaktisch wertvoll
Nach fast drei Krisenjahren (1931–1933), in denen die archäologische Denkmalpflege personell wie finanziell auf einen absoluten Tiefpunkt angekommen war und der Sammlungs- bzw. Archivleiter große Mühe hatte, sich in seinem Amt zu behaupten, konnte das Kleinmuseum im Sommer 1934 – wiederum mit Unterstützung durch den Landesverein – nach den Entwürfen Neumanns aus dem Winter 1931/32 endlich eingerichtet und eröffnet werden. Während das Hügelmodell an prominenter Stelle auf einem Mittelsockel platziert war, hingen an den Wänden Grabungspläne und -fotos, Rekonstruktionszeichnungen, Lebensbilder sowie eine Chronologietabelle. In Schrankvitrinen wurden Repliken von Funden präsentiert, für deren Abformung das Museum einen erheblichen Aufwand treiben musste, weil sich viele Originale in Privatsammlungen befanden. Gerade die Gussformen waren für eine anschauliche Ausstellung allerdings unverzichtbar.
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 225 ©LfA 1929.
Nachlassendes Interesse
Es kann das öffentliche Interesse nicht gerade befördert haben, dass Bierbaum auf eine offizielle Einweihung, ja sogar eine Bekanntgabe in der überregionalen Presse verzichtete und vor allem auf Mund-zu-Mund-Propaganda setzte, da „die Fertigstellung so lange gedauert“ (Bierbaum an Landesverein, 12.7.1934, OA Gävernitz) habe. Lediglich im Großenhainer Tagblatt und in der NS-Tageszeitung „Der Freiheitskampf“ erschienen knappe Beiträge des Großenhainer Lehrers und ehrenamtlichen Vertrauensmannes Kurt Schwandt. Vorläufig war nicht einmal ein Hinweisschild am Straßenrand vorgesehen. Zur Aufstellung einer schlichten Tafel kam es erst ein Jahr später im Sommer 1935; von einem „Fürstengrab“ war da längst nicht mehr die Rede.
Michael StrobelBildquelle W. Schmidt, OA 44320, 372 ©LfA 1936.
„Reichserntedankfeier“ 1934
Wie andere Archäologen nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten mit der „illyrischen Grabstätte“ umgegangen wären, um sich symbolisches Kapital, politische Aufmerksamkeit und letztlich zusätzliche Ressourcen zu verschaffen, bleibt eine müßige Frage. Als sich der Gävernitzer Bürgermeister mit der Anfrage an den Landesverein wandte, das Gelände am 30. September 1934 für lokale Reichserntedankfeierlichkeiten nutzen zu dürfen, stellte der Vereinsdirektor Werner Schmidt, der seine Korrespondenz schon 1929 gelegentlich „mit deutschem Gruß“ unterzeichnete, das Vorplatzgelände abseits der Hügel ohne weitere Auflagen zur Verfügung. Dagegen ist nirgendwo dokumentiert, dass höhere Parteikreise, gar der Gauleiter Martin Mutschmann (1879–1947) persönlich, je in Gävernitz gewesen wären.
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 391 ©LfA 1934.
Im Dornröschenschlaf
Und mögen Freilichtgelände und Kleinmuseum bis zum Kriegsausbruch das Ziel sporadischer Schulausflüge und Fachexkursionen oder versprengter Wanderer gewesen sein, so weist nichts daraufhin, dass die Anlage binnen mehrerer Jahre so gut frequentiert worden wäre wie 1929 die Ausgrabung innerhalb weniger Wochen. Auch vereinzelte Presseberichte konnten nicht verhindern, dass das Freilichtgelände offensichtlich bereits kurz nach der Eröffnung in einem Dämmerschlaf versank. Wer sich im Vorüberfahren für einen Spontanbesuch entschieden hatte, stand vor einer verschlossenen Blockhütte, weil der Schlüssel von einer Vertrauensperson in Gävernitz verwaltet wurde.
Michael StrobelBildquelle Forster Tagblatt, 5.5.1941, OA 44320, 501 ©LfA 1941.
Das Museumsgebäude als Notunterkunft
Nachdem Wehrmachtssoldaten bei Leitungsverlegungen das Museum beschädigt hatten, diente die Hütte Displaced Persons, Flüchtlingen und Hirten als Unterschlupf. Auf der Suche nach Brenn- und Baumaterial wurden die Innenausstattung verfeuert, das Strohdach teilweise heruntergerissen und Wandteile herausgebrochen. Je länger der verfallende Holzbau Demontage und Plünderung ausgesetzt war, desto mehr wich die anfängliche Nachkriegslarmoyanz über die „allgemeine Kulturlosigkeit“ einem nüchternen Pragmatismus.
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 483 ©LfA 1945.
Rückbau
Schließlich waren sich 1947 alle Akteure einig, die Ruine abzutragen, das verbliebene Material in der Scheune des Gutsbesitzers einzulagern und den Wiederaufbau auf „bessere Zeiten“ zu vertagen. Solange Hügel, Bodenplatte und Böschungen ausgespart wurden, konnten sie auch gegen eine Kleingartennutzung des Kiesgrubengeländes durch Flüchtlinge umso weniger einwenden, als sich die Einwohnerzahl des Dorfes Gävernitz durch Einquartierungen bis 1947 mehr als verdoppelt hatte. Im Übrigen scheinen die Grabhügel selbst unter der „Nachkriegsnutzung“ nicht annähernd so gelitten zu haben wie Blockhütte und Bepflanzung. Vom Schutzstatus dürften dabei in den ersten Nachkriegsjahren die wenigsten etwas geahnt haben. Bierbaum hatte bis 1941 und damit auffällig lange mit einer Eintragung der teilrekonstruierten Grabhügel in die Denkmalliste gezögert.
Michael StrobelBildquelle OA 44320, 469 ©LfA 1947.
Enteignung und Unterhaltung
Vom 1948 enteigneten Landesverein gingen die Verpflichtungen für das Gelände auf die Hauptverwaltung Staatliche Museen, Schlösser und Gärten über, die für die Pflegekosten aufkam. Mit den notwendigen Maßnahmen wurde 1950 der Gävernitzer Schmied Pinkert beauftragt, dem das Landesmuseum für Vorgeschichte eine jährliche Aufwandsentschädigung ausbezahlte. Seitdem ist niemand mehr auf die Idee gekommen, das Kleinmuseum auf der noch vorhandenen Bodenplatte wieder zu errichten. Allein das Gelände, vor allem die Hügel in regelmäßigen Abständen von Wildwuchs zu befreien, erforderte zahllose verdienstreiche Arbeitseinsätze.
Michael StrobelBildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2009.
Der „Archäologiepark Gävernitz"
An das „erste Freilichtmuseum Sachsens“ nach fast 100 Jahren nahtlos anzuknüpfen, ist aufgrund der gebrochenen Entstehungsgeschichte von der Ausgrabung 1929 bis in die Nachkriegszeit schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Aus guten Gründen hat sich der Terminus „Fürstengrab“ für den Gävernitzer Hügel weder in der Fachliteratur noch in der Öffentlichkeitsarbeit der 1930er-Jahre durchgesetzt. Umso vielversprechender ist es nunmehr, das Areal mit modernen didaktischen und wissenschaftlichen Methoden („augmented reality“, „experimentelle Archäologie“) zu einem vielschichtigen Lernort der Gegenwart aufzuwerten, ohne in überzeichnende („Fürstengrab“), heimattümelnde oder gar völkisch-nationalistisch aufgeladene Geschichtserzählungen zurückzufallen.
Michael StrobelBildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2021.
Literatur
Karl Grossmann (Hrsg.), Sachsen. 1000 Jahre deutscher Kultur (Dresden 1929).
Ursula Lappe, Ein Gräberfeld der Lausitzer Kultur bei Gävernitz, Kr. Großenhain Heinz-Joachim Vogt (Hrsg.), Archäologische Feldforschungen in Sachsen. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege, Beih. 18 (Berlin 1988) 184–186.
Woldemar Lippert (Hrsg.), Meißnisch-Sächsische Forschungen. Zur Jahrtausenfeier der Mark Meißen und des Sächsischen Staates (Dresden 1929).
Gotthard Neumann, Das große Grab von Gävernitz (Dresden 1930).
Jens Schulze-Forster/Tohmas Westphalen, Vom „Fürstengrab“ zum Archäologiepark: 100 Jahre Archäologie in Gävernitz. Sächsische Heimatblätter 69, 2023, 148-153.
Michael Strobel, Große Not gebar ein „Fürstengrab“. Die Hügel und das Kleinmuseum von Gävernitz, Lkr. Meißen. Archaeo 19, 2022, 36-46.
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
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Zitat des Beitrags
Michael Strobel, Grabhügel und Freilichtmuseum von Gävernitz. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (06.11.2024). https://archaeo-sn.de/ort/grabhuegel-und-freilichtmuseum-von-gaevernitz/ (Stand: 14.08.2026)