






Bandkeramische Siedlungen Nickern und Prohlis
| Ort: | Prohlis (Dresden, Dresden Stadt) |
|---|---|
| Typ: | Siedlung |
| Datierung: | Linienbandkeramische Kultur | Stichbandkeramische Kultur | ca. 5100 – 4600 v. Chr. |
Beschreibung
Im Zuge von Straßen- und Stadtbauvorhaben zu Beginn der 1990er- und 2000er-Jahre wurden im Süden Dresdens großflächige Ausgrabungen vorgenommen. Zu den außergewöhnlichsten Befunden, die während dieser Grabungskampagnen entdeckt wurden, zählen die linien- und stichbandkeramischen Siedlungen von Nickern und Prohlis. Sie gehen zurück auf die beiden ersten bäuerlichen Kulturen der Jungsteinzeit, die sich auf den fruchtbaren Lössböden der Elbtalerweiterung niederließen. Seit 2020 führt der kulturhistorische Rundwanderweg am Gerbersbach, der „Archaeo-Pfad Dresden“, mit elf Info-Stelen im heute urbanen Bereich durch die außergewöhnliche archäologische Kulturlandschaft im Süden Dresdens.
Annemarie ReckLink https://www.dresden.de/de/rathaus/stadtbezirksaemter/prohlis/geschichte/archaeo-pfad.php
Jungsteinzeitliche Siedlungskammer
Während die Menschen in der Mittelsteinzeit noch vorwiegend von der Jagd und vom Fischfang lebten, brachte die um 7500 erstmals von Südosten nach Sachsen einwandernde jungsteinzeitliche Kultur der Linienbandkeramik Getreide und Pflanzen für den Ackerbau sowie domestizierte Tiere wie Rind, Schaf, Schwein und Ziege mit sich. Neu war auch ihre sesshafte Lebensweise. Für den Ackerbau mussten ohnehin große Flächen gerodet und die dichte Vegetation gelichtet werden. Aus den gefällten Bäumen errichteten sie rechteckige Langhäuser, sie Ausmaße bis zu 40 und 60 m Länge annehmen konnten. Für ihre Siedlungen suchten sie vorzugsweise Lössböden auf, die sich gut für den Anbau von Getreide und Feldfrüchten eignen, wie die Dohnaer Lössplatte südlich von Dresden. In diesem Bereich konnten bisher dicht aneinander liegend bis zu sieben Siedlungen festgestellt werden, die teilweise nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt lagen. Darunter auch die Siedlungen von Nickern und Prohlis.
Annemarie ReckBildquelle T. Link, Kartierung ©LfA 2012.
Siedlungswesen
Typisch für die Häuser dieser Kulturen sind ihre massiven Pfosten, die in einer bestimmten Anordnung gesetzt sind, ihre Nord-Süd-Ausrichtung und ein von einem Wandgräbchen eingefasstes Nordende. Üblicherweise werden, besonders die Häuser der frühen Bandkeramik, von zahlreichen Siedlungs- und Lehmentnahmegruben begleitet. Aus ihnen wurde der Lehm entnommen, der als Wandbewurf zum Verputzen der Flechtwerkwände diente. In der Stichbandkeramischen Kultur, die aus der Linienbandkeramik hervorging, nehmen die Hausgrundrisse trapez- bis schiffsförmige Gestalt an. Oft werden sie von kleineren Nebengebäuden oder zaunartigen Strukturen begleitet. Letztere können Flächen zwischen 250 und 500 qm einnehmen. Zwar kommen Zäune gelegentlich auch schon während der älteren Linienbandkeramik vor, während der Stichbandkeramik werden sie jedoch häufig.
Annemarie ReckBildquelle L. Farkas, Foto Rekonstruktion Stichbandkeramische Siedlung, smac ©LfA 2014.
Hausbau
Die jungsteinzeitlichen Siedlungen von Nickern und Prohlis liegen beide am Gerberbach und bestanden offenbar über mehrere Jahrhunderte, was sich an der Dichte der im Boden sichtbaren Grundrisse ablesen lässt. In Prohlis kommen sowohl ältere, linienbandkeramische Langhäuser vor, als auch deutlich jüngere, aus stichbandkeramischer Zeit, vor. Teilweise überschneiden sich die Grundrisse sogar. Ein Gebäude hatte meist nur wenige Generationen bestand, bevor es aufgegeben und meist im Umfeld der alten Hofstelle neuerrichtet wurde. Oftmals finden sich Überschneidungen der Grundrisse. Da von beiden Siedlungen nur Ausschnitte untersucht werden konnten, ist ihre einstige Ausdehnung unklar.
Annemarie ReckBildquelle R. Bartels, Foto Grundriss aus Nickern ©LfA 2002.
Siedlung Prohlis
Die Siedlung Dresden-Prohlis wurde in den Jahren 1993–1994 im Rahmen einer Notgrabung und unter großem zeitlichen Druck untersucht. Insgesamt wurde dabei eine Fläche von 2 ha freigelegt. Besonders im südlichen Randbereich der Fläche waren die Befunde bereits durch den Lehmabbau in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zerstört. Dort befand sich einstmals die Ziegelei. Zwischen 1924 und 1953 wurden dort eiszeitliche Kiese und Sande abgebaut. Dennoch ließ sich anhand der sichtbaren Gruben und Pfostenlocher ein Bebauungsplan von ca. 40 Gebäudegrundrissen rekonstruieren, die jedoch über mehrere Jahrzehnte oder Jahrhunderte errichtet worden waren und nicht gleichzeitig bestanden hatten. Zeitlich umfasst die Siedlung von Dresden-Prohlis den zeitlichen Abschnitt der jüngeren Linienbandkeramik und frühen Stichbandkeramik. Anhand der am Fundplatz zutage gekommenen Keramik wird stilistisch die enge Beziehungen nach Böhmen deutlich. Absolutchronologisch lässt sich die Siedlung in die Zeit zwischen 5100 und 4900 v. Chr. einordnen.
Annemarie ReckBildquelle T. Link, Plan Prohlis ©LfA 2012.
Siedlung Nickern
Gerade in Dresden-Nickern wurde nur ein kleiner Ausschnitt der Siedlung ergraben, der konkret von dem geplanten Straßenbauprojekt betroffen war. Geplant war der Bau des Zubringers S 191 von der Dohnaer Straße zur A17 (Dresden – Prag). Die Siedlung befand sich in direkter Umgebung zu bis zu vier Kreisgrabenanlagen und eines zeitgleichen Gräberfeldes. Im Ganzen konnte ein bandkeramischer Siedlungsraum von bis zu 19 ha auf einer Länge von ca. 750 m freigelegt werden. Dabei handelt es sich dennoch nur um einen Ausschnitt der einstigen Siedlungsfläche. Insgesamt wurden ca. 17 Gebäudegrundrisse gesichert festgestellt sowie weitere 15 vermutete.
Annemarie ReckBildquelle H. Stäuble, Plan Nickern ©LfA 2020.
Fund einer Tonfigurine
Neben zahlreichen Keramikresten, die die zum Teil mit den für die beiden Kulturen namensgebenden Linien- und Stichbändern verziert waren, kamen auch außergewöhnliche Fundstücke zu Tage, wie etwa das Fragment einer kleiner Tonfigur aus der Siedlung von Dresden-Nickern. Es ist circa 2,8 cm groß und zeigt den oberen Teil eines menschlichen Kopfes. Darauf lassen sich deutlich Kerben als Haaransatz, das rechte, mandelförmige Auge und eine tonsurartige Frisur oder Kopfbedeckung zu erkennen.
Annemarie ReckBildquelle U. Wohmann, Foto ©LfA 2004.
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Steingeräte und Botanik
Dresden-Prohlis weist mit 2580 Objekten ein bemerkenswert hohes Vorkommen an Silices auf. Damit gehört der Fundort zu den silexreichsten bandkeramischen Siedlungen. Davon zeigen jedoch nur 13,1 % eindeutige Modifikationen auf. Nur diese waren also eindeutig als Gerät zugerichtet. Zu 99% handelt es sich bei den Rohmaterialien um Geschiebefeuerstein, wie er in den lokalen eizeitlichen Endmoränen vorkommt. Bei 1 % der Stücke handelt es sich um Süßwasserquarzit aus dem nordböhmischen Raum und ein Einzelstück besteht aus westungarischen Radiolarit. Hingegen erscheint das Vorkommen von nur 18 Felsgesteinbeilen für die aufgedeckte Siedlungsgröße zu gering. Hieraus ergibt sich laut Thomas Link ein Mittel von nur 0,5 Geräten pro Haus. In Dresden-Nickern stieß das Grabungsteam inmitten der Siedlung auf ein Steinbeildepot mit fertigen Geräten und Halbfabrikaten. Bereits 1961 kamen nur ca. 150 m von der Fundstelle entfernt weitere Depots zutage, die zwischen drei und acht Steingeräte enthielten. Für eine einzelne Siedlung ist diese Häufung von Depots ungewöhnlich. In einem anderen Grubenbefund in der Siedlung von Dresden-Nickern stieß das Grabungsteam auf einen großen Vorrat verkohlter Erbsen, die sich im Boden noch erkennbar erhalten hatten. Gelegentliche Funde wie dieser geben einen Hinweis darauf, was die Bandkeramiker zu sich genommen haben. Ebenfalls auf ihrem Speiseplan standen Getreidesorten, wie Emmer, Gerste und Einkorn oder Hülsenfrüchte, wie Linsen.
Annemarie ReckBildquelle U. Wohmann, Foto Steinbeildepot Nickern ©LfA 2012.
Literatur
Rainer Bartels/Wolfgang Brestrich/Patricia de Vries/Harald Stäuble, Ein neolithisches Siedlungsareal mit Kreisgrabenanlagen bei Dresden-Nickern. Eine Übersicht. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 45, 2003, 97–133.
Richard Funke/Margit Georgi/Bettina Heger/Florian Innerhofer/Anja Kaltofen/Peter Neukirch/Thomas Westphalen, Nickern und Prohlis – Archäologie und Geschichte am Gerberbach in Dresden. Archaeonaut 13 (Dresden 2020).
Thomas Link, Die linien- und stichbandkeramische Siedlung von Dresden-Prohlis: eine Fallstudie zum Kulturwandel in der Region der oberen Elbe um 5000 v. Chr. In: Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie Sachsen 60.
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
https://archaeo-sn.de/ort/bandkeramische-siedlungen-nickern-und-prohlis/
Zitat des Beitrags
Annemarie Reck, Bandkeramische Siedlungen Nickern und Prohlis. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (24.10.2024). https://archaeo-sn.de/ort/bandkeramische-siedlungen-nickern-und-prohlis/ (Stand: 14.08.2026)