










Massengräber bei Podelwitz
| Ort: | Podelwitz (Rackwitz, Nordsachsen) |
|---|---|
| Typ: | Massengrab |
| Datierung: | Dreißigjähriger Krieg | 1631 n. Chr. |
Beschreibung
Der Bau eines neuen Werkes der Beiersdorfer AG Hamburg veranlasste das Landesamt für Archäologie Sachsen von Februar bis August des Jahres 2020 zur Untersuchung einer 11 ha großen Fläche südlich des Ortes Podelwitz. Zunächst wurde das Areal archäologisch prospektiert, indem alle 16 m ein 4 m breiter Streifen aufgezogen wurde, um die Befunddichte vor Ort zu klären. Dabei zeigte sich anhand der Befund- und Funddichte schnell, dass die gesamte Fläche aufgezogen und untersucht werden musste. Denn das geplante Baugebiet lag inmitten eines Schlachtfeldes des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648), wovon mehrere Massengräber mit menschlichen und tierischen Skeletten zeugten. Offenbar handelte es sich um den Austragungsort, des in schriftlichen Quellen als „Schlacht von Breitenfeld“ bekannt gewordenen Aufeinandertreffens zweier großer Heere im Jahr 1631. Sie endete in der ersten großen Niederlage des kaiserlichen Heeres nach 13 Kriegsjahren.
Annemarie ReckAusgangssituation im Spätsommer 1631
Im Spätsommer 1631 hielt der seit 13 Jahren die Landen verheerende Konflikt, der später als „Dreißigjähriger Krieg“ in die Geschichte eingehen sollte, ganz Europa fest in seinem Griff. Was 1618 mit dem Prager Fenstersturz als Religionskrieg begann, weitete sich im Laufe der Jahre zu einem Territorialkrieg aus. Folge war die Verwüstung ganzer Landstriche sowie ein extremer Bevölkerungsrückgang, der auch durch Hungersnöte und Seuchen begünstigt wurde. Ein Gros der Schlachten fand dabei auf dem Boden des damaligen Heiligen Römischen Reiches statt. Bei der in den historischen Quellen als „Schlacht bei Breitenfeld“ bekannten Begegnung, traf das Heer der Katholischen Liga auf das etwa 7.000 Mann stärkere, vereinigte Heer des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf (1594–1632) und der Sachsen unter Kurfürst Johann Georg I. (1585–1656). Drei Tage zuvor, am 14. September 1631, hatte das 35.000 Soldaten zählende Liga-Heer unter Johann T’Seracles von Tilly (1559–1632) und Gottfried Heinrich von Pappenheim (1594–1632) die Pleißenburg erobert und daraufhin die Stadt Leipzig geplündert.
Annemarie ReckBildquelle O. Hansen, Slaget vid Breitenfeld (1631), (0CC).
Vor der Schlacht
Als Tilly vom Anrücken des feindlichen Heeres hörte und gen Norden zog, ging er zunächst davon aus, es handle sich allein um die Soldaten des sächsischen Kurfürsten. Doch tatsächlich war erst wenige Tage zuvor, am 12. September 1631, ein Bündnisvertrag zwischen dem Kurfürsten und König Gustav II. Adolf zustande gekommen, der das 18.000 Mann starke sächsische Heer mit den 24.000 Mann starken schwedischen Heer zusammenschloss. Nachdem Tilly die Kunde davon erreichte, dass die Schweden ebenfalls im Anmarsch seien, wollte er eine Feldschlacht gegen die zahlenmäßig überlegenen Gegner vermeiden und auf Verstärkung warten. Der deutlich impulsivere Feldmarschall Pappenheim war unzufrieden mit dessen Zögerlichkeit und brach darum am 16. September 1631 eigenmächtig mit seiner Kavallerieeinheit zu einem Erkundungsritt nach Norden auf. Dabei stieß er zunächst auf sächsische Reiterei, die er in die Flucht schlagen konnte. Er ließ Tilly daraufhin berichten, dass sie es nur mit den Sachsen zutun hätten und kam der Aufforderung des Heerführers, sich wieder zurückzuziehen, nicht nach. Kurz darauf traf Pappenheim auf die Hauptarmee und bat um Verstärkung, da ein vollständiger Rückzug nun zu gefährlich sei. Obwohl Tilly wusste, dass er die Schlacht zu erzwingen versuchte, blieb ihm zu diesen Zeitpunkt nichts mehr übrig, als seine Truppen nach Norden zu führen.
Annemarie ReckBildquelle P. de Jode d. Ä. nach A. van Dyck, Stich, Porträt Johann T’Serclaes von Tilly (um 1630), (0CC).
Verlauf der Schlacht
Der Heerführer der Katholischen Liga ließ seine Truppen nahe des Ortes Podelwitz Stellung beziehen. Strategisch günstig auf einem leichten Höhenzug mit der Sonne im Rücken, erwartete er das Eintreffen, der von Norden anrückenden Schweden und Sachsen. Der Morgen begann mit mehreren Stunden Artilleriefeuer von beiden Seiten, wobei die Verluste im Liga-Heer deutlich großer ausgefallen sein durften. Daraufhin eröffneten die Kaiserlichen den Angriff über beide Flügel, ein für die damalige Zeit ungewöhnliches Manöver. Bis heute wird darum diskutiert, ob Pappenheim ein weiters Mal auf eigene Faust einen Vorstoß wagte oder tatsächlich auf Befehl Tillys handelte. Es gelang ihnen jedoch nicht die gegnerischen Reihen zu durchbrechen, denn König Gustav II. hatte die gegen Reiterei eingesetzten Pikenierhecken zusätzlich mit Musketieren und leichten Regimentskanonen gespickt. Sieben erfolglose Angriffe führte Pappenheim mit seiner Kavallerie durch, bis sich der linke Flügel der Kaiserlichen aufgelöst hatte. Anders verhielt es sich mit dem rechten Flügel angeführt von Egon VIII. von Fürstenberg-Heiligenberg (1588–1635), dem es gelang, die sächsischen Reihen zu durchbrechen und zu zerstreuen. Nach diesen anfänglichen Erfolgen gelang es allerdings der schwedischen Armee über die linke Seite vordringend den Feind zu umfassen. Nach knapp 13 Kriegsjahren wurde das kaiserlich-ligistische Heer erstmals in einer großen Feldschlacht besiegt.
Annemarie ReckBildquelle Department of History, U. S. Military Academy, Battle of Breitenfeld 1631, (2014), (0CC).
Nach der Schlacht
Die Schlacht von Breitenfeld gilt als die blutigste des Dreißigjährigen Krieges mit etwa 5500 Toten aufseiten der Schweden und Sachsen sowie 12 000 aufseiten der Katholischen Liga, 7000 weitere Kaiserliche wurden gefangen genommen. Die siegreichen Schweden verbrachten die Nacht auf dem Felde und begruben ihre Gefallenen. Die überlebenden, desertierten Söldner des Liga-Heeres wurden indes vielfach von der örtlichen Bevölkerung aus Rache für vorgegangene Plünderungen und Gräueltaten erschlagen. Die auf dem Schlachtfeld verbliebenen getöteten Soldaten und Pferde aus dem Kaiserlichen Heer mussten vermutlich von der Dorfbevölkerung begraben werden. Angesichts der in den Quellen erwähnten spätsommerlichen Temperaturen und Trockenheit verwundert es dabei nicht, dass versucht wurde, so viele Körper wie möglich in die nur flach eingetieften Gruben zu zwängen, obgleich es der normalerweise gängigen Bestattungssitte widersprach.
Annemarie ReckBildquelle K. Sturmhöfel 1908, S. 281. Kupferstich Gustav Adolf bei der Schlacht von Breitenfeld 1631 (0CC).
Archäologische Ausgrabung
389 Jahre nach dieser geschichtlich so bedeutenden Schlacht, die den Nimbus um die Unbesiegbarkeit Tillys gebrochen hatte und zweifellos einen Wendepunkt im Dreißigjährigen Krieg markierte, sollte inmitten des einstigen Schlachtfeldes ein neues Werk der Beiersdorf AG Hamburg entstehen. Von Anfang Februar 2020 bis August 2020 wurde das rund 11 ha große Baugebiet deshalb von einem Team des Landesamts für Archäologie Sachsen wissenschaftlich untersucht. Ziel war es, die archäologische Substanz im Boden vor der Zerstörung zu dokumentieren oder zu bergen und für eine spätere Auswertung zu sichern. Um sich einen Überblick über die zu erwartenden Befunde zu beschaffen, wurden im Abstand von je 16 m etwa 4 m breite Sondagestreifen aufgezogen, die das gesamte Areal rasterten. Aufgrund der Dichte der aufkommenden Befunde und Funde wurde jedoch schnell klar, dass die gesamte Fläche freigelegt und fachgerecht untersucht werden musste. Insgesamt wurden dabei zwei Massengräber, eine Mehrfachbestattung, zwei Einzelgräber und sechs Tiergräber sowie einige vorgeschichtliche Befunde freigelegt.
Annemarie ReckBildquelle Archæo 17, 2020, 16, Abb. 1.
Die Massengräber
Die Knochenerhaltung vor Ort war leider ausgesprochen schlecht. So waren etwa die Gelenkenden der Langknochen stark zersetzt und die Oberflächen verwittert, was die Zuordnung der Skelettelemente zu einzelnen Individuen erschwerte. Auch war es nicht mehr in allen Fällen möglich die Lage der Skelettteile innerhalb des Grabes zu rekonstruieren. Im Rahmen einer anthropologischen Untersuchung der Knochen, konnten anhand der Schädelreste und Langknochenfragmente insgesamt 29 Individuen in den Gräbern festgestellt werden. In Grab 15 befanden sich 4 Individuen, in Grab 49 mindestens 9 Individuen und in Grab 57 die Überreste von mindestens 15 Individuen. Bedingt durch die schlechte Erhaltung, waren die weiteren Ergebnisse der Untersuchung eingeschränkt. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den Verstorbenen um männliche Skelette handelt, sehr hoch. Anthropologisch konnten aufgrund der Erhaltung jedoch nur noch 4 der Toten anhand geschlechtsspezifischer Merkmale als tendenziell männlich bestimmt werden. Das ungefähre Sterbealter ließ sich noch bei 12 Individuen, hauptsächlich anhand der Abnutzung des Zahnschmelzes, ermitteln. Die Mehrzahl der Verstorbenen erreichte demnach ein Alter zwischen 25–30 Jahren. Hingegen wurde das älteste Individuum zwischen 35–40 Jahre alt, während das jüngste ein Alter von gerade einmal 14–20 Jahren hatte.
Annemarie ReckBildquelle Archæo 17, 2020, 17, Abb. 2.
Krankheiten der Toten
Ein besonderes Augenmerk bei der Untersuchung der Toten lag auf den noch erkennbaren Verletzungen und Erkrankungen. Vor allem an den Zähnen und dem Kieferskelett, die immerhin bei 16 der Individuen vorlagen, ließen sich krankhafte Veränderungen ablesen. In drei Fällen konnten kariöse Defekte festgestellt werden. Weitaus häufiger waren sogenannte Schmelzhypoplasien, die sich immerhin bei acht der 16 Individuen nachweisen ließen. Dabei handelt es sich um Stressmarker, die oftmals infolge schwerer Infektionskrankheiten oder temporärer Mangelernährung im Kindesalter entstehen. Im Falle des Individuums 5 aus Grab 57 (Bild) zeichnet sich diese Zahnschmelzveränderung als horizontal verlaufende Rillen im Schneidezahn ab.
Annemarie ReckBildquelle Archæo 17, 2020, 18, Abb. 4.
Verletzungen der Toten
An insgesamt vier der Individuen ließen sich anhand ihrer Knochen noch Spuren von Verletzungen nachweisen. In zwei Fällen handelt es sich dabei um unverheilte Traumata, die ihnen mutmaßlich während des Schlachtgeschehens zugefügt wurden. So ist am Hinterkopf eines Individuums aus dem Grabbefund 49 eine 4 cm lange Einkerbung zu erkennen, die der Analyse zufolge wahrscheinlich durch einen mit geringer Wucht ausgeführten Schwerthieb entstanden ist (Bild). Eine zweite Hiebverletzung an anderer Stelle im Bereich des Hinterkopfes war von deutlich größerer Intensität und durchdrang den Knochen des Individuums.
Annemarie ReckBildquelle Archæo 17, 2020, 18, Abb. 5.
Einzelgrabbefund 58
Im Südwesten der Fläche lag Befund 58, eines der beiden Einzelgräber. Trotz des sichtbar porösen Zustands der Knochen handelte es sich um das am besten erhaltene und vollständigste Skelett der Grabung. Das männliche Individuum war zwischen 25–35 Jahre alt, seine Knochen vergleichsweise grazil. Bestattet wurde das Individuum in Nord-Süd-Ausrichtung mit dem Blick gen Westen. Auffällig waren das leicht angezogene rechte Bein des Toten und sein stark angewinkelter rechter Arm. Dort im Schulterbereich befand sich eine kleine Bleikugel, die vermutlich den Tod des Soldaten verursachte. Weiterhin fand sich im Bereich des Schlüsselbeins eine Fraktur, die allerdings bereits verheilt war.
Annemarie ReckBildquelle K. Pleger, Befund 58 ©LfA 2020.
Versteckter Notgroschen
Eine Goldmünze im Bereich der linken Kniescheibe des Individuums aus Grab 58 gehörte zu den großen Überraschungen für das Grabungsteam. Dabei handelte es sich um eine ½ Doppia, die im Jahr 1615 in Genua geprägt worden war. Nach damaligen Verhältnissen entsprach sie in etwa einer Kaufkraft von 500 €. Vermutlich hatte der Tote diesen „Notgroschen“ in seiner Unterwäsche eingenäht – damals keine ungewöhnliche Praxis. Wahrscheinlich war die Münze, während der damals gängigen Plünderung der Leichen nach der Schlacht, als man sie ihrer Wertgegenstände, ihrer Kleidung und Ausrüstung entledigt hatte, übersehen worden. Wie diese wertvolle Münze allerdings in den Besitz des Toten gelangte, bleibt unklar.
Annemarie ReckBildquelle Archæo 17, 2020, 18, Abb. 4.
Tierbestattungen
Pferde zählten oft zu den ersten Opfern einer Schlacht, da die Kavallerie zu jener Zeit häufig die ersten Angriffe ausführte. Abgewehrt wurden sie von den Pikenieren und den Musketieren. Auf der Grabungsfläche fanden sich sowohl einzelne Tierbestattungen, als auch Mehrfachbestattungen mit bis zu fünf Pferden. Eine nicht unbedeutende Rolle bei der Bergung der zahlreichen Metallfunde auf dem Schlachtfeld, wie Musketen- und Pistolenkugeln, fiel den ehrenamtlichen Mitarbeitern zu, die die Grabungsfläche gezielt mit der Metallsonde absuchten.
Annemarie ReckBildquelle K. Pleger, Tierbestattung ©LfA 2020.
Literatur
Bettina Jungklaus, Sonderbestattungen aus dem Dreißigjährigen Krieg in Norddeutschland und ihr Kontext. Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich 35, 2019, 67–84.
Yvonne Heine/Bettina Jungklaus/Knut Pleger/Harald Stäuble, Tod auf dem Schlachtfeld. Opfer des Dreißigjährigen Krieges in Podelwitz. Archæo 17, 2020, 16–19.
Münkler, Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, Deutsches Trauma, 1618–1648 (Berlin 2017) 491–526.
Roland Sennewald, Das Kursächsische Heer im Dreißigjährigen Krieg (Berlin 2013).
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
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Zitat des Beitrags
Annemarie Reck, Massengräber bei Podelwitz. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (14.11.2024). https://archaeo-sn.de/ort/massengraeber-bei-podelwitz/ (Stand: 26.08.2026)