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Lage der Fundstelle
Entdeckung des Depots
Bergung
Ensemble
Maskenfibel
Stilistik der Maskenfibel
Vogelkopffibeln
Interpretation

Schmuckdepot von Pratzschwitz

Ort: Pratzschwitz (Pirna, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge)
Typ: Depotfund
Datierung: frühe Latènezeit | um 430 v. Chr.

Beschreibung

Zwischen 2016 und 2018 untersuchte das Landesamt für Archäologie Sachsen in drei Grabungskampagnen großflächig ein Kiesabbaufeld bei Pirna-Pratzschwitz. Dort zeigten sich zahlreiche Fundkonzentrationen und Befunde, wie etwa Spuren von mehreren Pfostenhäusern, Abfallgruben, Röstgruben oder Wirtschaftsgebäuden. All diese, nur etwa 2 km vom Stadtzentrum Pirna entfernt gelegenen Befunde, gehören zu Siedlungsplätzen, die ab der jüngeren Bronzezeit bis in die mittlere Vorrömische Eisenzeit belegt waren. Im Oktober 2018 kam überraschend der wohl außergewöhnlichste Fund der Grabung zutage: die Deponierung einer frühlatènezeitlichen Schmuckensembles, bestehend aus drei bronzenen Fibeln, einem bislang einzigartigem bronzenen Kettencollier und über 485 Perlen aus Bernstein und Glas, die einstmals gemeinsam mit einem Knochenplättchen ebenfalls zu Ketten aufgefädelt waren. Sie befanden sich in einem Keramikgefäß am Rande der Grabungsfläche. Das Besondere daran: die Kleinodien können aufgrund ihrer Machart der „Keltischen Welt“ zugeordnet werden und wurden somit an die sächsische Elbe importiert.

Ingo Kraft/Wolfgang Ender/Gabriele Wagner/Annemarie Reck

Lage der Fundstelle

Das Fundareal befindet sich am Beginn der Elbtalweitung, auf einen langgezogenen, schmalen Kiesrücken, der parallel zur Elbe in Ost-West-Richtung verläuft. Er erhebt sich steil bis zu 5 m über die Elbaue. Bereits während der Voruntersuchung im Jahr 2015, die die Funddichte klären sollte, fielen die fundträchtigen Bereiche im Süden der Fläche auf. Dort, entlang der zur Elbaue hin abfallenden Niederterrassenkante, wurden vor allem eisenzeitliche Befunde aufgedeckt. In den nördlichen, östlichen und westlichen Bereichen des Grabungsareals fiel die Funddichte hingegen spärlich aus. Die heute stark durch Hochwasser bedrohten, funddichten Bereiche im Süden, waren aufgrund des in Eisenzeit tiefer liegenden Bettes der Elbe und anderer Umweltfaktoren auf der kiesigen Niederterrasse wohl vor Hochwasser geschützt, was die Gründung einer Siedlung an dieser Stelle erklärt. Ob sie an einem seichten Elbarm gelegen war oder wie in heutiger Zeit unmittelbar über der Elbe, kann nicht mehr geklärt werden. Nur etwa 750 m nordöstlich vom Grabungsareal befindet sich ein latènezeitliches Gräberfeld, das von 1979 bis 1980 ausgegraben wurde und möglicherweise zu der Siedlung gehört.

Ingo Kraft/Wolfgang Ender/Gabriele Wagner/Annemarie Reck

Bildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2018.

Entdeckung des Depots

Der besondere Fund, Befund 233, wurde eigentlich erst wenige Tage nach dem regulären Abschluss der Ausgrabung am 7. Oktober 2018 entdeckt. Der Bereich befand sich unglücklicherweise in einer ungünstigen Zwickellage zu einem 12 m breiten und 280 m langen Begradigungsschurf, der bereits 2017 vom Kieswerksbetreiber angelegt worden war. Nach vorheriger archäologischer Oberflächenprospektion wurde dieser Bereich als fundleer deklariert und rückte somit aus dem Fokus der Grabungsarbeiten. Im vorherigen Einvernehmen mit dem Grabungsleiter Andrzej Hoppel, beging Martin Wittig am Wochenende nochmals die unweit seiner Wohnung gelegene Grabungsfläche. Hintergrund für die Nachsuche waren erste Baggerarbeiten, die am Samstag zuvor in dem bereits freigegebenen Bereich begonnen hatten. Dem Finder fielen dabei zunächst eine größere Randscherbe eines Keramikgefäßes, eine beschädigte Vogelkopffibel und mehrere bunte Perlen ins Auge. Etwa 0,5 m nordöstlich waren die Umrisse eines kleinen, zweihenkeligen Topfes erkennbar, der an der Oberkante vom Bagger angerissen worden war. Gemeinsam mit dem Grabungsmitarbeiter und ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Mario Steinbach sicherte Wittig den Fund und meldete ihn am Montagmorgen unverzüglich dem Landesamt für Archäologie Sachsen.

Ingo Kraft/Wolfgang Ender/Gabriele Wagner/Annemarie Reck

Bildquelle Orthofoto ©LfA/GeoSN 2018.

Bergung

Am Dienstag dem 09.10.2018 wurde der Befund 233 von Grabungsleiter Hoppel und einem kleinen Grabungsteam dokumentiert und geborgen. Zunächst wurde ein Planum hergestellt und das Gefäß bis auf das Niveau des Gefäßbodens freigelegt. Der geputzte Befund zeichnete sich annähernd viereckig im sandigen Grobkies ab und bestand aus einem gräulichen, lehmigen Substrat mit nur geringem Kiesanteil. Insgesamt maß er 1,30 m x 1,20 m Größe. Der Befund reichte etwa 65 – 75 cm unterhalb des vom Bagger freigezogenen Bodenniveaus. Damit gehörte er insgesamt zu den tieferen Befunden im gesamten Grabungsareal, die meist nur noch 35 – 45 cm in den Boden eingetieft waren. Keramikscherben aus der unmittelbaren Umgebung des Gefäßes stammen vermutlich von einer Schale, die als Deckschale für die Deponierung gedient haben könnte. Im Zuge des Fundes wurde auch die nähere Umgebung noch einmal eingehend prospektiert. Bis auf einen weiteren Befund 5 m nördlich, in dem sich Keramikreste fanden, wurden allerdings keine weiteren archäologischen Strukturen angetroffen.

Ingo Kraft/Wolfgang Ender/Gabriele Wagner/Annemarie Reck

Bildquelle A. Hoppel, Foto ©LfA 2018.

Ensemble

Einschließlich der durch die Baggerarbeiten aus dem Gefäß herausgerissenen Fundstücke, barg das bauchige, zweihenkelige Keramikgefäß insgesamt eine Maskenfibel mit zoomorpher Fußzier aus Bronze, zwei Vogelkopffibeln aus massiver Bronze, einem Kettencollier, bestehend aus einem verzierten, halbringförmigen „Joch“ und einer daran befestigten, fünfstrangigen Kette aus 790 kleinen bronzenen Ringen und drei Kettenverteilern. Zwei dünne korrodierte rundstabige Eisenringe, von 18 mm Außendurchmesser und 2,8 mm Dicke hafteten ebenfalls an dem Collier, zu dem sie aber offenbar nicht gehörten. Der größte Teil der Gefäßfüllung bestand aus einer oder zwei Perlenketten mit insgesamt 485 Perlen. Der überwiegende Teil der Perlen bestand aus Bernstein. Die Bernsteinperlen wiesen zylindrische, keilförmige, kugelige und breitzylindrische Formen auf und zeigten farbliche Variationen von einem transluzenten bis opaken Orange und Rostrot. Die Glasperlen sind kugelig geformt. Abgesehen von 20 weißen und einer schwarzen Perle sowie einzelnen wenigen, die heller oder dunkler ausfallen, besaß die Mehrheit der Perlen das typische „keltische Blau“. Im Perlenverband fand sich außerdem ein dünner, langschmaler Knochenanhänger, der als Amulett interpretiert wird. Das Kettencollier und die Perlen waren offenbar von Textil, den Resten eines Tuches oder Beutels, umgeben. Auch innerhalb der Perlen fanden sich Reste eines Fadens.

Ingo Kraft/Wolfgang Ender/Gabriele Wagner/Annemarie Reck

Bildquelle M. Jehnichen, Foto ©LfA 2020.

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Maskenfibel

Die Maskenfibel sticht unter den Fundobjekten durch ihre bemerkenswerte künstlerische und technische Ausführung hervor. Sie ist 6,2 cm lang und besteht, abgesehen von der eisernen Spiralachse, aus Bronze. Das Kopfteil der Fibel wurde als gestrecktes, großflächiges menschliches Gesicht plastisch ausgearbeitet. Besonders auffallend sind die großen knopfrunden Augen in dem schmalen Gesicht mit kräftigem Kinn. Der Mund ist als feiner Schlitz ausgearbeitet. Zwischen Nase und Mund fallen drei senkrecht verlaufende Linien auf, die möglicherweise einen Oberlippenbart oder Narben andeuten könnten. Kleine Einstiche im Wangen- und Kinnbereich erinnern an einen kurzen „Stoppelbart“. Die dem Bügel umschlingende Sehne wurde benutzt, um einen Halsreif (Torques) darzustellen. An beiden Seiten des Kopfes finden sich spitze Ohren. Stirn- und Haaransatzbereich zwischen den Spitzohren sind mit einem rechteckigen, kreuzschraffierten Feld gefüllt. Das Feld läuft im spitzen Winkel zur Bügelmitte auf Höhe eines Mittelgrates zusammen. Der über dem Gesicht entstehende Spitzkegel könnte als „Spitzhut“ interpretiert werden.

Ingo Kraft/Wolfgang Ender/Gabriele Wagner/Annemarie Reck

Bildquelle M. Jehnichen, Foto ©LfA 2020.

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Stilistik der Maskenfibel

Über der Maske verjüngt sich das verzierte Joch, bevor es in einer halben Schlaufe zum Fibelfuß hin umschwingt, um den Hals und Kopf eines Kaniden nachzubilden. Der große Wolfs- oder Hundekopf weist einen naturalistischen Aufbau mit plastischen Ohren auf, die aus dem weiterlaufenden und dann hervortretenden Wulst der Augenbögen geformt wurden. Zwei eingeschnittene Wirbel stellen die Nüstern dar. Weitere Ornamente, wie Wirbel sind ein beliebtes keltisches Motiv. Auch die besondere Form der Ohren verweist in diesen Formkreis. Die tannenzweigartigen Muster der „Frisur“ oder die kreuzschraffierten Felder zeigen einen hallstädtisch-geometrischen Stil. Im Gegensatz zu vergleichbaren Maskenfibeln der Frühlatènezeit fehlt der Gewandspange die spielerische florale Ornamentik, ebenso wie das Monströse, Verzerrte oder Mischwesenartige in der Maskendarstellung. Offenbar kombinierte der Bronzegießer geschickt und meisterlich hallstädtische Tradition mit neuen Elementen. Die qualitätsvolle Fibel ist ein herausragendes Zeugnis keltischer Kleinkunst der Stufe Latène A. Vermutlich wurde sie in südlicher gelegenen keltischen Zentren, in Böhmen oder der Slowakei hergestellt.

Ingo Kraft/Wolfgang Ender/Gabriele Wagner/Annemarie Reck

Bildquelle M. Jehnichen, Foto ©LfA 2020.

Vogelkopffibeln

Die beiden Vogelkopffibeln ähneln einander stark und wurden vermutlich als Paar angefertigt. Sie sind massiv gegossen und zwischen 6,5 bzw. 6,6 cm lang. Abgesehen von einer eisernen Achse sind sie aus Bronze gefertigt. Eine Ösenkonstruktion an beiden Exemplaren diente wahrscheinlich zur Aufnahme eines verbindenden Kettchens. Darauf deuten andere, etwa zeitgleiche Fibelpaare hin. Beide Vogelköpfe zeichnen sich durch einen relativ breiten, einen Mittelgrat zeigenden und nach unten scharf abgebogenen Schnabel, der mit seinem abgestumpften Schnabelende auf den Bügel aufsetzt. Die Augen sind spitzoval und von einer halbplastischen Wulst umschlossen. Von der Stirnpartie an führen tannenzweigartige, links und rechts parallel verlaufende Linien in Richtung Nacken, die das Federkleid des Kopfes darstellen. Im Nackenbereich werden sie durch ein den Hals umschließendes, plastisches Band abgeschlossen. Das Spangenpaar gehört zum Typ der Raubvogelfibel der Frühlatènezeit. Alle drei Fibeln sind handgefertigt. Die Maskenfibel jedoch sticht durch ihre herausragende Machart als die qualitätvollste hervor.

Ingo Kraft/Wolfgang Ender/Gabriele Wagner/Annemarie Reck

Bildquelle M. Jehnichen, Foto ©LfA 2020.

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Interpretation

Innerhalb des Keramikgefäßes oder der umgebenden Befundfüllung wurden keine Hinweise auf menschliche Überreste, wie Knochen, Zähne oder Leichenbrand gefunden. Aufgrund dessen muss eine Interpretation des Fundes als Grabausstattung ausgeschlossen werden. Die Befundsituation, in einer ca. 1,5 qm großen und 1 m tiefen, quadratischen Grube inmitten des Siedlungsbereiches schließt zudem aus, dass es sich um ein Notversteck gehandelt haben könnte. Denkbar wäre eine öffentlich praktizierte Niederlegung der Gegenstände oder ein Kenotaph (Scheingrab). Jedoch muss die spätere Hebung an diesem sorgfältig angelegtem, vermutlich nicht geheimen Punkt innerhalb der Siedlung durch ein Tabu unterbunden worden sein. Aus geografischer Sicht befindet sich der Fundort im Grenzraum zwischen frühgermanischer und keltischer Welt. Dort am Beginn der Elbtalweitung liegt das nördliche Ende des uralten Handelsweges „Kulmer Steig“. Das reiche Schmuckensemble zeugt davon, dass der Handelsverkehr auf dieser Nord-Süd-Verbindung wohl bereits in der Vorgeschichte bestand. So stammen die erlesenen Fibeln und typischen blauen Glasperlen aus dem keltischen Kulturkreis im Süden, während der baltische Bernstein an die Ostsee verweist.

Ingo Kraft/Wolfgang Ender/Gabriele Wagner/Annemarie Reck

Bildquelle A. Hoppel, Foto ©LfA 2018.

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags

Ingo Kraft/Wolfgang Ender/Gabriele Wagner/Annemarie Reck, Schmuckdepot von Pratzschwitz. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (09.12.2024). https://archaeo-sn.de/ort/schmuckdepot-von-pratzschwitz/ (Stand: 14.08.2026)

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