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Forschungschronik
Von Grabhügeln noch keine Spur…
Im Meilenblatt kein Hügel - nirgendwo
Zum ersten Mal kartiert
Einsam im Wald?
Nach der Rodung
Im Tal der Tränen
Ehrenamtliches Engagement
Eintragung in die Denkmalliste
Vom Wert des
Eine erste Rettungsgrabung
Eine Grabung ohne Telefonanschluss
Mit Unterstützung von Studierenden und Schülern
Freilegung und Dokumentation
Nach 80 Jahren vollendet
Gefahr in Verzug
Naherholung
Große Pläne - keine Spuren

Der Kohlenberg bei Brandis

Ort: Brandis (Brandis, Leipzig)
Typ: Hügelgrab/Hügelgräberfeld
Datierung: Lausitzer Kultur | 1350 - 780 v. Chr.

Beschreibung

Wie ein Zeugenberg durchragt etwa 2 Kilometer südlich von Brandis eine Granit- und Quarzporphyraufwallung eruptiven Ursprungs die sandlössbedeckten Altmoränenplatten. Der „Kohlenberg“ erhebt sich als ost-west-gerichtete Schwelle weithin sichtbar etwa 40 m aus der östlichen Leipziger Tieflandsbucht. Über die leicht reliefierte Hochfläche verteilen sich drei Gruppen von Grabhügeln, die ihre gute Erhaltung der jahrhundertelangen Waldbedeckung verdanken. Denn die steinreichen Braunerden, die sich auf der periglazialen Schuttlehmdecke gebildet hatten, waren für eine landwirtschaftliche Nutzung denkbar ungeeignet. Vom Pflug wären die Hügel längst eingeebnet worden.

Michael Strobel

Forschungschronik

Seit dem späten 19. Jh.
Die Grabhügel sind von zwei Seiten durch den Steinbruchbetrieb bedroht.
2. Juni 1926
Rudolf Moschkau dokumentiert einen Grabhügel.
Frühjahr 1932
Baumfällarbeiten führen zu einer Freistellung der Grabhügel.
20. April 1932
Die Vermessung des Friedhofs scheitert an fehlenden finanziellen und personellen Kapazitäten des Archivs urgeschichtlicher Funde aus Sachsen.
3. Juni 1932
Bei einer Ortsbegehung sind Raubgräberspuren festzustellen.
7. Januar 1935
Eintragung in die Landesdenkmalliste B.
Sommer 1935
Rettungsgrabung unter der Leitung von Kurt Tackenberg.
Sommer 1943
Rettungsgrabung unter der Leitung von Werner Jorns.
Herbst 1957
Der westliche Steinbruch soll zu einem Großschotterwerk des VEB Granit-Porphyr-Werke Beucha ausgebaut werden.
1960er Jahre
Planungen für ein Naherholungsgebiet mit Wintersportzentrum.
Michael Strobel

Bildquelle Foto ©LfA 1929.

Von Grabhügeln noch keine Spur…

So gut die Grabhügel im digitalen Geländemodell und im Gelände zu erkennen sind, so verwunderlich ist, dass sie nicht bereits im Fragebogen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz von 1909 beschrieben wurden, obwohl Fundeingänge im Leipziger Völkerkundemuseum vermerkt sind, und mehrere „Trichter“ auf frühe undokumentierte Ausgrabungen hinweisen.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 44 ©LfA 1909.

Im Meilenblatt kein Hügel - nirgendwo

Ebenso verwunderlich ist, dass die Nekropole auch den Kartographen des sächsischen Meilenblattes entgangen sein muss. In diesem Kartenwerk des ausgehenden 18. und frühen 19. Jh. sind zwar zwei kleine Steinbrüche – der eine im Westen auf der Hochfläche, der andere im Nordosten am Hangfuss –, aber kein einziger der im Durchmesser teilweise über 20 m großen Hügel verzeichnet.

Michael Strobel

Bildquelle Berliner Meilenblatt ©Staatsbibliothek Berlin/SLUB/LfA Sachsen.

Zum ersten Mal kartiert

Eine erste „Hügelsignatur“ taucht im Meßtischblatt von 1893 auf; die wesentlich detailliertere Fassung von 1907 weist dann sieben Grabhügel aus und zeigt, dass im Westen bereits zwei von ihnen einer Ausweitung des Steinbruchs zum Opfer gefallen sein dürften. Ein noch vor 1893 errichteter Gleisanschluss unterstreicht das industrielle Ausmaß des Granitabbaus. Währenddessen wurde auch der Steinbruch im Nordosten immer weiter in den Berg vorgetrieben.

Michael Strobel

Bildquelle Meßtischblatt Brandis-Pehritzsch 1907, 1:25000 ©SLUB.

Einsam im Wald?

Wie sehr das Grabhügelfeld bedroht war, erschloss sich also vor und nach dem Ersten Weltkrieg bereits aus den Meßtischblättern. Früher oder später mussten die ersten Hügel dem von zwei Seiten heranrückenden Steinbruchbetrieb zum Opfer fallen. Der zuständige Leiter des Archivs urgeschichtlicher Funde aus Sachsen, Georg Bierbaum (1889-1953), war nach einer Ortsbegehung durch den Leipziger Lehrer Rudolf Moschkau (1886-1976) im Sommer 1926 freilich lediglich über die Größe und den Erhaltungszustand eines Hügels im Bilde.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 46 ©LfA 1926.

Nach der Rodung

Das Ausmaß der Nekropole offenbarte sich ihm erst nach und nach im Frühjahr 1932, nachdem Teile des Waldes gerodet worden waren. Wenn auch die Genauigkeit der historischen Karten nach heutigen Maßstäben zu wünschen übrig lässt, musste der Archivleiter mit mehr als nur sieben Hügeln und einer ernsthaften Gefährdung der obertägigen Denkmale rechnen.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 63 ©LfA 1932.

Im Tal der Tränen

Da Bierbaums finanzielle Spielräume auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise auf ein Minimum geschrumpft waren, und er weder eigene Dienstreisen unternehmen noch sofort eine Vermessung beauftragen konnte, wollte er den Dienstantritt seines künftigen „wissenschaftlichen Hilfsarbeiters“ Walter Kersten (1907-1944) abwarten.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 56 ©LfA 1932.

Ehrenamtliches Engagement

Als der Lehrer und Leiter des Naturkundlichen Heimatmuseums Leipzig, Kurt Braune, nach einer Ortsbegehung im Juni 1932 Raubgräberspuren meldete und seine Bereitschaft zu einer Vermessung signalisierte, wartete der Archivleiter lieber ab, als auf dieses Angebot sofort einzugehen. Der für die Aufnahme der Hügel vorgesehene Kersten war aber im Sommer noch bei Kassel auf einer Ausgrabung unabkömmlich und konnte seine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Dresden erst Anfang 1933 antreten. Bierbaum durfte folglich nicht überrascht sein, dass sein hinhaltendes Zaudern und Vertrösten den Unmut der westsächsischen ehrenamtlichen Mitarbeiter auf sich zogen.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 67 ©LfA 1932.

Eintragung in die Denkmalliste

Umso peinlicher war es, dass der Landespfleger Ende 1934 seinem Antrag auf eine Eintragung in der Landesdenkmalliste B keinen Lageplan, sondern nur eine grobe Schätzung der Zahl der Grabhügel beifügen konnte. Dieses Manko verhinderte zwar nicht die Denkmalausweisung im Januar 1935, erschwerte aber die weiteren Verhandlungen mit dem Steinbruchbetreiber, dem Brandiser Rittergutsbesitzer Otto Busse, dessen Beschwerde gegen die Ausweisung vom Sächsischen Staatsministerium des Inneren im März 1935 zurückgewiesen wurde.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 90 ©LfA 1934.

Vom Wert des "Heimatschutzgesetzes"

Busse dachte allerdings nicht daran, seinen Granitsteinbruch im Nordosten stillzulegen. Die Grabhügel am südlichen Rand der Abbaukante waren daher akut bedroht. Dennoch wollte Bierbaum nach ersten negativen Erfahrungen seit dem Erlass des „Heimatschutzgesetzes“ im Januar 1934 alle Möglichkeiten ausschöpfen, die „ganze Gruppe für die Zukunft zu erhalten“ und erst dann und „nur nach vorheriger Aufnahme eines Gesamtplanes“ und einer wissenschaftlichen Untersuchung die bedrohten Gräber freigeben. Hätte er bis dahin schon einen Plan anfertigen lassen, wäre ihm aufgefallen, dass die Mehrheit der Hügel abseits der Steinbruchgrenzen im Westen und Südwesten des Plateaus lag, doch von Westen her das zweite Abbaufeld nicht weniger bedrohlich in den „Kohlenberg“ eingriff. Es dürfte eine Lagebeurteilung nicht gerade erleichtert haben, dass Bierbaum selbst nie vor Ort war und die Situation am Rand des nordöstlichen Steinbruchs nie mit eigenen Augen gesehen hat.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 106 ©LfA 1935.

Eine erste Rettungsgrabung

Er durfte daher froh sein, dass ihm hier Kurt Tackenberg (1899-1992), der 1934 auf die neu eingerichtete Professur für Vorgeschichte an der Universität Leipzig berufen worden war, im Sommer 1935 eine Notgrabung abnahm und den offensichtlich bereits angeschnittenen bzw. akut gefährdeten Hügel am südlichen Steinbruchrand mit studentischer Unterstützung untersuchte. Auf einem anderen Blatt steht die Säumigkeit des Leipziger und seit 1938 Bonner Professors, der seinem Dresdner Kollegen, von einer kurzen Notiz in der Zeitschrift „Die Fundpflege“ abgesehen, einen Grabungsbericht – wie in so vielen anderen Fällen auch - immer schuldig geblieben ist. Die Notgrabung ist lediglich durch wenige Schwarzweißabzüge dokumentiert.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 125 ©LfA 1935.

Eine Grabung ohne Telefonanschluss

Fast zehn Jahre später, im Sommer 1943 war die Untersuchung eines zweiten, besser erhaltenen Hügels offensichtlich ebenso unausweichlich. Diesmal sorgte der Kustos am Städtischen Museum für Völkerkunde und stellvertretende Vertrauensmann Werner Jorns (1909-1990) für eine vorbildliche Ausgrabung und Dokumentation. Es fehlte ihm nicht an der großzügigen Unterstützung durch den Landespfleger, der sogar Bezugsscheine für Eisenwaren, d.h. Grabungswerkzeug, zur Verfügung stellte. Allerdings gelang es Jorns nicht, den Telefonanschluss einer promovierten Archäologin, Grabungsmitarbeiterin und Majorsgattin als „kriegswichtig“ für die Grabung zu reklamieren. Ihr Mann war als Luftwaffenmeteorologe vom Fliegerhorst Brandis nach Prag versetzt worden.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 182 ©LfA 1943.

Mit Unterstützung von Studierenden und Schülern

Das Grabungsteam rekrutierte sich aus dem Kreis der Studierenden der Leipziger Professur, die unter der Anleitung von Jorns auf dem Kohlenberg gewissermaßen eine Lehrgrabung absolvierten. Neben der Prähistorikerin und späteren Heidelberger Professorin Waltraut Schrickel (1920-2009) war unter den Grabungshelfern auch Anton Točik (1918-1994), der von 1940 bis 1943 in Leipzig als slowakischer Humboldtstipendiat studierte und von 1953 bis 1970 das archäologische Institut der slowakischen Akademie der Wissenschaften in Nitra leiten sollte. Außerdem wurde die Ausgrabung von zahlreichen Schülern aus Brandis unterstützt.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 301 ©LfA 1943.

Freilegung und Dokumentation

Insbesondere die massive Steinpackung abzutragen, muss eine anstrengende körperliche Arbeit gewesen sein. Darunter, etwa in der Hügelmitte, kam auf der alten Oberfläche eine Leichenbrandstreuung zum Vorschein, aus der ein Bronzenadelfragment sowie die Bruchstücke von zwei Armringen geborgen werden konnten. Das bruchstückhafte Scherbenmaterial war in der gesamten Hügelschüttung verteilt und lässt so wenig wie die Bronzeobjekte Zweifel an einer Datierung in die späte Bronzezeit.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 192 ©LfA 1943.

Nach 80 Jahren vollendet

Wie weit der von Bierbaum auf den Kohlenberg entsandte technische Mitarbeiter des Landesmuseums, Hermann Dengler (1890-1945) die Vermessung des Grabhügelfeldes unter äußerst widrigen Umständen tatsächlich vorantreiben konnte, muss offenbleiben. Merkwürdigerweise ist in der Ortsakte kein Plan überliefert. Damit lässt sich auch nicht ausschließen, dass die Erfassung womöglich nie fertiggestellt wurde. Die Genauigkeit einer händischen Vermessung im dichten Wald mit Winkelprisma, Maßband, Wasserwaage und Fluchtstangen ließe sich heute durch einen Vergleich mit dem digitalen Höhenmodell recht präzise überprüfen. Im DGM verraten sich etwa 30 Hügel.

Michael Strobel

Bildquelle DGM ©LfA/GeoSN 2023.

Gefahr in Verzug

Obwohl es vor 1945 nie gelungen ist, den Steinbruchbetrieb von dem Grabhügelfeld wegzulenken, erfüllte sich die Prognose, dass der Granitabbau noch stärker voranschreiten werde als in Friedenszeiten, in den beiden letzten Kriegsjahren glücklicherweise nicht mehr. Auch das Vorhaben, den westlichen Steinbruch zu einem Großschotterwerk des VEB Granit-Porphyr-Werke Beucha auszubauen, ist über die Projektierung nicht hinausgekommen. Davon wäre eine ernsthafte Bedrohung für das Grabhügelfeld ausgegangen.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 282 ©LfA 1957.

Naherholung

Schon seit den späten 1920 Jahren wurde eine Hälfte des Bruches im Nordosten als Waldbad genutzt. Weil sich aber Erholungssuchende auch regelmäßig in der Umgebung herumtrieben, rissen die Klagen über Schäden an den Grabhügeln oder gar Grabungen durch Unbefugte auch in den Nachkriegsjahren nie völlig ab.

Michael Strobel

Bildquelle Meßtischblatt Brandis 1941, 1:25000 ©SLUB.

Große Pläne - keine Spuren

Dennoch hätte sich eine „Freizeitnutzung“ allemal besser mit den Belangen des Denkmalschutzes vertragen als der forcierte Steinbruchbetrieb. Die Planungen der 1960er Jahre für eine Aufwertung des Kohlenbergs zu einem Naherholungsgebiet der Stadt Leipzig waren sehr ambitioniert. Da allerdings auch der Bau von zwei Rodelbahnen und einer Skisprungschanze mit erheblichen Bodeneingriffen verbunden gewesen wäre, stellt es kein denkmalpflegerisches Unglück dar, wenn das Wintersportzentrum nie so verwirklicht wurde, wie es sich die Verantwortlichen in Stadt und Kreis vorgestellt hatten. Unter heutigen Verhältnissen wären die Anlagen ohnehin nicht mehr sinnvoll zu betreiben. So bilden die Hügel auf dem Kohlenberg bis heute eine der besterhaltenen Nekropolen in Westsachsen.

Michael Strobel

Bildquelle Ortsakte 86090, 361 ©LfA 1967.

Literatur

Michael Strobel/Thomas Westphalen, Steingewinnung und archäologische Denkmalpflege in Sachsen zwischen den Gründerzeitjahren und 1945 – Rückblick und Bilanz. Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz 2018, Heft 2 und 3, 27-38.

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags

Michael Strobel, Der Kohlenberg bei Brandis. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (23.01.2025). https://archaeo-sn.de/ort/kohlenberg-bei-brandis/ (Stand: 24.08.2026)

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