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Lage des Fundplatzes
Fundgeschichte
Forschungen von R. Grahmann
Erste Datierungsversuche
Grabungen 1977-1980
Geologie und Nachgrabung
Stratigrafie
Knochenfunde
Das Feuersteininventar
Forschungschronik

Altsteinzeitlicher Fundplatz von Markkleeberg

Ort: Markkleeberg (Markkleeberg, Leipzig)
Typ: Station/Lager/Rastplatz
Datierung: Acheuléen | Moustérien | nach 280000 │um 160000 vor heute

Beschreibung

Die altsteinzeitliche Freilandstation von Markkleeberg markiert das erste nachweisbare Auftreten des Menschen in Sachsen und ist somit auch der älteste archäologische Fundort des Freistaates. Seine hohe Bedeutung für die Forschung rührt dabei nicht bloß von seinem Alter, sondern auch von der besonderen Machart der dort gefundenen Steinwerkzeuge, die „ihrer Zeit voraus“ zu sein scheinen. Die frühe Datierung der Fundstücke wurde darum in der Fachwelt lange diskutiert und angezweifelt. Damit einher ging die Fragestellung, ob die Menschen, die diese Geräte hergestellt haben, Homo neanderthalensis (um ca. 130000 vor heute) oder sogar noch Homo heidelbergensis (um ca. 280000 vor heute) waren.

Annemarie Reck

Lage des Fundplatzes

Der Fundplatz liegt unmittelbar südlich des Ortes Markkleeberg (Lkr. Leipzig) an der nördlichen Abbruchkante des inzwischen gefluteten Braunkohlentagebaus „Espenhain“. Die ursprünglichen Ausmaße des Fundplatzes und wie viel davon durch den Tagebau verloren ging, ist unklar. Zumal dort bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts Gruben für den Kiesabbau betrieben wurden.

Annemarie Reck

Bildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2004.

Fundgeschichte

Erste Funde fielen bereits 1895 dem Geologen Franz Etzold ins Auge. Er stieß beim Begehen der Kiesgrube auf einen Mammutschädel und auf ein auffällig geformtes Feuersteinstück, das zu einem Werkzeug hergerichtet aussah. Allerdings machte er seinen Fund nicht bekannt. 1905 suchte Karl Hermann Jacob (1884–1960), später als Jacob-Friesen bekannt, die Kiesgrube auf. Er war von Hugo Obermaier, einem Mitbegründer der europäischen Altsteinzeitforschung, beauftragt worden nach Eolithen zu suchen. Eolithen sind natürlich gebrochene Steine, die vom Menschen bearbeiteten Artefakten ähneln, aber keine sind. Er wollte sie als einen Gegenbeweis für die These einer frühen Ansiedlung des Menschen in Europa anführen. Zu seinem eigenen Erstaunen stellte er aber fest, dass die von Jacob an ihn geschickten Steine tatsächlich von Menschenhand zugerichtete Werkzeuge waren.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Lipták, Foto ©LfA 2000.

Forschungen von R. Grahmann

Zwischen 1930 und 1950 beschäftigte sich vor allem der sächsische Geologe Rudolf Grahmann mit den Funden von Markkleeberg. Er begann die Fundstücke aus Markkleeberg aus verschiedenen Sammlungen in einer Kartei zu erfassen und veröffentlichte zahlreiche Publikationen zu der Fundstelle. Er war überzeugt, dass sich altpaläolithische Fundstellen nicht anhand von Gerätemerkmalen, sondern bloß anhand stratigrafischer Abfolgen in der Geologie sicher datieren ließen. Ausgehend von seinen Untersuchungen an der Fundstelle von Markkleeberg ging er von einer Datierung zu Beginn der Saale-Kaltzeit aus, noch 150000 Jahre früher als bis dahin angenommen. Damit widersprach er der bisherigen Altsteinzeitforschung und löste einen jahrzehntelangen Streit der Fachwelt über das Alter der Funde von Markkleeberg aus. Er verteidigte seine These über 30 Jahre lang.

Annemarie Reck

Bildquelle OA 55800, 1242 ©LfA 1942. Landesamt für Archäologie Sachsen 1942.

Erste Datierungsversuche

1914 publizierte Jacob gemeinsam mit Carl Gäbert die Fundstelle von Markkleeberg. Dabei verglich er die Funde aus Markkleeberg (b) bereits mit den in Levalloistechnik hergestellten Klingen und Schabern aus dem französischen Le Moustier (a). Die nach dem Fundort benannte Kulturstufe Moustérien (ca. 120000–40000 vor heute) gilt als die Epoche des Neandertalers.

Annemarie Reck

Bildquelle I. Kraft 2014, 42, Abb. 5.

Grabungen 1977-1980

Als zwischen 1977 und 1980 der Braunkohletagebau südlich von Leipzig bis an die Fundstelle vorgerückt war, wurden durch die Landesmuseen Dresden und Halle, unter der Leitung von Willfried Baumann und Dietrich Mania, mehrere kleine Rettungsgrabungen und denkmalpflegerische Kontrollen durchgeführt. Während vormals durch das nur gelegentliche Aufsammeln unbewusst eine Auswahl besonders schöner Stücke oder Klingen stattgefunden hatte, gelang es nunmehr ein größeres Fundspektrum zu beobachten. Dabei fielen den Ausgräbern vor allem die zahlreichen Abschläge, Präparationsschläge und Rohfabrikate auf. Während der Fundort vorher bloß als Jagdplatz angesehen wurde, brachten sie ihn mit der Rohmaterialversorgung von Feuerstein in Verbindung.

Annemarie Reck

Bildquelle W. Baumann/D. Mania 1982, 261, Taf. 14.

Geologie und Nachgrabung

An den großen Tagebauprofilen wurden zudem neue geochronologische Untersuchungen durch Lothar Eißmann vorgenommen werden. Dabei zeigte sich, dass es neben der Hauptfundschicht an der „Steinsohle“ noch höher gelegene, jüngere Fundschichten gab. Bereits Jacob hatte dies beobachtet. Ohne Schichtzuweisung können die Markkleeberger Funde also nicht pauschal in den ältesten Fundabschnitt datiert werden, da sich tatsächlich mehrere zeitliche Horizonte, zwischen denen etwa 100000 Jahre liegen können, fassen lassen. Vor der Flutung des Tagebaus Espenhain konnte das Landesamt für Archäologie Sachsen zwischen 1999 und 2001 im nördlichen Randbereich der Fundstelle noch einmal Nachgrabungen durchführen. Die zuvor schon beobachtete Schichtenabfolge konnte bestätigt und besser nachvollzogen werden.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Schäfer, Foto ©LfA 1999.

Stratigrafie

Die Hauptfundschicht (vor ca. 280000 Jahren) lag auf einer ehemaligen Flussterrasse in einem Tal, das die Flüsse Pleiße und Gösel durch die elstereiszeitlichen Kiesablagerungen gewaschen hatten. Dabei wurden viele nordische Feuersteine abgelagert, welche die eiszeitlichen Gletscher aus Skandinavien mit sich geführt hatten. Durch das Flusssystem kam es zu einer mächtigen Aufschotterung von Sanden und Kiesen, in denen sich nur vereinzelte Fundstücke finden. In den oberen Bereichen gehen diese in Schwemmsande und Schluff über. Die kiesreichen Linsen und Rinnen dieses „Markkleeberger Horizontes“ bilden die obere Fundschicht (vor ca. 160000 Jahren). Darüber liegen die vor 150000 Jahren abgelagerten Reste der saaleeiszeitlichen Grundmoräne.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Schäfer/T. Laurat/J. F. Kegler 2003, 24.

Knochenfunde

Unter den Grabungsfunden waren wegen des kalkarmen Bodens nur wenige Knochenreste. Meist stammen diese von sehr großen Tieren wie dem Mammut, Nashorn, Hirsch oder Wildformen von Rind und Pferd. Bemerkenswert ist der Fund einer Ansammlung versteinerter Seeigel im Bereich der „Steinsohle“. Da sie keinen praktischen Nutzen haben, wurden sie von den frühen Menschen vor 280000 Jahren vermutlich nur ihres schönen Aussehens wegen aufgelesen.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Schäfer, Foto ©LfA 2000.

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Das Feuersteininventar

Heute befinden sich in verschiedenen Sammlungen schätzungsweise 15000 Fundstücke aus Markkleeberg. Nur die wenigsten darunter sind aber klassische Werkzeuge wie Klingen, Schaber oder Blattspitzen. Die Hauptmasse der Funde sind Abfälle, die beim Schlagen von Steinwerkzeugen anfallen, also Absplisse und Abschläge. Daher wird angenommen, dass die frühen Menschen in den Flussschottern gezielt nach Feuersteinknollen suchten, die sie zum Teil schon vor Ort zu Werkzeugen herrichteten, um sie an den eigentlichen Lagerplatz mitzunehmen.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Schäfer, Foto ©LfA 2000.

Forschungschronik

1895
Erste Funde durch den Geologen Franz Etzold.
1905
Weitere Lesefunde durch Karl Hermann Jacob, der die Fundstelle bekannt macht.
1914
Erste Publikation zu der Fundstelle von Karl Hermann Jacob und Carl Gäbert.
1930 – 1950
Rudolf Grahmann erforscht die Markkleeberger Funde und nimmt sie in seine Fundkartei auf.
1977 – 1980
Mehrere Rettungsgrabungen während des Braunkohleabbaus unter der Leitung von Willfried Baumann und Dietrich Mania.
1999 – 2001
Nachgrabungen durch das Landesamt für Archäologie Sachsen im Vorfeld der Flutung des ehemaligen Tagebaus.
Annemarie Reck

Bildquelle Foto ©LfA 2024.

Literatur

Willfried Baumann/Dietrich Mania, Die paläolithischen Neufunde von Markkleeberg bei Leipzig. Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Dresden 16 (Berlin 1983).
Volkmar Geupel, Frühmittelpaläolithische Fundstelle Markkleeberg. In: Heinz-Joachim Vogt (Hrsg.), Archäologische Feldforschungen in Sachsen. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege, Beih. 18 (Berlin 1988) 19–26.
Ingo Kraft, Markkleeberg. In: Sabine Wolfram (Hrsg.), In die Tiefe der Zeit, 300.000 Jahre Menschheitsgeschichte in Sachsen, Buch zur Dauerausstellung (Dresden 2014) 40–44.
Joachim Schäfer/Thomas Laurat/Jan F. Kegler, Bericht zu den Ausgrabungen am Altsteinzeitlichen Fundplatz Markkleeberg 1999 bis 2001. In: Judith Oexle (Hrsg.), Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 45, 2003, 13–47.

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags / Citation

Annemarie Reck, Altsteinzeitlicher Fundplatz von Markkleeberg. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (01.02.2024). https://archaeo-sn.de/ort/altsteinzeitlicher-fundplatz-von-markkleeberg/ (Stand: 24.05.2024)

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