




Burg Radisch im Olbasee
| Ort: | Kleinsaubernitz (Malschwitz, Bautzen) |
|---|---|
| Typ: | Befestigte Anlage | Turmhügelburg |
| Datierung: | Lausitzer Kultur | Billendorfer Kultur | 1200 – 1000 | 700 – 600 v. Chr. | ca. 1300 n. Chr. |
Beschreibung
Im Oberlausitzer Heide- und Teichgebiet nordöstlich von Bautzen bei Kleinsaubernitz (Zubornička) befindet sich auf einer Insel im Olbasee die Burg Radisch. Die kleine mittelalterliche Niederungsburg wurde in den noch hoch erhaltenen Wall einer deutlich älteren Befestigung aus frühen Eisenzeit gebaut. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden erste archäologische Untersuchungen an dem Ringwall statt. Der Aufbau des Walls und die Funde wiesen die Anlage der Billendorfer Kultur der frühen Vorrömischen Eisenzeit (700–600 v. Chr.) zu. Bereits davor hatte sich eine unbefestigte Siedung der Jungbronzezeit (1200–1000 v. Chr.) dort befunden. Im Mittelalter wurde am südlichen Rand der vorgeschichtlichen Anlage eine ovale Niederungsburg auf der einstigen Sumpfinsel errichtet. Um die Zeit des Ersten Weltkrieges wurde auf dem Gelände Braunkohle im Tagebau abgebaut, wodurch die eisenzeitliche Wallanlage weitgehend zerstört worden ist. Aus dem später gefluteten Gelände entstand der Olbasee, der ein beliebtes Naherholungsziel geworden ist. Nur wenige Reste der vorgeschichtlichen Anlage sind heute noch erhalten, wegen Rutschgefahr darf sie jedoch nicht betreten werden.
Annemarie ReckForschungsgeschichte
Der Wall ist bereits auf dem Sächsischen Meilenblatt verzeichnet. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Radisch aber auch als archäologisches Bauwerk erkannt. 1893 wurde die Wallanlage erstmals in einem Sitzungsbericht der Naturforschenden Gesellschaft ISIS erwähnt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit der Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte Bautzen und dem Landeskonservator Johannes Deichmüller erste archäologische Ausgrabungen vornahm. 1903 berichtet erstmals Richard Needon über die Ergebnisse der Grabungen, die auch in den Folgejahren noch fortgesetzt wurden. Von 1911 bis in die 1920er-Jahre wurden schätzungsweise 3400 qm untersucht. Parallel begann um die Zeit des Ersten Weltkriegs der Tagebau, da sich in der direkten Umgebung Braunkohle in geringer Tiefe vorkam. Im Jahr 1927 kam es im Braunkohletagebau zu einem Stollenbrand und das Gelände musste geflutet werden, woraus der Olbasee entstand. Doch führte dies auch zur weitgehenden Zerstörung der vorgeschichtlichen Anlage. Zudem gingen die meisten Fundstücke und auch die Grabungsdokumentation im Zweiten Weltkrieg verloren.
Annemarie ReckBildquelle O. Braasch, Foto Olbasee ©LfA 1994.
Bronzezeitliche Siedlung und Wall
Während der Eisenzeit befand sich die aus Talsanden bestehende Insel inmitten einer weitläufigen Sumpflandschaft, die auf den hohen Wasserstand zurückzuführen war. Die Insel nahm eine Fläche von ca. 250 x 200 m Fläche ein. Während der Jungbronzezeit entstand dort eine erste offene Siedlung von ca. 2,4 ha Größe. Erst im 7. vorchristlichen Jahrhundert begannen die Inselbewohner damit ihre Ansiedlung durch eine Holzmauer von 196 x 162 m Größe zu befestigen. An einigen Wallabschnitten konnte eine bis zu 60 cm tiefe Kiesschicht nachgewiesen werden, die der geplanten Wallkonstruktion wohl als Grundlage diente. An anderen stabilisierte ein Steinpflaster den Untergrund. An manchen Stellen gründete er aber auch direkt auf den kiesigen Schwemmsand des natürlichen Bodens. Die Wallbefestigung selbst bestand auf einer Erdaufschüttung, die von bis zu 40 cm mächtigen, über Kreuz liegenden und rostartig übereinandergeschichteten Eichenstämmen stabilisiert wurde.
Annemarie ReckBildquelle OA 14990, 179, Foto ©LfA 1910.
Eisenzeitliche Siedlung
Die Innenfläche betrug noch 1,8 ha und war eng mit rechteckigen Häusern bebaut, die in dichten Reihen angeordnet waren. Die Siedlung bot schätzungsweise etwa 400–600 Menschen Platz. Während der Ausgrabungen wurden hunderte, sich aneinander liegende Befunde von Gruben, Pfostenreihen und Herdstellen untersucht, die von einer sehr dichten Besiedlung zeugen. Vergleichbar sind die Fundorte von Biehla und dem polnischen Biskupin. Die Scherben können der eisenzeitlichen Billendorfer Kultur zugeordnet werden. Zwischen den Siedlungsbefunden stießen die Ausgräber auf mehrere Brandbestattungen, darunter das Grab eines Kleinkinds, das dem 10. bis 9. vorchristlichen Jahrhundert zugeordnet werden kann. Für gewöhnlich liegen die Bestattungsplätze der Lausitzer Kultur weiter außerhalb der Siedlungen. Tatsächlich befindet sich ca. 1 km südlich des Olbasees auf dem Lorenzberg ein früheisenzeitliches Gräberfeld, das vermutlich mit der Siedlung in Verbindung steht.
Annemarie ReckBildquelle OA 14990, 308, Foto ©LfA 1910.
Funde und Interpretation
An Funden konnten Webgewichte und Keramikreste festgestellt werden, die auf verschiedene hauswirtschaftliche Tätigkeiten schließen lassen. Runde „Tonbatzen“ hingen laut Friederike Koch-Heinrichs wohl mit der Keramikherstellung vor Ort zusammen. Steinerne Gussformen sowie Bronzebarren- und Schmelzklumpen deuten auf die Existenz von Gießerwerkstätten und Metallverarbeitung vor Ort hin. Weiterhin zählen eine Sichel, ein Lappenbeil, Bronzenadeln und Halsringe zum jungbronzezeitlichen bis früheisenzeitlichen Fundspektrum. Bemerkenswert ist außerdem die hohe Anzahl von über 50 Mahlsteinen, die trotz der verstecken Lage der Siedlung im Sumpf auf eine nicht unbedeutende Rolle als Getreideumschlagplatz schließen lassen. Koch-Heinrichs vermutet, dass es sich bei der dicht besiedelten und gut befestigten Anlage innerhalb des Oberlausitzer Siedlungsgefüges um einen Gebietssitz und Rückzugsort gehandelt haben könnte. Vermutlich haben Überbevölkerung, Klimaverschlechterung und zunehmende Bedrohungen von außen letztlich für ein Verlassen der Burganlage um das Jahr 550 v. Chr. gesorgt. Eine germanische Armbrustfibel aus Bronze deutet lediglich auf ein punktuelles Aufsuchen der Talsandinsel im 3. Jahrhundert n. Chr. hin.
Annemarie ReckBildquelle U. Wohmann, Foto ©LfA 2013.
Burg Radisch
Im Spätmittelalter wurden die noch vorhandenen Reste der vorgeschichtlichen Befestigungsanlage zum Schutz einer im Sumpf gelegenen Niederungsburg, der Burg Radisch, wiederverwendet. Um die Zeit des Ersten Weltkrieges wurde auf dem Gelände Braunkohle im Tagebau abgebaut, wodurch die eisenzeitliche Wallanlage weitgehend zerstört worden ist. Im Tagebaurestloch befindet sich heute der Olbasee. Die Abbildung zeigt eine Skizze von 1973, auf der die heutige Insel und die damalige Sandinsel mit dem Wall und der Burganlage zu sehen sind.
Annemarie ReckBildquelle OA 14990, 291, Skizze ©LfA 1973.
Literatur
Friedericke Koch-Heinrichs, Der „Radisch“ von Kleinsaubernitz. Zwischen Großer Röder und Kleiner Spree 11, 2021, 102–103.
Heinz-Joachim Vogt, Der Radisch von Kleinsaubernitz. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 10, 1962, 21–68.
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
https://archaeo-sn.de/ort/burg-radisch-im-olbasee/
Zitat des Beitrags
Annemarie Reck, Burg Radisch im Olbasee. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (21.10.2024). https://archaeo-sn.de/ort/burg-radisch-im-olbasee/ (Stand: 14.08.2026)