

















Die Zerstörung der mittelalterlichen Befestigung von Paltzschen
| Ort: | Paltzschen (Lommatzsch, Meißen) |
|---|---|
| Typ: | Wehranlagen/Befestigungen |
| Datierung: | Hochmittelalter / 12. Jh | Spätmittelalter / 15. Jh. | 1150 – 1400 n. Chr. |
Beschreibung
Wie ein lössbedeckter, nördlich von Paltzschen spornartig nach Nordosten in die Keppritzbachaue ragender Kiesrücken zu seinem Namen gekommen sein könnte, hat schon zu allerlei Mutmaßungen Anlass gegeben, denn weder im Meilenblatt noch in jüngeren Karten ist ein „Tanzplatz“ verzeichnet. Sollte sich hier je ein slawischer „Kultplatz“ befunden haben, wären Veränderungen am 1,5 km westlich gelegenen „Paltzschener See“, dem „heiligen Orakelsee“ der Daleminzier, mit bloßem Auge kaum noch zu sehen gewesen. Da im Übrigen auch eine markante, das Ketzerbachtal überragende Anhöhe zwischen Piskowitz und Prositz „Tanzberg“ heißt, liegt die Vermutung nahe, dass sichtbare Überreste von Altertümern wie Hügel oder Wälle die Phantasie bzw. das Brauchtum der ortsansässigen Bevölkerung angeregt und letztlich so die Flurnamensentstehung seit dem späten Mittelalter beeinflusst haben. Von beiden Stellen sind jedenfalls schon lange bedeutende Siedlungs- bzw. Grabfunde bekannt.
Michael StrobelForschungschronik
Bildquelle Foto ©LfA 1929.
Genauer Standort unklar
Wäre die Paltzschener Befestigung im frühen 19. Jh. noch gut erhalten gewesen, hätte sie der Altmeister der sächsischen Archäologie, Karl Benjamin Preusker (1786-1871) mit Sicherheit beschrieben oder sogar abgebildet. Ob dem sächsischen Geographen Christian Albert Schiffner (1792-1873) ausgerechnet der Wallrest am nördlichen Ortsrand von Paltzschen vor Augen stand, als er in seiner Geographie des Königreichs Sachsen (1840) einen „umwalleten Dörschnitzer Hügel“ erwähnte, ist unklar. Fast dreißig Jahre später, 1869, weiß der sächsische Offizier und Historiker Oscar Schuster (1834-1904) sogar von fünf „alten Wällen“ zwischen Dörschnitz und Paltzschen zu berichten, ohne auch nur einen wirklich exakt zu lokalisieren („ein fünfter in einem Garten zu Paltschen“, Schuster 1869, 80). Keine dieser Informationen reicht für eine genaue Einordnung.
Michael StrobelBildquelle Schuster 1869, 80.
Erstmals 1896 kartiert
Erst seit dem ausgehenden 19. Jh. besitzt die archäologische Denkmalpflege wenigstens eine genauere Vorstellung von der Existenz und Lage der ehemaligen Befestigung. Bietet das Meilenblatt noch keine brauchbaren Anhaltspunkte, ist ein Wallabschnitt auf einer Länge von ca. 50 m immerhin im Äquidistantenblatt von 1896 kartiert. Was über dieses kurze Teilstück hinausging, muss im Jahr der topographischen Erfassung, vermutlich jedoch schon um 1800 weitgehend eingeebnet gewesen sein.
Michael StrobelBildquelle Äquidistantenblatt ©LfA/SLUB 1896.
Erfassung durch Fragebögen
Nur auf diesen letzten, kartographisch greifbaren Rest einer größeren Befestigung kann sich eine Notiz des Seebschützer Landwirts und Gutsbesitzers Max Andrä (1866-1946) beziehen, der 1909 unter der Rubrik „Burgwälle (Heidenschanzen)“ im Fragebogen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz festgehalten hat: „In Paltzschen der Rest einer Schanze vermutlich bronzezeitlich“. Nun war das Denkmal im Archiv urgeschichtlicher Funde aus Sachsen aktenkundig. Auch der Erfassung in der Burgwallkartei zwanzig Jahre später liegen die Meßtischblattkartierungen zugrunde.
Michael StrobelBildquelle OA 61280, 96 ©LfA 1909.
Eine erste Lageskizze
Es sollten weitere zehn Jahre Jahre vergehen, ehe im Frühjahr 1937 die Wehranlage wieder die Aufmerksamkeit der archäologischen Denkmalpflege auf sich zog. Da durch den Südostteil ein Abwassergraben gezogen worden war, konnte der Riesaer Lehrer und Vertrauensmann für Bodenaltertümer Alfred Mirtschin (1892-1962) den Befestigungsverlauf auch dort nachweisen, wo sich kein Wall mehr im Gelände ausmachen ließ.
Michael StrobelBildquelle OA 59260, 97 ©LfA 1937.
Die zugehörige Profilzeichnung
Mirtschins Profilzeichnung zeigt nicht nur den abgetragenen Wallkörper („Wallstumpf“), sondern auch einen mindestens 2 m tiefen und bis zu 8 m breiten Außen- sowie einen flacheren Innengraben. Auf Luftbildern ist die Rohrleitung, die von Norden bzw. Nordosten her die Anlage tangiert, bis heute gut zu erkennen.
Michael StrobelBildquelle OA 59260, 95 ©LfA 1937.
Bühl oder Ringwall?
Nachdem der Landespfleger für Bodenaltertümer Georg Bierbaum (1889-1953) aus dem fernen Dresden brieflich die Vermutung geäußert hatte, dass es sich doch eher um den Bühl einer Turmhügelburg handeln müsse, war sein ehrenamtlicher Mitarbeiter Mirtschin im Juni 1937 ein zweites Mal vor Ort, um die Situation zu überprüfen. Seiner Einschätzung, dass die Erhebung der letzte Rest eines Ringwalls sein müsse, dem „leider stark mitgespielt worden“ sei, sind schließlich nicht nur der Landespfleger, sondern auch spätere Archäologen gefolgt. Allerdings konnten sich weder Bürgermeister noch Eigentümer, die auf der Wallkrone sogar Kartoffeln anbauten, daran erinnern, wann der größte Teil der Befestigung abgetragen worden sein könnte. Für die Denkmaleintragung war es gleichwohl nicht unerheblich, ob eine Motte oder ein weitaus größerer Ringwall unter Schutz gestellt werden sollte.
Michael StrobelBildquelle OA 59260, 88 ©LfA 1937.
Eintragung in die Denkmalliste
Der Eintragung in die Denkmalliste gingen intensive Gespräche mit den Landwirten voraus, die vor allem Nutzungseinschränkungen befürchteten. Für die komplizierten Verhandlungen hätten Amtshauptmann und Landespfleger einmal mehr keinen geeigneteren Beauftragten finden können als den Riesaer Lehrer, der offenbar allerlei Bedenken, insbesondere „Bauernsorgen“ ausräumen musste. Am 9. Mai 1938 konnte die Anlage schließlich in die Denkmalliste B aufgenommen werden.
Michael StrobelBildquelle OA 59260, 94 ©LfA 1938.
Nach der Bodenreform
An ihre Zusage, den Wall nicht zu verändern, scheinen sich die ortsansässigen Landwirte auch nach dem Kriegsende gehalten zu haben. Eine Luftaufnahme aus den 1950er Jahren verrät, dass das Gelände nach wie vor als Streuobstwiese genutzt wurde, während sich im Osten und Norden schmale Feldstreifen anschlossen.
Michael StrobelBildquelle Luftaufnahme 1950er Jahre ©LfULG/LfA
Intaktes Denkmal
Als nach vielen Jahren, 1971, wieder ein Mitarbeiter des Dresdner Landesmuseums für Vorgeschichte in Paltzschen vorbeischaute und die Anlage kontrollierte, konnte er keine Beeinträchtigungen feststellen. Der Wall lag nach wie vor am Rand einer Streuobstwiese, ohne größere Schäden durch die Bewirtschaftung davongetragen zu haben.
Michael StrobelBildquelle OA 59260, 120 ©LfA 1971.
Zustandserfassung durch Satellitenaufklärung
Sogar die Amerikaner hätten 1975 erkennen können, dass die Befestigung immer noch den nördlichen Abschluss der Streuobstwiese bildete. Freilich war die kleinteilige Feldeinteilung, die bis in die 1960er Jahre die Agrarlandschaft um Paltzschen prägte, längst in einem Großschlag aufgegangen. Weil der nach Norden in den Schlag ragende „unproduktive“ Vorsprung einer maschinellen Bewirtschaftung im Weg stand, waren Wall und Streuobstwiese den Verantwortlichen in der Striegnitzer LPG „Helmut Just“ ein ständiger Dorn im Auge. Der mit dem „Vaterländischen Verdienstorden in Gold“ ausgezeichnete DDR-Musterbetrieb wollte auf keinen Quadratmeter Ackerland verzichten. Die Beseitigung des Denkmals lag in der Logik einer produktivitätsorientierten Komplexmelioration (Flurbereinigung), die auch auf Wege, Hecken oder Baumreihen keine Rücksicht nahm.
Michael StrobelBildquelle Satellitenaufnahme ©GeoSN/LfA 1975.
Vor vollendete Tatsachen gestellt
Nachdem 1973 zuletzt ein Mitarbeiter des Landesmuseums die Anlage besucht und ein Hinweisschild angebracht hatte, war im Januar 1982 bei einer weiteren Kontrolle das Entsetzen groß, dass man den Wall, nach Angaben der Anwohner schon 1976, eingeebnet und die Streuobstwiese dem Feld einverleibt hatte. Im Februar stellte das Landesmuseum für Vorgeschichte daher bei der Staatsanwaltschaft Meißen einen Antrag auf Strafverfolgung wegen „Vernichtung der slawischen Wallanlage Paltzschen“ und wegen eines „schweren Vergehens gegen das nationale Kulturerbe der DDR“. Der Schaden an dem „Kulturvermögen“ wurde auf 500.000 Mark beziffert.
Michael StrobelBildquelle OA 59260, 137 ©LfA 1982.
Ermittlungsverfahren
Wer die Zerstörung des Walls zur Gewinnung von Ackerland veranlasst hatte, war schon im Winter 1982 allzu offensichtlich. Dem LPG-Vorsitzenden blieb gar nichts anderes übrig, als den „Gesetzesverstoß“ im Zuge der staatsanwaltlichen Ermittlungen „anzuerkennen“. Da allerdings die Gemeinde angeblich versäumt hatte, den Betrieb über den Schutzstatus zu informieren, und dem Vorsitzenden kein vorsätzliches Handeln vorzuwerfen gewesen sei, stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren im Juli 1982 ein. Die Revisionsbemühungen sollen zu einer Wiederaufnahme und Verurteilung der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft zu einer hohen Geldstrafe geführt haben, sind in den Ortsakten aber nicht dokumentiert.
Michael StrobelBildquelle OA 59260, 145 ©LfA 1982.
Zweiter Leitungsbau
Nur ein Jahr später kann es den Museumsmitarbeitern daher nicht leichtgefallen sein, dem von der LPG projektierten Bau einer Wasserleitung durch den südlichen Randbereich der Anlage zuzustimmen. Die archäologische Begleitung des Vorhabens erbrachte freilich so viele neue Erkenntnisse, dass der Ertrag den Schaden aufzuwiegen schien. Reinhard Spehr konnte in den Profilen Gruben der Jungbronze- und Römischen Kaiserzeit sowie des Frühmittelalters dokumentieren.
Michael StrobelBildquelle OA 59260, 163 ©LfA 1983.
Frühmittelalterliche Gruben
Ein Befund des 9./10. Jh. n. Chr. enthielt nicht nur typische „slawische“ Scherben, sondern auch die Fragmente einer Drehmühle sowie einer Tonwanne zum Rösten von Getreide. Durch zahlreiche Oberflächenfunde ist ferner eine fast kontinuierliche Nutzung des Areals seit der Linienbandkeramik nachgewiesen. Zur Datierung der Befestigung selbst scheinen die Untersuchungen indessen nichts beigetragen zu haben. Die große Bandbreite der Oberflächenfunde verdeutlicht einmal mehr, wie problematisch es sein kann, eine zeitliche Einordnung allein auf Lesefunde zu stützen.
Michael StrobelBildquelle R. Spehr 2011, Abb. 80.
Schwankende Datierungen
Die Befestigung galt jahrzehntelang als „slawischer“ Burgwall. Die Versuchung muss immer groß gewesen sein, aus der räumlichen Nachbarschaft zum „Paltzschener See“ eine zeitliche Nähe abzuleiten und auf dem „Tanzplatz“ eine zentrale Stammesburg der Daleminzier zu lokalisieren.
Michael StrobelBildquelle R. Heynowski, Foto Luft_3127_043 ©LfA 2019.
Hochmittelalterlicher Herrensitz
Allerdings sind Größe und Umriss der Anlage mit einer Burg des 9./10. Jh. n. Chr. nur schwer in Einklang bringen. Reinhard Spehr hat stattdessen vorgeschlagen, die Strukturen als Reste eines befestigten mittelalterlichen Wohn- und Wirtschaftshofes und damit Sitz einer Ministerialenfamilie zu interpretieren. Inhaber war vielleicht ein 1206 nachweisbarer „Lampertus de Pulzan“. Spätestens in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts gehörte der Herrenhof als allodium zum Amt Meißen, dem auch die Dorfgemeinschaft abgabenpflichtig war. Nach der Mitte des 14. Jahrhunderts scheinen die auf Burg Hirschstein ansässigen Herren von Polenz Einkünfte aus Paltzschen bezogen zu haben, bis der Besitz an Meißner Bürger und schließlich an Markgraf Wilhelm den Einäugigen überging.
Michael StrobelBildquelle R. Spehr 2011, Abb. 81
Die Zerstörung ist irreversibel
Für die Bewertung des Vorgangs im Jahre 1976 ist die Datierung der Befestigung völlig unerheblich: Innerhalb weniger Tage wurde ein obertägig noch teilweise sichtbares archäologisches Kulturdenkmal zerstört, dessen Bedeutung auch vierzig Jahre nach der Unterschutzstellung nicht völlig in Vergessenheit geraten gewesen sein kann. Wer vor Ort beheimatet war, wusste, was sich vor ihm aus der Streuobstwiese erhob. Dies gilt auch für den ehemaligen LPG-Vorsitzenden. Wie viele andere Bodendenkmale in der intensiv genutzten Agrarlandschaft ist der Herrensitz auf dem „Tanzplatz“ heute nur noch als „Luftbilddenkmal“ erhalten, aber deshalb nicht weniger durch Erosion und mechanische Beanspruchung gefährdet.
Michael StrobelBildquelle O. Braasch, Foto Luft_4744/066-03 ©LfA 1994.
Monitoring nach 30 Jahren
Um den Zustand des Burgareals sowie der nördlich anschließenden bandkeramischen Siedlung zu untersuchen, wurde das Gelände 2004/2005 intensiv abgebohrt. Die Burg befindet sich auf einem breiten, flach nach Nordosten ragenden Sporn, der im Norden und Osten mit steilen Flanken in die feuchten Niederungen übergeht. Aus 14 Bohrungen erschließt sich ein geringer Bodenverlust von ca. 30 cm auf dem Plateau und von teilweise mehr als 1 m auf den Flanken. Spuren der Planierung der Befestigung konnten ebenso erbohrt werden wie von Materialauftrag nach einem Gebäudeabriss. In der Niederung haben sich Kolluvien bis zu einer Mächtigkeit von 60 cm abgelagert. Damit ist auf der Verebnungsfläche von geringen Erosionsbeträgen auszugehen. Allerdings werden die letzten Spuren der Befestigung durch die Bodenbearbeitung allmählich immer weiter eingeebnet und auseinandergezogen.
Michael StrobelBildquelle R. Vogt, Grafik ©LfA 2005
Literatur
Werner Coblenz, Bemerkungen zur Chronologie in den slawischen Gauen Daleminzien und Nisan. Archaeologia Polski 16, 1971, 401-417.
Werner Coblenz, Einige Bemerkungen zur Archäologie des sächsischen Raumes in der Zeit zwischen deutscher Eroberung und dem Beginn der Kolonisation. In: Michael Gockel/Volker Wahl (Hrsg.), Festschrift für Hans Eberhardt zum 85. Geburtstag. Thüringische Forschungen (Weimar/Köln/Wien 1993) 1-22.
Martin Fröhner/Michael Strobel, Zwei Landwirte als Archäologen: Max Andrä (1866-1946) und Oskar Wallrabe (1870-1956). Archaeo 13, 2017, 38-47.
Hans-Jürgen Hardtke/Sarah Jacob/Karl Mannsfeld/Haik Thomas Porada/Michael Strobel/André Thieme/Thomas Westphalen (Hrsg.), Zwischen Lommatzsch und Wilsdruff. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme. Landschaften in Deutschland 83 (Köln 2022).
Albert Schiffner, Handbuch der Geographie, Statistik und Topographie des Königreich Sachsens. Zweite Lieferung, den Dresdener Kreisdirectionsbezirk enthaltend (Leipzig 1840).
Oscar Schuster, Die alten Heidenschanzen Deutschlands mit specieller Beschreibung des Oberlausitzer Schanzensystems (Dresden 1869).
Reinhard Spehr, Gana – Paltzschen – Zehren. Eine archäologisch-historische Wanderung durch das Lommatzscher Land (Dresden 2011).
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
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Zitat des Beitrags
Michael Strobel, Die Zerstörung der mittelalterlichen Befestigung von Paltzschen. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (04.06.2026). https://archaeo-sn.de/ort/die-zerstoerung-der-mittelalterlichen-befestigung-von-paltzschen/ (Stand: 14.08.2026)