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Lage und Aufbau
Frühe Forschungen
Die erste Ausgrabung
Raub- und Nachgrabungen
Die zweite Ausgrabung
Grabungsergebnisse
Die jüngste Phase
Die Innenfläche
Ein möglicher Turmhügel
Grabungsfunde
Aufarbeitung der Grabungen
Geomagnetische Untersuchungen
Vorburgbereich
Forschungschronik

Doppelwall von Ostro

Ort: Ostro (Panschwitz-Kuckau, Bautzen)
Typ: Wehranlagen/Befestigungen
Datierung: frühe Vorrömische Eisenzeit | Billendorfer Kultur | Frühmittelalter | Hochmittelalter | 780 - 500 v. Chr. | 850 - 1200 n. Chr.

Beschreibung

Die Ostroer Schanze galt bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts als eines der wichtigsten archäologischen Denkmäler Sachsens. Noch heute gehört sie mit ihren bis zu 15 m hohen Wällen, die eine Fläche von 2,8 ha einschließen, wohl zu den eindrucksvollsten Befestigungsanlagen der Oberlausitz. Der Doppelwall ist birnenförmig und wird in seinem heutigen Erscheinungsbild von einem breiten Querwall und einem Graben in eine Ober- und eine Niederburg geteilt. Noch heute verläuft im Bereich des Querwalls die Gemarkungsgrenze zwischen Ostro und Neustädel. Grabungen im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts lassen jedoch bis zu vier Bauphasen vermuten. Der älteste Teil der Anlage geht den Funden zufolge nämlich bereits auf die eisenzeitliche Billendorfer Kultur zurück. Die erneute Befestigung und Hauptbesiedlung der Anlage erfolgte vom 9. bis 12. Jahrhundert durch die slawischen Milzenier, etwa 1500 Jahre später. Zudem wird eine mögliche letzte Nutzungsphase im Spätmittelalter als Turmhügelburg diskutiert.

Annemarie Reck

Lage und Aufbau

Die Schanze von Ostro liegt in exponierter Lage auf einer Bergkuppe und ist auf drei Seiten vom Klosterwasser umgeben. Zu dem schmalen Fluss hin fallen stellenweise steile Böschungen ab, nur im Osten ist der Bergsporn mit dem Hinterland verbunden, das er deutlich überragt. Im Nordteil, auf einem ovalen Plateau befindet sich die sogenannte Oberburg, die von einem nur im Westen geöffneten Ringwall umschlossen ist. Der in späterer Zeit eingezogene Querwall und der Graben trennt die Oberburg von der sogenannten Niederburg, die sichelförmig an die Oberburg ansetzt. Der ursprüngliche Zugang zur Schanze befand sich in Form eines Zangentors im westlichen Wall der Niederburg.

Annemarie Reck

Bildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2005.

Frühe Forschungen

Bekannt wurde die Ostroer Schanze bereits im 19. Jahrhundert durch Karl Benjamin Preusker, dem Vater der sächsischen Archäologie, der 1827 einen ersten Grundriss mit Querschnitt von der Anlage publizierte. Jedoch ging er neben der reinen Beschreibung der Schanze hauptsächlich auf die Sage um ein wundertätiges Marienbildnis aus dem 17. Jahrhundert ein, das auf einer Erhöhung auf der Schanze gestanden haben soll, bevor es in die Kapelle in Rosenthal gekommen sei. Daraufhin findet der Ostroer Doppelwall vielfach Erwähnung in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Eine angebliche urkundliche Erwähnung als Ostrusna um das Jahr 1006, die Alfred Muschkau 1885 in „Den prähistorischen Alterthümer der Oberlausitz und deren Fundstätten“ publizierte, bezieht sich vermutlich auf den Ort Ostritz zwischen Zittau und Görlitz.

Annemarie Reck

Bildquelle E. Blum, Plan ©LfA 1913.

Die erste Ausgrabung

Da eine umfangreiche und wissenschaftliche Grabung vonseiten des Bautzener Vereins nicht zu stemmen war, genehmigten sie dem Görlitzer Museumsdirektor Prof. Feyerabend, Untersuchungen an der Ostroer Schanze vorzunehmen. Die Grabungen Feyerabends begannen 1909 und wurden mit kriegsbedingten Unterbrechungen bis 1922/1923 fortgeführt. Untersucht wurden dabei jedoch bloß die Wälle, da im Innenraum damals noch Getreide angebaut wurde. Kriegsversehrt und erkrankt starb Feyerabend jedoch, ohne eine Publikation über die Grabungen vorlegen zu können und hinterließ bloß wenige Aufzeichnungen oder Vortragsmanuskripte.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Feyerabend, Foto ©LfA 1914.

Raub- und Nachgrabungen

Die Popularität der Schanze hatte jedoch zur Folge, dass es bereits im 19. Jahrhundert immer wieder zu Raubgrabungen und Beschädigungen kam. Bereits Preusker beschreibt 1849 sowohl Funde als auch Befunde von der Anlage, was von frühen Eingriffen zeugt. Schuster spricht 1869 von „Durchstichen des Walls und Nachgrabungen“, wodurch interessante Funde zutage gefördert worden seien. 1902 wurde der Bautzener Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte der Oberlausitz gemeldet, dass der damalige Besitzer ca. 300 Kippwagen Sand abgefahren und dabei eine Wand von 60 m² freigelegt habe, wobei verkohlte Balken, Getreide und Knochen zum Vorschein gekommen seien. In den Folgejahren wurden von der Bautzener Gesellschaft mehrere Grabungsberichte veröffentlicht, die das Interesse von Prof. Ludwig Feyerabend erregten, der dem Görlitzer Zweigverein vorstand.

Annemarie Reck

Bildquelle OA 52620, 68 ©LfA 1902.

Die zweite Ausgrabung

Noch vor Feyerabends plötzlichem Tod im Jahr 1927 begann Walter Frenzel, inzwischen Vorstand der Bautzener Gesellschaft, eine zweite Grabungskampagne. Im Bereich einer bereits vorhandenen Störung konnte Frenzel erstmals einen kompletten Walldurchstich durchführen und das Profil 33 aufnehmen. Eine dünne Kulturschicht unter dem ältesten Wallabschnitt ließ Frenzel auf eine offene Vorgängersiedlung schließen, die vielleicht auch mit der Errichtung der Anlage in Verbindung steht. Darüber ließen sich im Wall drei Bauphasen ablesen.

Annemarie Reck

Bildquelle W. Frenzel, Profilzeichnung ©LfA 1927.

Grabungsergebnisse

Die erste Bauphase stellt der Wall der eisenzeitlichen Billendorfer Kultur dar. Er bestand aus Balkenlagen die abwechselnd aufgelegt und in einander verzapft worden waren. Die Mauer war laut Frenzel noch mit 1,50 m stark und trotz Brandspuren bis zu 3,00 m hoch erhalten. Der Innenraum dieser Holzkästen war mit Erde und Steinen gefüllt. Der zweite Wall wurde erst ca. 1500 Jahre später auf den inzwischen eingeebneten Resten des eisenzeitlichen Walles errichtet. Anhand des Profils war eine Rekonstruktion des ersten mittelalterlichen Walls nicht möglich, außer dass hauptsächlich Lehm, Stein und Holz für den Bau verwendet wurden. Die damit vergesellschaftete Keramik zeigt entwickelte Formen der mittelslawischen Periode. In der Aufschüttung für den neuen Wall fanden sich zudem dicke Schichten von geröstetem Getreide, die sich laut Frenzels Aufzeichnungen mit Schichten aus Lehm und Sand abwechselte. Frenzel sah darin Getreidelager, die im Wall eingebracht waren. Diese Interpretation ist aber sehr fraglich.

Annemarie Reck

Bildquelle Coblenz 1991, 59.

Die jüngste Phase

Die jüngste Burgmauer aus spätslawischer Zeit liegt nur 20 cm unter der modernen Oberfläche. Dabei handelt es sich um eine 1 m starke Trockensteinmauer aus Steinplatten, die auf einem Lehmsockel stand. Die Mauer wurde auf den nochmals mit Aufschüttungen überhöhten Wall des 9./10. Jahrhunderts aufgebaut. Wie hoch sie einst reichte, ist unklar. Unter der spätslawischen Keramik des 11./12. Jahrhunderts kam in dieser Schicht eine Münze (Bild) von Ludwig dem Deutschen (806–876) zutage.

Annemarie Reck

Bildquelle W. Frenzel, Zeichnung ©LfA 1927.

Die Innenfläche

Außerdem konnte erstmals im Neustädteler Teil der Schanze ein größerer Bereich in der Innenfläche untersucht werden, was zuvor vom Besitzer immer untersagt worden war. Das Grabungsareal umfasste eine Fläche von 50 m² mit 15 Gruben, die nach damaligen Standards wissenschaftlich untersucht werden konnten, darunter ein vollständig erfasstes, spätslawisches Grubenhaus mit Ausmaßen von 3,20 x 2,50 m. Der Grundriss des Hauses ist rechteckig mit abgerundeten Ecken. Im Westen des Gebäudes befand sich eine Steinpackung mit Holzkohleresten und durch Hitzeeinwirkung gesprungenen Grauwackenstücken, weshalb es sich dabei vermutlich um eine Herdstelle handelt. Der von Frenzel beobachtete Mittelpfosten gehört dabei jedoch wahrscheinlich zu einem älteren Gebäude. Pfosten an den Ecken, die für einen massiveren Aufbau sprächen, konnten dabei nicht festgestellt werden.

Annemarie Reck

Bildquelle W. Frenzel, Skizze ©Archiv Museum Bautzen/LfA 1927.

Ein möglicher Turmhügel

Nach Abschluss der hochmittelalterlichen Landnahme war eine so schwer befestigte Burganlage offenbar nicht mehr zeitgemäß. Südöstlich der Anlage, auf der Neustädteler Flur entstand auf einem aufgeschütteten Erdhügel eine Turmhügelburg (Bild) mit umlaufendem Graben. Werner Coblenz geht zudem davon aus, dass auch auf der Ostroer Schanze ein Abschnitt des Querwalls nochmals überhöht und ebenfalls, als eine letzte Nutzungsphase, zum Turmhügel ausgebaut wurde. Eindeutige archäologische Befunde, die zu einem solchen Wohnturm passen könnten, wurden bislang jedoch nicht nachgewiesen. Preusker vermutete an dieser höchsten Stelle den einstigen Standort des aus der Sage bekannten Marienbildes.

Annemarie Reck

Bildquelle G. Bierbaum, Plan ©LfA 1937.

Grabungsfunde

Aus dem ergrabenen Gebäude konnten zahlreiche Funde geborgen werden, darunter ein doppelkegeliger Spinnwirtel, ein Eisenmesser, ein eiserner Pfriem und mehrere Feuersteine. Am Boden des Hauses befand sich ein reichhaltiges Keramikpflaster mit Scherben von mehr als 30 Gefäßen. Das Gros der Keramik lässt auf eine Nutzung des Grubenhauses in spätslawischer Zeit (11./12. Jahrhundert) schließen. An Verzierungen finden sich Kammstempel, Schrägkerbung, Wellenbandverzierung und eine horizontale Bänderung an den Gefäßen, die Ränder sind bis zum sogenannten Entenschnabel ausgebildet. In den unteren, gestörteren Bereichen fand sich zudem Keramik der eisenzeitlichen Billendorfer Kultur. Die Funde der Grabung kamen in das Museum Bautzen.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Feyerabend, Foto ©LfA 1914.

Aufarbeitung der Grabungen

Eine Publikation der Grabung wurde bedingt durch den Selbstmord Frenzels im März 1941 jedoch nie abgeschlossen. Ab den 1950er Jahren bemühte sich vor allem Coblenz um die Aufarbeitung der Ostroer Schanze und recherchierte nach Aufzeichnungen, Tagebüchern, Plänen und Vorträgen sowohl von Feyerabend als auch von Frenzel.

Annemarie Reck

Bildquelle W. Coblenz, Foto ©LfA 1954.

Geomagnetische Untersuchungen

Im Frühjahr 2017 führte das Museum der Westlausitz, Kamenz, in Zusammenarbeit mit Patrick Mertl zerstörungsfreie geomagnetische Untersuchungen im Inneren der Burganlage durch. Die Strukturen die dabei sichtbar wurden, deuten auf mindestens ein Dutzend weitere Grubenhäuser hin, besonders im Bereich der Unterburg. Weitere Anomalien, die vermutlich auf Pfostenstellungen zurückgehen, weisen ebenfalls auf eine flächige Bebauung hin. Aufgrund der Mehrphasigkeit der Anlage ist die Befunddichte allerdings kaum verwunderlich, da sich darin sowohl vorgeschichtliche als auch frühgeschichtliche Befunde aus verschiedenen Jahrhunderten gleichzeitig abbilden.

Annemarie Reck

Bildquelle P. Mertl, Plan ©A.E.G.I.S./LfA 2019.

Vorburgbereich

Im März 2019 erfolgte eine weitere geomagnetische Untersuchung der terrassiert wirkenden Vorburgbereiche, die interessante Ergebnisse erbrachte. Zwar war der nordöstliche Abschnitt befundleer, im Nordwesten und Norden hingegen zeigten sich klare Strukturen eines bis zu 10 m breiten Einschnittes, der auf einen Hohlweg hindeutet, der von der via regia kommend zur Schanze hinaufzieht und auf eine Einkerbung im Wall zuläuft, die womöglich auf ein inzwischen verschüttetes Tunneltor hinweisen könnte. Im Osten zeigten sich im Vorfeld des vermuteten mittelalterlichen Zugangs deutliche Befunde, die zu einem aus Holzkästen bestehenden Wallkern mit vorgelagertem Graben gehören, die als zusätzliches Annäherungshindernis den Vorburgbereich geschützt haben dürften.

Annemarie Reck

Bildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2021.

Forschungschronik

1827
Ersterwähnung bei Karl Benjamin Preusker.
1849
Beschreibung von Funden und Befunden der Ostroer Schanze bei Karl Benjamin Preusker. Mehrfache Erwähnung der Ostroer Schanze bei weiteren Autoren des 19. Jahrhunderts wie z. B. Oscar Schuster (1869) oder Alfred Muschkau (1885).
1902
Meldung über die Nutzung als Sandgrube an die Bautzener Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte der Oberlausitz.
1903 – 1908
Veröffentlichungen von Grabungsberichten der Bautzener Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte der Oberlausitz bei Nach- und Rettungsgrabungen an der Schanze.
1909 – 1922/1923
Erste Grabungen durch Ludwig Feyerabend.
ca. 1926 – 1929
Weitere Grabungen durch Walter Frenzel.
1950er Jahre
Aufarbeitung beider Grabungen durch Werner Coblenz.
Annemarie Reck

Bildquelle Foto ©LfA 2024.

Literatur

Werner Coblenz, Ostro und seine Schanze. In: Heinz Kubasch (Hrsg.), Veröffentlichungen des Museums der Westlausitz, Sonderheft (Kamenz 1991).
Frederike Koch-Heinrichs/Stefan Krabath/Uta Lische, Die Schanze Kopschien und die slawische Besiedlung der Oberlausitz. Veröffentlichungen des Museums der Westlausitz Kamenz 35, 2019, 3–109.
Frederike Koch, Ostro (Wotrow), eine vorgeschichtliche Wallanlage und Siedlungskammer. In: Die Oberlausitz. Ausflüge zur Archäologie, Geschichte und Kultur in Deutschland, Bd. 51 (Stuttgart 2010) 201–205.

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags / Citation

Annemarie Reck, Doppelwall von Ostro. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (16.02.2024). https://archaeo-sn.de/ort/doppelwall-von-ostro/ (Stand: 24.05.2024)

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