










Ein bronzezeitliches Grabhügelfeld im Südwesten des Thümmlitzwaldes
| Ort: | Seidewitz-FR Thümmlitzwald (Grimma, Leipzig) |
|---|---|
| Typ: | Hügelgrab/Hügelgräberfeld |
| Datierung: | Lausitzer Kultur | 1350 - 750 v. Chr. |
Beschreibung
Das bronzezeitliche Gräberfeld (1350-750 v. Chr.) gehört mit etwa 50 Hügeln zu den größten Nekropolen im Freistaat überhaupt und liegt am südwestlichenn Rand des Thümmlitzwaldes auf einem Plateau oberhalb der Freiberger Mulde. Bekannt ist der Friedhof schon seit dem frühen 19. Jh.
Michael StrobelForschungschronik
Bildquelle Foto ©LfA 1929.
Früh erkannt – früh kartiert
Schon 1844 erwähnte der Großenhainer Rentamtmann Karl Benjamin Preusker (1786-1871) die Hügel. Dazu dürfte auch beigetragen haben, dass im sächsischen Meilenblatt zwar nicht die volle Ausdehnung des Friedhofs, aber wenigstens die sieben größten Hügel kartiert sind.
Michael StrobelBildquelle Berliner Meilenblatt ©Staatsbibliothek Berlin/SLUB/LfA Sachsen
Lücken im „kartographischen Gedächtnis“
Auch wenn im Äquidistantenblatt von 1876 nichts auf die Nekropole hinweist, tauchen die Grabhügel 1907 im Meßtischblatt als Hünengräber wieder auf. Da ein Gesamtplan von 1890 offensichtlich verloren gegangen und in der Ortsakte lediglich eine grobe Lageskizze vorhanden ist, dürften die zuständigen Förster am besten gewusst zu haben, wie groß die Nekropole tatsächlich ist.
Michael StrobelBildquelle Meßtischblatt Colditz 1907 ©SLUB
Der Friedhof im digitalen Geländemodell (DGM)
Die Angaben zur Zahl der Hügel schwanken nämlich ganz erheblich. Die exakte Ausdehnung der Nekropole und Größe der Hügel offenbart sich daher erst Jahrzehnte später im digitalen Geländemodell (DGM). Deutlich zu erkennen sind zwei räumlich getrennte Gruppen im Nordosten bzw. Südwesten, die jeweils auf zwei besonders große Exemplare Bezug zu nehmen scheinen. Insgesamt umfasst der Friedhof 50 Hügel, deren Höhe und Durchmesser ganz erheblich variieren.
Michael StrobelBildquelle DGM ©GeoSN
Kahlschlag
Wären die Hügel in der offenen Agrarlandschaft vermutlich längst beseitigt und eingeebnet worden, ist auch die jahrhundertelange Waldwirtschaft an dem Bodendenkmal nicht spurlos vorübergegangen: Sturmschäden, Kahlschläge und Wiederaufforstungsmaßnahmen hinterließen immer wieder kleinere oder größere Schäden an den Hügelschüttungen. Viele Störungen sind auf Grabungen des 19. Jh. zurückzuführen, als nicht zuletzt die Mitglieder regionaler Altertumsvereine versuchten, durch Trichter von oben oder von der Seite her in das Hügelzentrum vorzudringen, um an eine zentrale, mutmaßlich mit Beigaben reich ausgestattete Bestattung zu gelangen. 1820 ließ der Colditzer Forstmeister Graf von Ronow den größten Hügel öffnen. 1885 folgte eine weitere Grabung unter der Leitung von Dr. von Lindenau in Verbindung mit dem Leisniger Geschichts- und Altertumsverein.
Michael StrobelBildquelle Foto Ortsakte 4210a, 980 ©LfA 1910
Eine erste „planmäßige“ Grabung
Im Herbst 1890 sah sich der Dresdner Kustos an der prähistorischen Sammlung des königlich mineralogisch-geologischen Museums Johannes Deichmüller (1854-1944) schließlich veranlasst, eine Ausgrabung an einem großen, bereits „getrichterten“ Hügel durchzuführen. Die Dokumentation entspricht den Standards des ausgehenden 19. Jh. und ist überaus detailliert.
Michael StrobelBildquelle Ortsakte 4210a, 998 ©LfA 1890
Ein Hügel im Profil
Die Darstellung des Hügelquerschnitts ist allerdings stark idealisiert. Demnach bestand die Schüttung überwiegend aus Steinmaterial. In Hohlräumen, die von Steinplatten geschützt waren, standen mit Leichenbrand gefüllte Urnen. Den Abschluss bildete ein Steinpflaster, das mit Erde überdeckt war. Der Hügelfuß wurde von einem Steinkranz eingefasst.
Michael StrobelBildquelle Ortsakte 4210a, 995 ©LfA 1890
Vollständige Gefässe
In der Bronzezeit war es üblich, die Körper der Verstorbenen zu verbrennen und den Leichenbrand bzw. die Asche in Urnen beizusetzen, die häufig mit einer Schale abgedeckt waren. Weitere Gefäße, die den Umfang von ganzen Geschirrsätzen annehmen konnten, enthielten Speise- oder Flüssigkeitsbeigaben. Immerhin ist es Deichmüller gelungen, nicht nur Einzelscherben zu bergen, sondern nahezu vollständige Gefäße zu rekonstruieren. Eitöpfe, bikonische Gefäße, geriefte Schüsseln, Tassen und Schalen sind typisch für die Zeit um 1200 v. Chr. Besondere Beachtung verdient ein qualitätvolles kelchartiges Gefäß mit Fuß.
Michael StrobelBildquelle Foto A. Kaltofen ©LfA 2023
Nähe zu den Ahnen
Wie lange auf dem Friedhof bestattet wurde, ist unklar. Die nächsten bronzezeitlichen Siedlungen sind nur wenige hundert Meter entfernt. Sie repräsentieren nach derzeitigem Forschungsstand jedoch vermutlich kleine Weiler oder Gehöfte, die relativ instabil waren und in Abständen von wenigen Generationen verlagert wurden. Je mobiler und zerstreuter die Bevölkerung lebte, desto größer scheint die Sehnsucht nach Beständigkeit im Tod gewesen zu sein. Im Laufe der Jahrzehnte führte die kontinuierliche Friedhofsbelegung zur Aufschüttung immer neuer Hügel und damit zu einer ständigen Vergrößerung der Nekropole, mit der vermutlich auch ein intensiver Ahnenkult einherging.
Michael StrobelBildquelle Foto J. Deichmüller, Ortsakte 4210a, 976 ©LfA 1908
Forstwirtschaft und Denkmalpflege
In der staatlichen Forstverwaltung waren sich die Verantwortlichen der Bedeutung des Grabhügelfeldes immer bewusst. So wenig aber auf eine waldwirtschaftliche Nutzung verzichtet werden konnte, so wenig ließen sich Sturmschäden und Schädlingsbefall verhindern. Besonders große Schäden richtete der Einsatz von Forstpflügen vor einer Wiederbepflanzung an. Immerhin waren die zuständigen Förster bereit, ihre Maßnahmen jeweils mit dem Landespfleger für Bodenaltertümer Georg Bierbaum (1889-1953) abzustimmen. Da die Hügel nicht im Privat-, sondern im Staatsforst liegen, musste der Landespfleger keine Eintragung in die Denkmalliste gemäß Sächsischem Heimatschutzgesetz von 1934 in die Wege leiten.
Michael StrobelBildquelle Ortsakte 4210a, 1035 ©LfA 1935
Neue Herausforderungen
Klimawandel und Borkenkäferbefall erhöhen den Druck auf die Wälder. Um eine weitere Ausbreitung der Schädlinge zu verhindern, müssen Kalamitätsflächen daher binnen sechs Wochen gerodet werden. 2018 richtete der Orkan Friederike in den sächsischen Wäldern verheerende Schäden an, die so schnell wie möglich beseitigt werden mussten. Bei den anschließenden Rodungs- und Wiederbepflanzungsmaßnahmen wurden auch mehrere Hügel am östlichen Rand des Friedhofs in Mitleidenschaft gezogen. Um künftig eine Beschädigung der Hügel zu vermeiden, sollte daher auf den Pflugeinsatz bei der Wiederaufforstung verzichtet werden.
Michael StrobelBildquelle Karte C. Schubert ©LfA 2021, Grundlage DGM ©GeoSN
Der Wald erholt sich
Seit dem Schadereignis sind inzwischen fast acht Jahre vergangen. Auf der großen Lichtung beginnen sich durch Neuanpflanzungen und natürliche Verjüngung allmählich Sträucher und Bäume anzusiedeln. In dieser Phase fällt es schwer, die Hügel unter dem dichten Bewuchs zu erkennen. In einigen Jahrzehnten werden die Monumente aber wieder wie im westlich benachbarten Hochwald gut sichtbar sein. Hinweistafeln erleichtern es Besuchern, sich vor Ort ein Bild von dem Grabhügelfeld zu machen.
Michael StrobelBildquelle Foto M. Strobel ©LfA 2024
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
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Zitat des Beitrags
Michael Strobel, Ein bronzezeitliches Grabhügelfeld im Südwesten des Thümmlitzwaldes. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (08.01.2026). https://archaeo-sn.de/ort/ein-bronzezeitliches-grabhuegelfeld-im-suedwesten-des-thuemmlitzwaldes/ (Stand: 14.08.2026)