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Errichtung und Nutzung als Stalag
Das Oflag
Lageralltag im Oflag
Die Universität Hoyerswerda
Kriegsende im Lager
Das russische Kriegsgefangenenlager
Das Quarantänelager
Das Umsiedlerlager
Kriegsgräberstätte

Elsterhorst (Stalag IV A/Oflag IV D)

Ort: Nardt (Elsterheide, Bautzen)
Typ: Stätten des Nationalsozialismus
Datierung: Neuzeit | Moderne | 20. Jh. | 1939 - 1948 n. Chr.

Beschreibung

Im Zuge der Kriegsvorbereitung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei wurde im Jahr 1939 nordwestlich von Hoyerswerda der Bau eines Kriegsgefangenenlagers angeordnet. Es war eines von insgesamt zehn geplanten Lagern im damaligen Wehrkreises Dresden. Zwischen 1939 und 1945 diente es erst als Mannschafts- und später als Offizierslager. Hauptsächlich handelte es sich dabei um französische Soldaten, es waren aber Kriegsgefangene anderer Nationalitäten hier untergebracht. Nach der Besetzung durch die Rote Armee am 20. April 1945 wurde das Lager geräumt und zur Unterbringung deutscher Kriegsgefangener weiter genutzt. Von hier aus traten sie den langen Weg in die russische Kriegsgefangenschaft an oder kamen mit Entlassungsschein frei. Ab Herbst 1945 diente es als Quarantänelager für aus der Gefangenschaft heimkehrende deute Soldatensoldaten und Zivilinternierte, die aus anderen Besatzungszonen nach Sachsen zurückkehrten. Ab Herbst 1946 bis zu seiner endgültigen Schließung 1948 erfuhr das Lager wiederum einen weiteren Nutzen als Lager für die Umsiedler, die aus Polen, der Tschechoslowakei und weiteren osteuropäischen Staaten vertrieben wurden und in Sachsen neuangesiedelt werden sollten. Noch 1948 wurde das Lager teilweise abgebrochen.

Annemarie Reck

Errichtung und Nutzung als Stalag

Erbaut wurde das Lager ab 1938, anfangs noch mithilfe ortsansässiger Hoyerswerdaer Firmen. Später wurden tschechische Soldaten, die im Herbst 1938, im Zuge der Besetzung des Sudetengebietes, interniert worden waren, und ab 1939 auch polnische Kriegsgefangene zur Errichtung der Barracken herangezogen. Maßgeblich bestand das Lager aus drei getrennten Bereichen: dem Lazarett, der Kommandantur mit den Mannschaftsunterkünften des 2. Landwehr-Schützenbataillons und dem Kriegsgefangenenlager Stalag IV A und Oflag IV D. Zusätzlich diente das Lazarett ab 1942 als ein Reserve-Lazarett für Tuberkuloseerkrankte. Im Lager gab es neben den Wirtschafts- und Verwaltungsbaracken 40 Wohnbaracken, die mit zwei- bis dreistöckigen Betten ausgestattet waren und anfangs je bis zu 800 bis 1000 Mann aufnehmen sollten. In Trupps von etwa 50 Mann wurden die Gefangenen von hier aus in die umliegenden Dörfer gebracht, um beim Einbringen der Ernte, in Handwerksbetrieben, Steinbrüchen oder Braunkohlegruben zu arbeiten. Hierfür wurde ihnen bis zu 60 % des üblichen Lohnes gezahlt, den sie jedoch fast vollständig für ihre Unterbringung und Verpflegung im Lager abzugeben hatten.

Annemarie Reck

Bildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2020.

Das Oflag

Das Stalag IV A wurde im Februar 1941 nach Hohnstein verlegt. Stattdessen wurde bereits seit Juni 1940 das Oflag IV D eingerichtet, eines der größten Lager für kriegsgefangene französische Soldaten in Deutschland, in dem zwischen 1940 und 1945 etwa 5000 bis 6000 Offiziere und weitere 1500 Ordonanzen untergebracht waren. Die meisten waren Franzosen, jedoch gab es unter ihnen auch einige Belgier, Briten, Kanadier und Jugoslawen. Zeitweise waren zudem auch russische Gefangene im Lager untergebracht. Der vielleicht größte Unterschied zum Stalag bestand darin, dass die Offiziere nicht zur Zwangsarbeit verpflichtet werden konnten und darum permanent im Lager bleiben mussten. Die ersten Franzosen trafen bereits Ende Mai 1940 in Elsterhorst ein. Bevor die ersten Sendungen von Paketen des Roten Kreuzes oder aus der besetzten Zone Frankreichs eintrafen, litten die Gefangenen aufgrund der unzureichenden Verpflegung vor allem an Hunger. Hinzukamen infolge der baldigen Niederlage Frankreichs Depressionen. Ab September 1940 durfte jeder Gefangene zwei Pakte erhalten, wodurch sich die prekäre Lage der französischen Offiziere ein wenig entspannte.

Annemarie Reck

Bildquelle Titz, Foto polnischer Gefangener im September 1939 ©Schloss Museum Hoyerswerda 2024.

Lageralltag im Oflag

Viele der französischen Gefangenen suchten Halt im Glauben und gründeten Kirchengemeinschaften. Andere unternahmen Fluchtversuche, die aufgrund mangelnder Sprach- und Ortskenntnis jedoch nur selten erfolgreich waren. Meist wurden die Geflüchteten noch in der näheren Umgebung aufgegriffen. Im März und September 1941 kam es mithilfe von Fluchttunneln zu zwei Massenausbrüchen, bei denen erst 27 und dann 30 französische Offiziere entkamen. Die Chance erfolgreich ins unbesetzte Frankreich oder in die Schweiz zu gelangen, blieb jedoch gering, weshalb die Fluchtversuche ab 1942 stark abnahmen. Stattdessen beschäftigten sich die Lagerinsassen nun anderweitig, um die Eintönigkeit des Lagerlebens zu vertreiben. So wurde im Lagerbereich etwa ein Fußballplatz angelegt. Der Löschteich wurde im Sommer zum Schwimmen und im Winter zum Eislaufen genutzt. Andere wandten sich musischen Aktivitäten zu, wie der Malerei. Was sie dazu benötigten, ließen sie sich nach und nach mit den Paketsendungen aus Frankreich schicken. Die Lagerleitung ermöglichte zudem die Ausleihe von Instrumenten. Mit ihrer Hilfe wurden Partituren geschrieben und sogar Konzerte veranstaltet. Außerdem gründeten die Lagerinsassen mehrere Theatergruppen, deren Aufführungen den Mitgefangenen eine beliebte Zerstreuung boten.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Bois, Foto Theaterinszenierung französischer Gefangener ©Schloss Museum Hoyerswerda 2024.

Die Universität Hoyerswerda

Mit den ins Lager geschickten Büchern wurde eine stattliche Bibliothek eingerichtet, wo viele der jungen Soldaten mit Eifer studierten. Bald gründete sich im Lager unter der Leitung von Professor Manzet die „Universität Hoyerswerda“, die aus zwei Fakultäten bestand, einer Rechtswissenschaftlichen und einer Geisteswissenschaftlichen. Unterstützt wurde Manzet dabei von 150 ausgebildeten Lehrern und Hochschullehrern, Diplomierten und gebildeten Autodidakten, die das Kursangebot erweiterten. 3000 der gefangenen Offiziere nahmen dieses Angebot wahr und schrieben sich ein. Eine Gruppe französischer Archäologen führte im Lager sogar Ausgrabungen durch und publizierte ihre Funde in französischen Fachzeitschriften.

Annemarie Reck

Bildquelle Ortsakte 51610, 49 ©LfA 1943.

Kriegsende im Lager

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 setzten die Paketsendungen an die Gefangenen aus. Trotz angelegter Notreserven machte sich langsam wieder der Hunger breit. Studien waren durch die zunehmenden Appelle kaum noch möglich. Ab August kamen vermehrt auch russische Gefangene ins Lager, denen es deutlich schlechter ging. Im Zuge des Vorstoßes der Roten Armee im Januar 1945 wurde die Evakuierung des Lagers vorbereitet. Ab dem 17. Februar 1945 wurden die Offiziere in die Lager in Königsstein und Großenhain verlegt. Stattdessen kamen Belgier und Franzosen aus weiter östlich gelegenen Gefangenenlagern nach Elsterhorst.

Annemarie Reck

Bildquelle Alliiertes Luftbild ©LfA 1945.

Das russische Kriegsgefangenenlager

Hoyerswerda wurde am 20. April 1945 besetzt. Zu dem Zeitpunkt waren im Kriegsgefangenenlager noch 2886 Russen und 534 Franzosen verblieben. Über ihre einzelnen Schicksale ist nichts bekannt. Das Lager wurde zügig geräumt und auf dem Gebiet des Lagers Elsterhorst wurden zwei russische Kriegsgefangenenlager eingerichtet, das SPW Nr. 3 und das FPPL Nr. 30. Wehrmachtssoldaten, die bei der Schlacht um Berlin, Dresden und Nordböhmen gefangen genommen worden waren kamen in Kolonnen in die Lager bei Elsterhorst. Das Lager war mit 60000 gefangenen Soldaten, 2000 Offizieren und 28 Generälen bald überfüllt. Die Barracken reichten nicht aus; die Kriegsgefangenen mussten in Notzelten oder unter freiem Himmel schlafen. Dadurch breiteten sich Krankheiten schnell aus. Wegen der Zerstörungen im Umland gab es zudem nicht genügend Nahrungsmittel, um die Gefangenen ausreichend versorgen zu können. Von hier aus musste ein Teil der deutschen Soldaten den Weg in die russische Kriegsgefangenschaft antreten. Ein Teil aber hatte Glück und kam mit Entlassungsschein frei. Die Abtransporte in die UdSSR begannen Mitte Juli 1945. Das Lager SPW Nr. 3 wurde am 8. September 1945 aufgelöst und das Lager FPPL Nr. 30 am 20. Oktober 1945.

Annemarie Reck

Bildquelle M. Strobel, Foto ehemaliges Lagergelände ©LfA 2020.

Das Quarantänelager

Es folgte eine Nutzung als Quarantänelager für aus sowjetischer Gefangenschaft heimkehrende deutsche Soldaten, Zivilinternierte und Kriegsgefangene aus anderen Besatzungszonen, die in ihre Heimat in der russischen Zone zurückkehren wollten. Der Aufenthalt der Heimkehrer sollte hier vierzehn Tage dauern, in einigen Fällen konnte es sich jedoch fast ein halbes Jahr hinstrecken, was zu mehrfachen Beschwerden und sogar Fluchtversuchen führte. Das Quarantänelager stand unter der deutschen Verwaltung der Stadt Hoyerswerda mit einem russischen Kommandanten. Dieser ordnete an, dass die Heimkehrer und Zivilinternierten an der Instandsetzung der Barracken arbeiten sollten, kulturelle und politische Arbeit im Sinne der neugegründeten SED waren auf den Abend zu verschieben. Die Veranstaltungen stießen bei den Heimkehrenden durchaus auf großes Interesse und bot ihnen zum ersten Mal die Gelegenheit über den Krieg nachzudenken. Bei den ankommenden Heimkehrern waren Krankheiten wie Tuberkulose oder Typhus keine Seltenheit.

Annemarie Reck

Bildquelle Foto Lagerstraße 1946 ©Schloss Museum Hoyerswerda 2024.

Das Umsiedlerlager

Die Funktion des Lagers änderte sich im August 1946 ein weiteres Mal mit der Ankunft der ersten Vertriebenen aus Polen. Das Quarantänelager wurde offiziell in Umsiedlerlager umbenannt und war für 15000 bis 20000 Menschen ausgelegt. Zusätzlich sollte das Lager Neuwiese, die ehemalige Kommandantur, weitere Personen aufnehmen. Bereits unter den Zivilinternierten hatten sich erstmals auch Frauen befunden. Unter den Umsiedlern befanden sich nun ganze Familien mit Kindern und Alten, was die Lagerleitung vor neue Aufgaben stellte. Es fehlte an Strohsäcken, Küchenutensilien, Öfen und vor allem die hygienischen Zustände im Lager waren noch immer ungenügend. Da der Aufenthalt der Vertriebenen im Schnitt jedoch nur vierzehn Tage betragen sollte, wurden die Umstände als zumutbar eingestuft. Mitte November 1947 setzten die Transporte aus Polen aus. Anfang des Jahres 1948 wurde das Lager aufgelöst.

Annemarie Reck

Bildquelle Foto Umsiedlerlager 1946 ©Schloss Museum Hoyerswerda 2024.

Kriegsgräberstätte

In den Jahren 1992 und 1993 entstand die Kriegsgräberstätte Nardt. Sie umfasst die Grabanlagen der 621 in Lagerhaft gestorbenen deutschen Soldaten und der 606 Vertriebenen, die im Lager verstarben. Die zwischen 1940 und 1945 im Kriegsgefangenenlager gestorbenen Offiziere französischer, belgischer, britischer und kanadischer Herkunft wurden mit militärischen Ehren neben dem Friedhof in Nardt beigesetzt. Ab 1952 wurden die Toten exhumiert und in ihre Heimat überführt. Die verstorbenen russischen Kriegsgefangenen wurden im hinteren Bereich des Friedhofs von Nardt beigesetzt. Sie wurden ab 1974 exhumiert und in die Gedenkstätte „Am Ehrenhain“ in Hoyerswerda umgebettet.

Annemarie Reck

Bildquelle M. Strobel, Foto ©LfA 2020.

Literatur

Karl-Heinz Hempel, Das Lager Elsterhort. Erinnern – Gedenken – Mahnen. In: Neue Hoyerswerdaer Geschichtshefte Nr. 10 (2007).

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags / Citation

Annemarie Reck, Elsterhorst (Stalag IV A/Oflag IV D). In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (08.02.2024). https://archaeo-sn.de/ort/elsterhorst-stalag-iv-a-oflag-iv-d/ (Stand: 24.05.2024)

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