






Frühmittelalterliche Burganlage Hof-Stauchitz
| Ort: | Hof (Naundorf, Nordsachsen) |
|---|---|
| Typ: | Befestigte Anlage |
| Datierung: | Frühmittelalter | 800 -1000 n. Chr. |
Beschreibung
Auf einen in die ehemalige Jahnaaue hinausragenden Kiesrücken bei Hof-Stauchitz finden sich die Überreste eines tief gestaffelten, frühmittelalterlichen Befestigungswerkes aus bis zu drei Gräben und einem Ringwall. Mehrere Ausbau- und Erneuerungsphasen sprechen für eine herausgestellte Bedeutung der Burganlage in ihrer Zeit. Ob es sich bei dem Denkmal jedoch, wie von einigen Fachleuten angenommen, um die bei Widukind von Corvey genannte „urbs quae dicitur Gana“ handelt, konnte bislang nicht gesichert nachgewiesen werden. Gana soll der historischen Überlieferung zufolge die Hauptburg der Daleminzier gewesen sein, die im Winter 928/929 n. Chr. durch König Heinrich I. zerstört worden ist. Eine Sondagegrabung aus dem Jahr 2003 brachte auch Befunde und Gruben verschiedener vorgeschichtlicher Zeitstufen zutage. Heute ist das Bodendenkmal durch die andauernde ackerbauliche Nutzung des Geländes akut von der Zerstörung bedroht.
Annemarie ReckForschungschronik
Bildquelle Foto ©LfA 2024.
Entdeckung des Fundplatzes
Die Suche nach dem genauen Standort des landesgeschichtlich bedeutsamen „Gana“ beschäftigt Fachleute und Geschichtsinteressierte seit fast 250 Jahren. Viele richteten ihren Blick dabei vor allem auf das etymologisch nahverwandte Jahna. Der Riesaer Lehrer und bekannte Heimatforscher Alfred Mirtschin hingegen wurde während seiner Nachforschungen in den 1920er- und 1930er-Jahren auf einen Bereich an der Gemarkungsgrenze zwischen den Dörfern Hof und Stauchitz aufmerksam, wo sich zu dieser Zeit eine Papiermühle befand. Auf dem sächsischen Meilenblatt war auf einem Kartenausschnitt die Bezeichnung „der Burgberg“ für dieses Gelände notiert worden. Bei Prospektionen auf den umliegenden Feldern war er bereits auf vielversprechende Lesefunde slawischer Machart gestoßen. Weitere Funde traten an zwei Stellen zutage, die als Kiesgruben genutzt wurden. Am Südrand des Burgberges stieß er etwa 1 m unter der Oberfläche auf eine Holzkohleschicht und weitere slawische Keramik, sowie reichlich Tierknochen von Schwein und Pferd.
Annemarie ReckBildquelle OA 66290, 55, Auszug Tagebuch A. Mirtschin ©LfA 1966.
Erste wissenschaftliche Begehungen
In den Jahrzehnten der Nachkriegszeit erhielt die Forschung neuen Auftrieb durch die Bemühungen von Werner Coblenz, der ab 1949 Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Dresden war. Obgleich auch er die These unterstützte, dass Gana wahrscheinlich bei Hof-Stauchitz zu finden sei, gab es nach wie vor keinen stichhaltigen Beweis. In den Jahren 1966/1967 wurde vonseiten des Landesmuseums für Vorgeschichte Dresden erstmals eine eingehende Begehung des Geländes vorgenommen und ein Höhenschichtplan erstellt. 1970/1971 folgte eine genaue topographische Vermessung des Bodendenkmals.
Annemarie ReckBildquelle H. Quietzsch, Foto ©LfA 1971.
Erforschung der Burganlage
Bereits das erste Luftbild des Fundplatzes, das 1992 von Otto Braasch aufgenommen wurde, verblüffte mit seinem Detailreichtum. Wegen des kiesigen Untergrunds und einer Bedeckung mit Böden minderer Güte zeichnen sich bereits kleinräumige Bodenunterschiede im Pflanzenwachstum ab. Gleich welche Fruchtart auf dem Acker wächst, lassen sich darum Befunde und sogar einzelne Konstruktionsdetails der Wehrmauer als Bewuchsmerkmal ablesen. Geophysikalische Messungen aus dem Jahr 2003 durch Krzysztof Misiewicz von der Katholischen Universität Warschau und eine erste Sondagegrabung 2003 durch den Wall sowie eine zweite Kontrollgrabung 2013 bestätigen den Aufbau der Burganlage.
Annemarie ReckBildquelle M. Rummer, Foto ©LfA 2003.
Geophsikalische Prospektion
Die geophysikalische Messung im März 2003 sollte Aufschluss über die zu erwartenden Strukturen geben und bei der Anlage des geplanten Grabungsschnittes helfen. Die durch die Katholische Universität Warschau ausgeführten Untersuchungen offenbarten ein tief gestaffeltes Verteidigungssystem, das sich bereits im Luftbildbefund angedeutet hatte. Hinter einem vorgelagerten schmaleren Graben, befand sich ein tieferer Graben, der ursprünglich wohl mit Wasser gefüllt war. Dahinter folgte sich ein massiver Wall mit aufsitzender Palisade. In dem Wall war zur Stabilisation ein Kastenwerk verbaut, das ebenfalls im Magnetogramm sichtbar wird. Ein weiterer rundlicher Graben umgibt im Inneren einen schmaleren, ovalen Graben und eine annähernd quadratischen. Letztere könnten möglicherweise von Palisaden stammen. Die innere Einfriedung umschließt eine Fläche von 75 x75 m. Zahlreiche Gruben, besonders innerhalb des Walls, lassen auf eine rege Siedlungstätigkeit schließen. Insgesamt wurde eine Fläche von 5,5 ha vermessen.
Annemarie ReckBildquelle K. Misiewicz, Magnetogramm ©LfA/Katholische Universität Warschau.
Die Bauphasen
Die Grabungen 2003 und 2013 offenbarten außerdem mehrere Ausbauphasen der Burganlage. Ihr Befestigungswerk bestand aus mindestens drei Gräben im Innern und einen Ringwall, der sich heute noch als flache Bodenwelle im Gelände abzeichnet. In seiner Erhebung verbirgt sich ein mit Erdmaterial gefülltes Kastenwerk. Im Profil der Grabungsschnitte waren noch zahlreiche verkohlte Holzbalken erkennbar. Sie ließen darauf schließen, dass die Wehrmauer durch ein Feuer zerstört wurde und gemeinsam mit dem vorgelagerten Graben mindestens einmal erneuert worden war. In einer weiteren Bauphase wurde der Wall durch Sand und Kiesschüttungen verstärkt. Das Material hierfür stammte aus einem 5 m tiefen und bis zu 12 m breiten Graben, der wahrscheinlich mit Wasser aus der sumpfigen Niederung in der Jahnaaue gespeist wurde. In einer früheren Ausbauphase erreichte der Graben gerade einmal die Hälfte dieser Ausmaße.
Annemarie ReckBildquelle M. Rummer u.a. 2014, S. 26., Abb. 5.
Befunde anderer Zeitstellungen
Das Innere der Anlage auf der zentralen Kieskuppe besitzt eine Fläche von ca. 2,6 ha und ist von Gebäudestrukturen übersät. Schon die punktuellen Nachgrabungen von A. Mirtschin sowie die Grabungen im Jahr 2003 zeigten allerdings, dass das hochwasserfrei Gelände bereits seit der Jungsteinzeit immer wieder aufgesucht worden war. In dem Sondageschnitt kam u.a. eine spätneolithische Hockerbestattung (um 2800 v. Chr.) zutage. Weitere Funde deuten auf eine Besiedlung während der jüngeren Bronze- und Eisenzeit (1000–600 v. Chr.) sowie der Völkerwanderungszeit (400–600 n. Chr.) hin. Daher ist nicht auszuschließen, dass ein Großteil der Befunde aus anderen Epochen der Vor- und Frühgeschichte stammt.
Annemarie ReckBildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2014.
Gefährdetes Bodendenkmal
Die ackerbauliche Nutzung der Fundstelle seit dem 19. Jahrhundert bedroht akut die Erhaltung des Bodendenkmals. Noch um 1900 muss der Wall sich 1 m höher im Gelände gezeigt haben. Ein Vergleich zwischen verschiedenen digitalen Geländemodellen (DGMs) aus den Jahren 2008 und 2020 zeigte, dass in der Zwischenzeit Material von bis zu 10 cm Höhe abgetragen und in die Senken verlagert worden war. Ein Fortschreiten der Bodenbearbeitung mit schwerem landwirtschaftlichen Gerät könnte in den kommenden Jahrzehnten zur völligen Einebnung des Walls und zu einem Totalverlust des mutmaßlich landesgeschichtlich bedeutsamen Denkmals führen.
Annemarie ReckBildquelle O. Braasch, Foto ©LfA 1993.
Literatur
Burkart Dähne/Falk Hieke/Franziska Kunth/Christof Schubert/Ralf Sinapius/Michael Strobel/Thomas Westphalen, Langzeitmonitoring archäologischer Denkmale. Zwischenergebnisse einer Machbarkeitsstudie. In: Regina Smolnik (Hrsg.), Ausgrabungen in Sachsen 8. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege Beiheft 36 (Dresden 2022) 298–313.
Matthias Rummer/Christof Schubert/Michael Strobel/Thomas Westphalen, Ist „Gana“ noch zu retten? Neue Untersuchungen zum Zustand der frühmittelalterlichen Burganlage von Hof/Stauchitz (Kreis Nordsachsen/Meißen). Mitteilungen des Landesvereins sächsischer Heimatschutz e.V. 2014,3, 23–28.
Reinhard Spehr, Gana – Paltzschen – Zehren. Eine archäologisch-historische Wanderung durch das Lommatzscher Land (Dresden 2011) 9–24.
Michael Strobel, Eine stark gefährdete frühmittelalterliche Befestigung. In: Regina Smolnik/Ronny Zienert (Hrsg.), Höhenflüge. Luftbilder und Archäologie in Sachsen (Dresden 2024) 140–141.
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
https://archaeo-sn.de/ort/fruehmittelalterliche-burganlage-hof-stauchitz/
Zitat des Beitrags
Annemarie Reck, Frühmittelalterliche Burganlage Hof-Stauchitz. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (28.08.2024). https://archaeo-sn.de/ort/fruehmittelalterliche-burganlage-hof-stauchitz/ (Stand: 17.08.2026)