





Kaiserzeitliches Dorf bei Leisnig
| Ort: | Leisnig (Leisnig, Mittelsachsen) |
|---|---|
| Typ: | Siedlung |
| Datierung: | Römische Kaiserzeit | 200 - 375 n. Chr. |
Beschreibung
Aufgrund des geplanten Baus eines Einkaufszentrums an der Ortsumgehungsstraße im Gewerbegebiet westlich von Leisnig musste ab Ende Mai 2015 eine Fläche von 8000 qm archäologisch untersucht werden. Schon bei einer ersten Sondage der Fläche stieß das Team des Landesamtes für Archäologie (LfA) Sachsen auf ein Grubenhaus. Nach dem Oberbodenabtrag zeichneten sich im ockerfarbenen Lösslehm zahlreiche weitere Befunde, wie etwa Siedlungsgruben, Pfostenstellungen und Feuerstellen, ab. Steinzeitliche Schlitzgruben und vereinzelte eisenzeitliche Befunde belegen, dass die Fundstelle bereits in der Vorgeschichte zu mehreren Zeitpunkten aufgesucht worden ist. Außerdem verweisen Lesefunde von der Ackeroberfläche sowie Streufunde aus älteren Befunden auf eine vorwiegend landwirtschaftliche Nutzung der Geländekuppe vom 13. bis ins 20. Jahrhundert. Der Großteil der Befunde ließ sich anhand des Fundmaterials der jüngeren bis späten römischen Kaiserzeit (200–375 n. Chr.) zuordnen. Da zuvor im Stadtgebiet Leisnig keine Besiedlung dieser Zeitstufe bekannt war, schloss sich mit dieser Grabung eine Forschungslücke.
Susanne Schöne/Gunar Seifert/Michael Strobel/Annemarie ReckTopografische und kulturelle Einordnung
Das mittelsächsische Lösshügelland nördlich der Freiberger Mulde gehört innerhalb des Freistaates Sachsen zu den Siedlungsgunsträumen, die bereits seit der frühen Jungsteinzeit vor ca. 5500 Jahren regelmäßig von bäuerlichen Gruppen aufgesucht wurden. Nur wenige Kilometer weiter südlich des tief eingeschnittenen Flusstales, wo das flachwellige Gelände allmählich dem Erzgebirgsvorland weicht, bricht die Altsiedellandschaft ab und die Zahl archäologischer Fundstellen geht stark zurück. Siedlungsgruppen der Römischen Kaiserzeit wählten bevorzugt sanfte Geländeerhebungen mit schluffigen Böden aus. Ihre Wohnplätze lagen dabei in der Regel nur selten weiter als 1000 m von einem Gewässer entfernt. Die Freiberger Mulde und der Schanzenbach liegen von der Fundstelle im Norden und Süden je 1800 m und 1400 m entfernt, jedoch wurde die Hochfläche zusätzlich von kleinen Bachläufen entwässert. Die Stadtgründung Leisnigs erfolgte im Schutze des ehemaligen Burgwards Lisnich (später Burg Mildenstein) erst im Zuge der hochmittelalterlichen Landnahme. Aus historischen Karten geht hervor, dass die Hochfläche im Bereich der Fundstelle mindestens seit dem 16. Jahrhundert landwirtschaftlich genutzt wurde und bis ins frühe 20. Jahrhundert unbewaldet und auch unbebaut blieb.
Susanne Schöne/Gunar Seifert/Michael Strobel/Annemarie ReckBildquelle K. Schneider, Foto ©LfA 2015.
Die Häuser
Obgleich die Befundverteilung auf dem Grabungsareal auf dem ersten Blick hin ungeordnet erschien, wurden bei genauerem Hinsehen rasch sehr regelmäßige, größtenteils ost-west-orientierte Hausgrundrisse erkennbar. Dabei handelte es sich um zweischiffige Pfostenbauten von durchschnittlich 3,5 x 10,5 m Größe. Im Vergleich zu anderen bekannten kaiserzeitlichen Siedlungen im „freien Germanien“ fallen sie daher recht klein aus. Zudem fehlen Feuerstellen und eine erkennbare Raumaufteilung im Innern was gegen die zu dieser Zeit eher üblichen Wohnstallhäuser bzw. -gehöfte aus einem Haupt- und Nebengebäude mit Grubenhaus spricht. Die Hauptgebäude zeigten dabei oft eine Mehrschiffigkeit, da zu dieser Zeit oftmals das Vieh in einem Teil des mit Hauses mit untergebracht wurde. Kreisrunde und längsovale Gruben im direkten Umfeld des Gebäudes dienten vermutlich der Vorratshaltung. Weitere unspezifische Postenstellungen deuten das Bestehen anderer Bauten an, deren Ausmaße und Konstruktion jedoch nicht mehr nachvollziehbar sind.
Susanne Schöne/Gunar Seifert/Michael Strobel/Annemarie ReckBildquelle Grabungsplan, Archæo 12/2015, 27, Abb. 2.
Grubenhäuser
Ein Stück hangabwärts wurden mindestens vier Grubenhäuser erfasst. Sie besitzen einen typischen, kurzrechteckigen Grundriss von etwa 2,5 x 3 m und weisen ebenfalls eine Ost-West-Orientierung auf. Mit einer durchschnittlichen Grundfläche von 9 qm zählen die Leisniger Grubenhäuser eher zu den kleineren Vertretern dieses Gebäudetyps. Die mehrere Dezimeter in den Boden eingetieften Bauten besaßen an den Schmalseiten je drei Postenstellungen. Ähnliche Postenstellungen könnten auf weitere Standorte von Grubenhäusern hindeuten, die möglicherweise aufgrund der Hangsituation nicht mehr als solche zu erkennen waren.
Susanne Schöne/Gunar Seifert/Michael Strobel/Annemarie ReckBildquelle Rekonstruktion eines Grubenhauses, Archæo 12/2015, 28, Abb. 5.
Textilhandwerk?
In zwei Fällen ließen sich die Gebäude nur noch anhand der bis zu 70 cm eingetieften sechs Pfostenstellungen ansprechen, in zwei anderen Fällen waren die noch bis zu 20 cm tief erhaltenen Innenraum-Negative erhalten und konnten entsprechend freigelegt werden. Dabei fiel in einem der Gebäude ein langovales Gräbchen ins Auge, das wahrscheinlich für Webgewichte ausgehoben worden war, die an Kettfäden hingen. An dieser Stelle befand sich wohl ein Webstuhl. Leider fand sich, abgesehen von zwei Spinnwirteln in der Grubenhausfüllung, kein eindeutiger Hinweis, wie etwa die Abdrücke eines Webrahmens. Dennoch scheint der Befund die These, dass Grubenhäuser häufig für das Textilhandwerk genutzt wurden, zu stützen. Über die Grabungsfläche verteilt finden sich zudem mehrere Siedlungsgruben und Feuerstellen.
Susanne Schöne/Gunar Seifert/Michael Strobel/Annemarie ReckBildquelle S. Schöne, Befundfoto ©LfA 2015.
Metallverarbeitung
In der Leisniger Siedlung finden sich auch Hinweise auf eine Metallverarbeitung vor Ort. So wurden im Umfeld der Grubenhäuser mehrfach Schlacken gefunden, wie auch mutmaßliche, annähernd rechteckige „Röstgruben“ von 0,8 x 1 m Größe. Diese mit Steinen gefüllte Strukturen zeigen Spuren großer Hitzeeinwirkung und sind von Holzkohleresten und Rotlehmbrocken durchsetzt. Sie könnten der thermischen Vorbehandlung des Raseneisenerzes gedient haben, das anschließend in Rennöfen verhüttet wurde. Vergleichbare Befunde sind von anderen kaiserzeitlichen Hof- und Werkstätten, wie Leuben (Lkr. Nordsachsen), Niegeroda und Ebersbach (beide Lkr. Meißen) bekannt. In Leisnig scheint jedoch lediglich die Vorstufe der Eisengewinnung in der Grabungsfläche erfasst worden zu sein. Die Rennöfen könnten sich in einem anderen Teil der Siedlung befunden haben, der nicht von dem geplanten Bau betroffen war. Denn während die Befunde nach Norden, Osten und Südosten zunehmen ausdünnen, scheint sich die Siedlung nach Südwesten hin weiter fortzusetzen. Die Raseneisenerzvorkommen, die von den Bewohnern als Rohstoff verwendet worden waren, lagen vermutlich in den feuchten Auen nahe der Wasserläufe.
Susanne Schöne/Gunar Seifert/Michael Strobel/Annemarie ReckBildquelle S. Schöne, Foto Befund „Röstgrube“ ©LfA 2015.
Keramik und Datierung
Bei den Keramikfunden handelt es sich um handaufgebaute, grob gemagerte und zumeist unverzierte Fragmente von ungegliederten Töpfen und Kümpfen. Nur vereinzelt besitzt die Ware Verzierungen, wie Kammstriche, Schrägriefen, Horizontalrillen und unterständige umlaufende Fingertupfenreihen oder Knubben. Weiterhin wurden graue bis grauschwarze, auf der Drehscheibe gefertigte Keramikfragmente von Schalen gefunden, die im elbgermanischen Raum der Stufen C2 bzw. C3 der Römischen Kaiserzeit zugeordnet werden können. Außerdem zählen insgesamt drei Spinnwirtel, Glätt- und Schleifsteine zu den Grabungsfunden. Auffällig war hingegen das völlige Fehlen von Metall- und Glasobjekten, was die Fundstelle in Leisnig von anderen zeitgleichen Siedlungen unterscheidet. Offenbar wurde alles, das einen Material- oder Gebrauchswert besaß, bei der Aufgabe der Siedlung mitgenommen Mehrere Indizien deuten darauf hin, dass das Dorf auf der Hochfläche der heutigen Stadt Leisnig nur wenige Jahrzehnte bewohnt worden ist, bevor es schließlich beräumt und aufgelassen wurde.
Susanne Schöne/Gunar Seifert/Michael Strobel/Annemarie ReckBildquelle Topf (Höhe ca. 19 cm), Archæo 12/2015, 29, Abb. 7.
Literatur
Susanne Schöne/Gunar Seifert/Michael Strobel, Eine bislang unbekannte Siedlung der jüngeren bis spätrömischen Kaiserzeit bei Leisnig. Archaeo 12, 2015, 26–29.
Susanne Schöne/Gunar Seifert/Michael Strobel, Eine bislang unbekannte Siedlung der jüngeren bis spätrömischen Kaiserzeit (200–375 n. Chr.) bei Leisnig (Lkr. Mittelsachsen). Neuer Mildensteiner Erzähler 4, 2015, 2–3.
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
https://archaeo-sn.de/ort/kaiserzeitliches-dorf-bei-leisnig/
Zitat des Beitrags
Susanne Schöne/Gunar Seifert/Michael Strobel/Annemarie Reck, Kaiserzeitliches Dorf bei Leisnig. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (03.12.2024). https://archaeo-sn.de/ort/kaiserzeitliches-dorf-bei-leisnig/ (Stand: 19.08.2026)