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Beginn der Ausgrabung
Die Grabkammer
Weitere Grabbeigaben
Keramik der Latènekultur
Waffen als Beigabe
Krieger ohne Kleider?
Ein mögliches Fürstengrab
Gründe der Besiedlung

Keltenkrieger von Liebau

Ort: Liebau (Pöhl, Vogtlandkreis)
Typ: Hügelgrab/Hügelgräberfeld
Datierung: mittlere Vorrömische Eisenzeit | Frühlatènezeit | 500 - 400 v. Chr.

Beschreibung

Nördlich des Ortes Liebau bei Plauen befindet sich ein Grabhügel der mittleren Vorrömischen Eisenzeit. Der heute von dichtem Buschwerk überwucherte Hügel, hat eine ovale Form und misst 20 x 30 m, bei einer Höhe von heute noch bis zu 2,50 m. Im Jahr 1943 wurden infolge einer festgestellten Störung des Grabes durch den örtlichen Vertrauensmann der Bodendenkmalpflege im Vogtland, Amandus Haase, Ausgrabungen vorgenommen. Dabei kam ein erstaunlich reiches Fundinventar zutage, das in Sachsen für die mittlere Vorrömische Eisenzeit bislang einzigartig ist. 1953 fanden nochmals Nachgrabungen statt.

Annemarie Reck

Beginn der Ausgrabung

Der Grabhügel liegt etwa 200 m nordöstlich der Ortsmitte von Liebau auf einer steinigen Geländekuppe namens Knorrs Pöhl (auch Knorrs Hübel) im Bereich einer nach Südwesten ausgreifenden Geländezunge. Bei einer Ortsbegehung 1943 fielen den Denkmalpflegern zwei größere Störungen auf, eine davon mittig in Form eines Trichters. Daher wurde es notwendig, Grabungen vorzunehmen und die Art des Befundes zu klären. Haase hielt den Hügel, der aus einer großen Ansammlung von Diabas Bruchsteinen besteht, für die Reste eines Turmes. Sein Mitarbeiter Hellmut Lehninger, der die Arbeiten ausführte, gibt an, bereits zu Beginn ein Grab vermutet zu haben. Nur 0,3 m unter der Trichtersohle stieß er auf den ersten Bronzering und grünlich verfärbte Erde kündigte bereits das Schwert an.

Annemarie Reck

Bildquelle A. Haase, Foto ©LfA 1943.

Die Grabkammer

Lehninger war direkt auf die ursprünglich 1 m tief gelegene Grabkammer gestoßen. Ihre Ausmaße betrugen etwa 3,5 x 2,5 m. Wahrscheinlich war sie einst mit Holz verkleidet. In der Kammer fanden sich noch Reste eines fast vergangenen menschlichen Skelettes. An seiner Seite lag ein eisernes Langschwert, dessen noch stellenweise erhaltener Holzgriff mit Bronzenieten geziert war. Die Form des Griffes erinnert an anthropomorphe Eisengriffe. Das Schwert steckte noch in einer Holzscheide, die mit graviertem Bronze- und Eisenblech verziert war. Unmittelbar daneben kamen Teile des Schwertgehänges, zwei Ringe und ein Gürtelhaken aus Bronze, zutage. Schwert und Gürtel verweisen stilistisch in die frühe Latènezeit.

Annemarie Reck

Bildquelle A. Haase, Umzeichnung ©LfA 1943.

Weitere Grabbeigaben

Weiterhin war der verstorbenen Person eine Lanze beigegeben worden. Anhand der Lage von Lanzenspitze und -schuh lässt sich eine Länge von 1,30 m rekonstruieren, weshalb man von einem eher kurzen Wurfspeer ausgehen muss. Ein eisernes Hiebmesser lag neben dem Kopf. Sein Griff bestand aus einem organischen Material, vielleicht Holz oder Bein, und war in Bronze eingefasst und vernietet worden. Zur Grabausstattung gehörte zudem Toilettenbesteck: eine Pinzette, ein Nagelschneider und ein Ohrlöffelchen. Es wurden im Bereich des Gürtels gefunden. Ein beigegebener Wetzstein sollte wohl dafür sorgen, dass Schwert und Messer scharf blieben.

Annemarie Reck

Bildquelle A. Haase, Fotos ©LfA 1943.

Keramik der Latènekultur

Im Fußbereich der Bestattung wurde eine Ansammlung von Keramikscherben angetroffen, die zu vier großen Terrinen und fünf Schalen rekonstruiert werden konnten. Die Gefäße waren sehr wahrscheinlich mit Speisen und Getränken gefüllt. Sie wurden von Hand geformt, feingemagert und hart gebrannt. Die Terrinen besitzen einen kegelförmig ausgeformten Hals; die Schalen sind, bis auf eine, im oberen Bereich stark profiliert. Außerdem besitzen alle Gefäße eine leichte bis mäßige Bodendelle. Ihre Form und schwarzbraune Färbung weist sie stilistisch dem Kreis der späten Hallstattkultur zu. Im Hinblick auf die etwas jüngeren Waffentypen, kann von einer Datierung in das 5. vorchristliche Jahrhundert ausgegangen werden. Die Funde aus dem Liebauer Grabhügel weisen stilistisch deutliche Verbindungen nach Nordostbayern und Westböhmen auf. Für den Kulturkreis der frühen Latènezeit stellt der im südsächsischen Vogtland gelegene Fundplatz jedoch seinen nordöstlichsten Vorposten dar.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Lipták, Foto ©LfA 2000.

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Waffen als Beigabe

Das Hiebmesser zählt zu den typischen Geräten in frühlatènezeitlicher Männergräbern, weshalb auch in Liebau von einer männlichen Bestattung auszugehen ist. In der Literatur ist daher vom „Keltenkrieger“ oder auch vom „frühkelitischen Fürstengrab“ von Liebau die Rede. Die Sitte, Waffen oder Geräte als Beigabe mit ins Grab zu geben, ist nördlich der Mittelgebirge bis hin zur norddeutschen Tiefebene eigentlich unüblich. Durch die beigegebene Waffenausstattung mit Langschwert, Lanze und Hiebmesser hebt sich das Grab von Liebau darum deutlich von allen zeitgleichen sächsischen Gräbern, als Grab eines Kriegers, ab.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Lipták, Foto ©LfA 2000.

Krieger ohne Kleider?

Wolfgang Ender verweist zudem auf ein anderes Anzeichen darauf, dass es sich um einen keltischen Krieger handeln könnte: im Grab fand sich kein Hinweis auf Kleidung. Es wurden weder Gewandnadeln, noch Fibeln oder andere Trachtbestandteile bei dem Toten gefunden. Die Reste des Gürtelbeschlags (siehe Rekonstruktion) gehören zu einem Waffengurt, keinem Gewandgürtel. Dies könnte mit der aus antiken Quellen bekannten Sitte zusammenhängen, dass keltische Krieger nackt kämpften. In Anlehnung daran wäre es möglich, dass der Tote ohne Kleider bestattet worden war.

Annemarie Reck

Bildquelle ZAZA Uta Röttgers, Illustration ©LfA 2014.

Ein mögliches Fürstengrab

Aus der späten Hallstattzeit und frühen Latènezeit sind aus Süddeutschland, Ostfrankreich und Böhmen Hügelgräber mit ähnlichen Grabkammern bekannt. Diese werden meist als „fürstliche“ Gräber angesprochen. Typisch war hierfür eine Beisetzung des Toten auf einer Liege oder einem Holzwagen. Ein solcher könnte sich, laut Reinhard Spehr, auch in der Grabkammer des „Liebauer Fürsten“ befunden haben, die eine ausreichende Größe aufweist. Falls sich Überreste eines solchen hölzernen Wagens erhalten hätten, könnten diese bei der früheren Störung des Grabes zerstört worden sein.

Annemarie Reck

Bildquelle E. Mertens, Foto ©LfA 2014.

Gründe der Besiedlung

Doch weshalb war der keltische Mann, der offenbar aus dem Kreis der frühen Latènekultur stammte oder zumindest stark von dieser beeinflusst war, mit seinen Gefolgsleuten ins Vogtland gekommen? Hierzu wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Überlegungen angestellt. So könnte er aus ökonomischen Gründen, wegen des Erzbergbaus, gekommen sein. Im Vogtland nordöstlich von Plauen befinden sich beispielsweise ergiebige Kupferlagerstätten. Ebenso könnte das Grab in Verbindung mit einem Fernweg von Süd nach Nord, in den Mittelgebirgsraum und darüber hinaus, eine Rolle gespielt haben, welcher der Weißen Elster folgend die Salzvorkommen in Halle oder Bernstein aus dem Baltikum erschloss. Der Sitz des „Fürsten“ könnte laut Spehr auf dem Felssporn der „Alten Burg“ bei Liebau gelegen haben oder auf dem nur 2 km südlich gelegenen „Eisenberg“ bei Pöhl.

Annemarie Reck

Bildquelle O. Braasch, Foto ©LfA 1993.

Literatur

Werner Coblenz, Ein Hügelgrab der frühen Latènezeit von Liebau. Grabbergung und -inhalt. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 5, 1956, 297–342.
Wolfgang Ender, Kleider machen Leute. In: Sabine Wolfram (Hrsg.), In die Tiefe der Zeit, 300.000 Jahre Menschheitsgeschichte in Sachsen, Buch zur Dauerausstellung, 2014, 152–153.
Hans Kaufmann, Das keltische Kriegergrab von Liebau, Kr. Plauen. In: Heinz-Joachim Vogt (Hrsg.), Archäologische Feldforschungen in Sachsen. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege, Beih. 18 (Berlin 1988) 227–231.
Reinhard Spehr, Das frühkeltische Fürstengrab von Liebau im Vogtland. Sächsische Heimat 2019 (2018) 3.

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags / Citation

Annemarie Reck, Keltenkrieger von Liebau. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (01.02.2024). https://archaeo-sn.de/ort/keltenkrieger-von-liebau/ (Stand: 24.05.2024)

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