




Kreisgrabenanlagen von Dresden-Nickern
| Ort: | Nickern (Dresden, Dresden Stadt) |
|---|---|
| Typ: | Kreisgrabenanlage |
| Datierung: | Stichbandkeramische Kultur | ca. 5000 – 4500 v. Chr. |
Beschreibung
Im Zuge des geplanten Baus des Zubringers S 191 von der Dohnaer Straße zur A17 (Dresden – Prag) wurden 2002 bei Nickern und Prohlis im Süden Dresdens großflächige Ausgrabungen vorgenommen. Zu den außergewöhnlichsten Befunden, die während dieser Grabungskampagne im Bereich einer Kleingartensiedlung aufgedeckt wurden, zählt das vierfache, linienbandkeramische und stichbandkeramische Grabenwerk von Dresden-Nickern NIE-09, das sich in unmittelbarer Nähe zu drei weiteren Erdwerken befand. Die Kreisgrabenanlagen umgaben ein jungsteinzeitliches Siedlungsareal mit ca. 21 Hausgrundrissen und einem zeitgleichen Gräberfeld nördlich des Gerberbaches. Seit 2020 führt der kulturhistorische Rundwanderweg am Gerbersbach, der „Archaeo-Pfad Dresden“, mit elf Info-Stelen im heute urbanen Bereich durch die außergewöhnliche archäologische Kulturlandschaft im Süden Dresdens.
Annemarie ReckLink https://www.dresden.de/de/rathaus/stadtbezirksaemter/prohlis/geschichte/archaeo-pfad.php
Forschungsgeschichte
Bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren kamen in den dortigen Lehmgruben oftmals vorgeschichtliche Funde, wie etwa Mammutknochen, zutage. Zudem stellte die Dresdner Elbtalweitung mit ihren fruchtbaren Lössböden im warmfeuchten Klima der frühen Jungsteinzeit einen idealen Siedlungsplatz für die ersten auf Ackerbau und Viehzucht spezialisierten Kulturen dar. Lesefunde und erste systematische Ausgrabungen ab den 1950er- und 1960er-Jahren bestätigen die vermutete Befunddichte in diesen Bereichen. Erst die rege Bautätigkeit der 1990er-Jahre jedoch gab einen wirklichen Einblick in die reiche jungsteinzeitliche Siedlungslandschaft im Süden Dresdens und eine Ahnung davon, was in den vergangenen Jahrzehnten bereits verloren gegangen sein musste.
Annemarie ReckBildquelle U. Quietzsch-Lappe, Grabung an einer LBK-Siedlung in Nickern ©LfA 1961/62.
Verbreitung und Aufbau
Zwischen 4800–4500 v. Chr. war die Errichtung stichbandkeramischer Kreisgrabenwerke in Mittel- und Süddeutschland sowie in Tschechien und Niederösterreich im Umfeld von Siedlungen weit verbreitet. Sie bestehen in der Regel aus einem einfachen oder mehrfachen Graben sowie einer unterschiedlichen Anzahl von Palisadenringen. Die Innenflächen variieren dabei zwischen 50 und 150 m Durchmesser. Bei den Gräben handelt es sich zumeist um Spitzgräben. In Dresden-Nickern sind sie nur noch bis zu 2 m tief erhalten. An vergleichbaren österreichischen Fundorten reichten die Gräben noch deutlich tiefer. Der Aushub wurde mutmaßlich hinter den Gräben als eine Art Wallstruktur aufgeschüttet, die den Einblick ins Innere der Anlagen zusätzlich verringerte. Eine Bebauung innerhalb der eingehegten Flächen ließ sich in Dresden-Nickern nicht nachweisen.
Annemarie ReckBildquelle P. de Vries, Übersichtsfoto 4-fache Kreisgrabenanlage NIE-09 ©LfA 2002.
Die Kreisgrabenwerke von Nickern
Seit Beginn der 1990er-Jahre konnten bis zu vier Kreisgrabenanlagen in Dresden-Nickern untersucht werden. Zwei davon wurden zur Zeit der Stichbandkeramischen Kultur errichtet, eine Dritte mutmaßlich etwas früher zur Zeit der jüngsten Linienbandkeramik. Zum einen wäre das eine einfache, vollständig ausgegrabene Anlage (DD-02), die eine Innenfläche von bis zu 52 m Durchmesser besitzt. Die Grabenzüge dieser Anlage biegen im Bereich der Zugänge ab, sodass zangenförmige Torsituationen entstehen. Dahinter konnten die Reste von bis zu drei Palisadenreihen erfasst werden. Zum anderen konnten eine doppelte (DD-98) und eine vierfache Kreisgrabenanlage (NIE-09) zum Teil ergraben werden. Bei der vierten Anlage handelte es sich um ein zweifaches Grabenwerk mit begleitenden Palisadenzug. Da die Grabenbefunde jedoch stichbandkeramische Hausgrundrisse schnitten und das in diesem Bereich geborgene Fundgut deutlich jünger war, kann von einer Errichtung dieses vierten Grabenwerkes während der mittleren Jungsteinzeit (4500–4000 v. Chr.) ausgegangen werden.
Annemarie ReckBildquelle Plan der Befunde ©LfA 2002.
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Vierfache Grabenanlage NIE-09
Die Kreisgrabenanlage (NIE-09) sticht mit ihren vier Grabenreihen deutlich hervor (siehe auch Abb. 2). Die einzige Parallele in Sachsen findet sich in dem vierfachen Grabenwerk Kyhna 3. Das Erdwerk NIE-09 wurde nur im Bereich der für den Straßenbau benötigten Flächen untersucht. Insgesamt waren das 208 m Grabenlänge von schätzungsweise bis zu 1200 m, also gerade einmal 17 % der gesamten Anlage. Die sich abzeichnende unregelmäßig ovale Bauweise erinnert an die dreifache Kreisgrabenanlage von Zwenkau, die bei abgerundeten Grabenverläufen annähernd viereckig ist. Die Gräben sind allesamt als Spitzgräben ausgeführt, die im unteren Bereich feinschichtig, mutmaßlich natürlich verfüllt wurden, im oberen Abschnitt jedoch meist eine homogene Verfüllung besitzen. Die Durchmesser der vier Gräben betragen von außen nach innen 124 m, 105 m, 86 m und 68 m. Zum Teil konnten sogar mehrere Ausbauphasen in den Grabenprofilen nachgewiesen werden. Nur ein einziges Grabenende wurde in der Grabungsfläche erfasst, weshalb keinerlei Aussagen zu Toren bzw. Durchgängen getroffen werden können. Im Innern fanden sich die Reste von zwei Palisadenzügen, die die Freifläche im Herzen der Anlage auf ca. 1140 m² beschränkten.
Annemarie ReckBildquelle J. Jansen, Foto Dreiphasiger Kreisgraben NIE-09 ©LfA 2002.
Interpretation
Mangels archäologischer Funde oder Strukturen im Inneren der Kreisgrabenanlagen ist die Funktion dieser Bauwerke nur schwer zu deuten. In der Forschungsgeschichte wurden mitunter Nutzungen als Viehkrale, Sonnenobservatorien oder etwa als „Kathedralen“ der Steinzeit vorgeschlagen. Oftmals wird für die Kreisgrabenanlagen auch eine multifunktionale Nutzung als Zentralort postuliert. Sicher ist, dass für die Erbauung solcher Erdwerke die Arbeitskraft einer größeren Gruppe benötigt wurde, die von einer Stelle koordiniert werden musste. Der Nachbau einer solchen Kreisgrabenanlage in Niederösterreich zeigte, dass für die Errichtung eines Erdwerks von der Größe der Struktur DD-02 30 Handwerker bis zu 75 Tage lang arbeiten musste.
Annemarie ReckBildquelle H. Stäuble/T. Preuss, Rekonstruktion ©LfA 2005.
Literatur
Rainer Bartels/Wolfgang Brestrich/Patricia de Vries/Harald Stäuble, Ein neolithisches Siedlungsareal mit Kreisgrabenanlagen bei Dresden-Nickern. Eine Übersicht. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 45, 2003, 97–133.
Richard Funke/Margit Georgi/Bettina Heger/Florian Innerhofer/Anja Kaltofen/Peter Neukirch/Thomas Westphalen, Nickern und Prohlis – Archäologie und Geschichte am Gerberbach in Dresden. Archaeonaut 13 (Dresden 2020).
Harald Stäuble, Die vierfache Kreisgrabenanlage bei Dresden-Nickern. Weite Verbreitung von Kreisgrabenanlagen zur Zeit des Neolithikums. In: Andreas Müller (Hrsg.), Auf den Spuren alter Kulturen, Band 2. Nicht nur eine Chronik des Freundeskreises Alte Kulturen e.V. Freiberg (2013) 119–132.
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
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Zitat des Beitrags
Annemarie Reck, Kreisgrabenanlagen von Dresden-Nickern. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (15.10.2024). https://archaeo-sn.de/ort/kreisgrabenanlagen-von-dresden-nickern/ (Stand: 14.08.2026)