










KZ-Außenlager Penig
| Ort: | Langenleuba-Oberhain (Penig, Mittelsachsen) |
|---|---|
| Typ: | Stätten des Nationalsozialismus |
| Datierung: | Zweiter Weltkrieg | 1944 - 1945 n. Chr. |
Beschreibung
Im Sommer 1944 stieg die Rüstungsproduktion im nationalsozialistischen Deutschland auf einen absoluten Höchststand. Ohne den Einsatz von Zwangsarbeiter*innen wären diese enormen Steigerungen niemals zu erreichen gewesen. Seit Juni 1944 wurden auch in Sachsen vermehrt KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit herangezogen. Zu den Neugründungen gehört u.a. das Lager von Langenleuba-Oberhain, wo von Januar bis April 1945 etwa 700 jüdische Frauen aus Ungarn unter verheerenden Bedingungen im Peniger Max-Gehrt-Werk zur Arbeit in der Produktion von Flugzeugteilen gezwungen wurden.
Michael StrobelLink https://www.erinnerungsort-penig.de/entstehung-des-lagers/
Geschichte des Peniger Max-Gehrt-Werks
Das Peniger Max-Gehrt-Werk ist aus einer 1915 gegründeten Zweigniederlassung der Magdeburger „Gesellschaft für Papierhohlkörper und Maschinenanlagen“ hervorgegangen. Zu den wichtigsten Produkten der „Papyroplastwerke Penig“ gehörten „Papierhohlkörper“ und Spezialmaschinen. Die Firma entwickelte sich zu einem wichtigen Zulieferer der Pappen- und Papierindustrie. Das Wachstum spiegelt sich auch im Bau neuer Fertigungshallen während der 1930er Jahre. 1936 erwarb der Unternehmer Max Gehrt (1863-1941), der bis dahin in Glauchau einen „Rohproduktionshandel“ mit Lumpen und Papier, später auch Schrott, Buntmetall und Eisenträger betrieben hatte, Grundstück und Werk. Unter welchen Umständen die Peniger Betriebsstätte 1944 in einen Rüstungsbetrieb umgewandelt wurde, der für die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG Dessau Flugzeugteile herstellte, ist unklar. Als Recycling- und Entsorgungsfachbetrieb besteht das Unternehmen in Glauchau bis heute.
Michael StrobelBildquelle ©erinnerungsort-penig.de/max-gehrt-werk/Abb. 2.
Das Verhältnis von Lagerstandort (1) und Werksgelände (2)
Der Kriegsverlauf führte auch im Max-Gehrt-Werk 1944 zu einem akuten Arbeitskräftemangel, der zunächst durch ca. 450 sowjetische Zwangsarbeiter*innen kompensiert werden sollte. Zur Unterbringung projektierte die Unternehmensleitung ein Barackenlager. Warum dafür eine vom Werk (2) ca. drei Kilometer entfernte aufgelassene Kiesgrube im Norden von Penig ausgewählt wurde, dürfte am ehesten mit der leichten Verfügbarkeit des Grundstücks zusammenhängen. Der Abbau von fluviglazialen Kiesen und Sanden reichte hier bis weit ins 19. Jh. zurück. Nordöstlich der ehemaligen Reichstraße 95 waren um 1900 bereits drei Gruben in Betrieb, die tief in die Steilhänge des Erlsbaches eingriffen. In der Mittleren (1) wurde schließlich das Barackenlager errichtet.
Michael StrobelBildquelle Kartengrundlage ©GeoSN 2024.
Lagerplan
Die Planungen vom 15.8.1944 umfassten 7 Unterkunftsbaracken sowie eine Wasch- bzw. Wirtschaftsbaracke, deren Verteilung innerhalb der Kiesgrube auf Böschungen und Abraumhalden Bezug nahm und nicht über die ehemaligen Grenzen hinausging, um einen zusätzlichen Flächenerwerb zu vermeiden. Auf großzügig bemessenen Freiflächen sollten ein Löschwasserbecken und vermutlich ein Appellplatz angelegt werden. Den Unterkünften waren Latrinen für „50 Mann“, der Wirtschafts- und Waschbaracke jeweils ein Brunnen zur Wasserversorgung und dem Küchentrakt eine Klärgrube zugeordnet. Allerdings scheinen ursprünglich zwar ein Zaun, aber keine Wachtürme vorgesehen gewesen zu sein.
Michael StrobelBildquelle ©erinnerungsort-penig.de/entstehung-des-lagers/Abb. 1.
Alliiertes Luftbild vom 10. April 1945
Weil der Plan offensichtlich erst im November 1944 unter Auflagen genehmigt wurde, ist ein vorzeitiger Baubeginn eher unwahrscheinlich. Zudem sind durchaus Abweichungen zwischen Planung und Ausführung festzustellen, wie eine alliierte Luftaufnahme vom 10. April 1945 zeigt: Während der Bau des Löschwasserbeckens über den Erdaushub nicht hinausgekommen zu sein scheint, wurde von den beiden großen Unterkunftsbaracken im Westen die eine überhaupt nicht errichtet und von der anderen allenfalls das Streifenfundament verlegt. Stattdessen errichtete man im SO eine Baracke, die im Plan erst als „spätere Erweiterung“ verzeichnet ist. Deutlich zu erkennen sind außerdem die Einzäunung aus Stachel- und Elektrodraht, der Postenweg der Wachmannschaft sowie mehrere Wachtürme im Norden und Osten.
Michael StrobelBildquelle ©erinnerungsort-penig.de/entstehung-des-lagers/Abb. 2.
Aufnahme vom 11.4.1945
Nur einen Tag nach der US-amerikanischen Befliegung, am 11.4.1945, zwei Tage vor der Auflösung und vier Tage vor der Befreiung durch amerikanische Soldaten dokumentierte ein unbekannter Fotograf das Lagergelände und damit den Blick vermutlich von der damaligen Reichstraße 95 aus auf die zentralen, um die Freiflächen gruppierten Baracken im Zentrum der Kiesgrube. Die Aufnahme verrät auch, wo Wachtürme standen und der Lagerzaun verlief, und stellt damit eine wichtige Ergänzung der alliierten Luftbilder dar. Zwei weitere Wachtürme auf der Nordseite und in der NW-Ecke sind auf dem Abzug nicht sichtbar. Hinter der Baumgruppe rechts im Bild verbergen sich der Wirtschaftstrakt sowie zwei Unterkunftsbaracken, die sich in der SO-Ecke der Kiesgrube bereits in etwas erhöhter Lage befanden. Zwischen den Bäumen zeichnen sich ferner schemenhaft die Umrisse eines Schuppens oder Unterstandes im Eingangsbereich des Lagers ab, der bereits im Lageplan eingetragen ist.
Michael StrobelBildquelle N.N., Foto 026-15.001 ©Fotoarchiv Gedenkstätte Buchenwald.
Das Fabrikgebäude im April 1944
Zunächst scheinen in dem Lager sowjetische Zwangsarbeiter*innen untergebracht gewesen zu sein, die Ende Dezember 1944 oder Anfang 1945 nach Penig und Herrnsdorf bei Wolkenburg verlegt wurden. Am 12. oder 13. Januar 1945 trafen etwa 700 weibliche KZ-Häftlinge aus dem KZ Ravensbrück in offenen Viehwaggons direkt auf dem Werksgelände ein, das an das Schienennetz angeschlossen war. Die jüdischen Frauen waren im November und Dezember in Budapest unter der faschistischen Kollaborationsregierung (Szálasi-Regime, "Pfeilkreuzler") festgenommen und nach Ravensbrück deportiert worden. Von Januar bis April mussten die völlig entkräfteten Frauen täglich in drei Achtstundenschichten arbeiten und insgesamt sechs Kilometer zwischen Lager und Fabrikgelände zu Fuß zurücklegen. Katastrophale hygienische Verhältnisse und Mangelernährung forderten mindestens 14 Todesopfer, die auf dem Lagergelände verscharrt wurden. In jeder Baracke waren ca. 115 Personen zusammengepfercht.
Michael StrobelBildquelle ©erinnerungsort-penig.de/max-gehrt-werk/Abb. 3.
Vor der nördlichen Unterkunftsbaracke geparkte Sanitätslastwagen
Am 13. April 1945 löste die SS-Wachmannschaft, die u.a. aus „volksdeutschen“ SS-Angehörigen sowie Aufseherinnen bestand, das Lager auf und trieb die Häftlinge auf einen Todesmarsch in Richtung Chemnitz bzw. Mittweida. Fast 80 kranke und stark geschwächte Häftlinge blieben in den Baracken zurück und wurden am 15. April von amerikanischen Soldaten befreit und versorgt. Das Wachpersonal ist nie juristisch zur Rechenschaft gezogen worden.
Michael StrobelBildquelle D. E. Scherman, Foto Nr. 245.046 ©Fotoarchiv Gedenkstätte Buchenwald.
Vor dem ehemaligen Luftwaffenlazarett
Angehörige des 76. Sanitätsbataillons der 6. US-Panzerdivision übernahmen den Transport in das Luftwaffenlazarett des Flugplatzes Altenburg, wo die Frauen medizinisch behandelt wurden. Mehrere starben an den Folgen der Zwangsarbeit. Die Überlebenden konnten oft erst nach Wochen und Monaten wieder in ihre Heimat zurückkehren.
Michael StrobelBildquelle D. E. Scherman, Foto Nr. 245.067 ©Fotoarchiv Gedenkstätte Buchenwald.
Blick über den Reitplatz nach Südwesten
Auch wenn das Kiesgrubengelände heute als Reitplatz genutzt wird und überformt ist, muss insbesondere im Osten in den erhöhten Randbereichen noch mit Barackenresten gerechnet werden. Genauso dürften von der Einzäunung oberhalb der Kiesgrubenböschung sowie von den Wachtürmen noch Spuren vorhanden sein. Das KZ-Außenlager ist seit September 2018 als archäologisches Denkmal verzeichnet.
Michael StrobelBildquelle M. Strobel, Foto ©LfA 2020.
Vereinsgebäude im Bereich der ehemaligen Waschbaracke
Auf einer Luftaufnahme der 1950er-Jahre ist bis auf die Streifenfundamente jener Baracke, die nie errichtet wurde, nichts mehr zu sehen, was auf das Lager hindeuten würde. Offensichtlich hatte man bis dahin alle Baracken abgebaut und Spuren beseitigt. Genau dort, wo sich heute auf einer leichten Terrasse das Vereinsheim befindet, stand einst die Waschbaracke. Derzeit spricht aber alles gegen eine Bestandskontinuität.
Michael StrobelBildquelle M. Strobel, Foto ©LfA 2020.
Ehemaliger Zugangsbereich mit Gedenkstein und Informationstafel
Ein Gedenkstein im ehemaligen Zugangsbereich erinnert an das Lager; über dessen Geschichte informiert daneben eine Hinweistafel. Darüber hinaus bieten die Webseiten „erinnerungsort-penig.de“ der Bürger_inneniniative „Gesicht Zeigen“ sowie „gedenkplaetze.info“ des Pirnaer Vereins AKuBiZ e.V. umfassendes weiterführendes Material (s. Literatur).
Michael StrobelBildquelle M. Strobel, Foto ©LfA 2020.
Literatur
Hans Brenner/Wolfgang Heidrich/Klaus-Dieter Müller/Dietmar Wendler (Hrsg.), NS-Terror und Verfolgung in Sachsen (Dresden 2018).
Bürger_inneninitiative Gesicht zeigen - Netzwerk für Demokratisches Handeln, Erinnerungsort Penig. https://erinnerungsort-penig.de/max-gehrt-werk/
https://erinnerungsort-penig.de/entstehung-des-lagers/
Gedenkplätze. https://www.gedenkplaetze.info/konzentrationslager/konzentrationslager-buchenwald-aussenlager-penig
https://fotoarchiv.buchenwald.de/ (Penig)
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
https://archaeo-sn.de/ort/kz-aussenlager-penig/
Zitat des Beitrags
Michael Strobel, KZ-Außenlager Penig. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (22.10.2024). https://archaeo-sn.de/ort/kz-aussenlager-penig/ (Stand: 18.08.2026)