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Lage der Fundstelle
Datierung des Waldes
Am Ende der Eiszeit
Lagerplatz früher Menschen
Fundverteilung
Die Werkzeuge

Paläolithischer Wald und Freilandstation Reichwalde

Ort: Mochholz (Rietschen, Görlitz)
Typ: Geologie/biologische Merkmale | Station/Lager/Rastplatz
Datierung: Spätes Jungpaläolithikum | Federmesser-Gruppen | 12100 - 11300 v. Chr.

Beschreibung

Im Vorfeld des Braunkohlentagebaus bei Reichwalde wurden zwischen 1997 und 2001 die Reste eines spätpaläolithischen Waldes ausgegraben. Der Wald versank bei der späteren Entstehung eines Sees. Die umgefallenen Bäume wurden vom Torf bedeckt und dadurch konserviert. Auf einer Fläche von insgesamt 6000 m² konnten während der Rettungsgrabungen die Reste von bis zu 1500 Bäumen freigelegt werden. Dazwischen befindet sich zudem der Rastplatz einer spätpaläolithischen Jagdgruppe. Diese einmalige Fundsituation erlaubte dem Ausgrabungsteam des Landesamtes für Archäologie Sachsen einmalige Einblicke in die Landschaftsentwicklung des spätglazialen Europas.

Annemarie Reck

Lage der Fundstelle

Die Fundstelle liegt in der Heide- und Teichlandschaft der Oberlausitz. Sie ist geprägt von moorigen Bereichen, den weichselzeitlichen Schichten der Oberen Talsande, die sich nach dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher im Lausitzer Urstromtal abgelagert haben, und darüberliegender Dünenzüge. In den Bodenbildungen des Allerød-Interstadials, einer letzten Warmphase vor dem Ende der Eiszeit, wurden bei Ausgrabungen die sehr gut erhaltenen Reste zahlreicher Kiefern und einiger Birken gefunden, deren Wurzelbäume zum Teil noch im Boden steckten. Deutschlandweit ist der Fund eines spätpaläolithischen Waldes einzigartig und zählt damit auch zu den bedeutendsten Fundorten des späteiszeitlichen Europas.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Lipták, Foto ©LfA 1999.

Datierung des Waldes

Die Holzreste konnten dendrochronologisch datiert werden. Dabei werden die Wachstumsringe und Muster einer Baumart abgeglichen und gezählt. Auf diese Weise konnten die in Reichwalde geborgenen Kiefern in das 12. vorchristliche Jahrtausend datiert werden. Einige der Stämme waren bis zu 20 m lang und in Originalfundlage erhalten. Die ältesten Bäume wurden bis 250 Jahre alt, ihr Durchschnittsalter lag aber bei etwa 80 Jahren. Weiterhin lieferten Pollenanalysen Aufschluss über die Entwicklung der Landschaft.

Annemarie Reck

Bildquelle V. Wüstenhube, Foto ©LfA 1998.

Am Ende der Eiszeit

Der Temperaturanstieg in dieser letzten Warmphase, dem Allerød, führte zu einer großen landschaftlichen Veränderung: die offene Mammutsteppe verschwand durch die schrittweise Wiederbewaldung. Lichte Wälder aus Kiefer und Birke breiteten sich im Gebiet des heutigen Sachsen aus. Dadurch verschwanden auch die großen Rentier- und Pferdeherden, die bis dahin die Hauptbeute der eiszeitlichen Menschen waren. Stattdessen breiteten sich andere Wildtierarten, wie Reh, Elch oder Hirsch aus. Das hatte Auswirkungen auf die Jagdmethode und Lebensweise der Menschen, die, anstelle der lange Zeit üblichen Speerschleuder, gegen Ende der Eiszeit verstärkt Pfeil und Bogen nutzten. Ein Hinweis auf diesen Wandel vor Ort geben die Funde von Rückenspitzen, die wie Pfeilspitzen genutzt wurden.

Annemarie Reck

Bildquelle V. Wüstenhube, Foto ©LfA 1999.

Lagerplatz früher Menschen

In einem Bereich der Fundstelle „am Torfstrich“ finden sich mehrere Fundkonzentrationen, die auf die Anwesenheit einer Gruppe von Menschen um 12100 v. Chr. hindeuten. Ihr Aufenthaltsplatz lag in einem flachen Becken, in mitten des späteiszeitlichen Waldes und nimmt eine Fläche von etwa 35 m x 75 m ein. Dabei ist unklar ob die Fundstreuungen von einem einzigen oder mehreren Aufenthalten stammen.

Annemarie Reck

Bildquelle V. Wüstenhube, Foto ©LfA 1998.

Fundverteilung

Anhand der Verteilung der Funde konnten verschiedenen Werkplätze mit einer unterschiedlichen Nutzung erkannt werden. Einige Schlagstellen lassen sich der Werkzeugreparatur unter Verwendung eines Bohrers zuweisen. Eine andere Stelle, die durch eine Anzahl von Kratzern auffiel, diente eventuell der Fellbearbeitung. Die Zerlegung der Tiere muss wiederum an anderer Stelle vorgenommen worden sein. Allerdings liegt aufgrund des kalkarmen Bodens nur im Kochbereich Knochenerhaltung vor. An dieser Stelle wurden vier Mulden mit Feuerspuren entdeckt.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Vollbrecht 2000, 17.

Die Werkzeuge

Reste von Gesteinsbearbeitung finden sich ebenfalls in einer eigenen Werkszone. Vor Ort wurden Rückenspitzenmesser hergestellt, was den Fundplatz den Federmesser-Gruppen zuweist. Allerdings wurden nur wenige vollständige Werkzeuge vor Ort gefunden. Zur Herstellung wurden lokale Rohmaterialien genutzt. Trotz der verschiedenen Werkplätze gibt es ‚am Torfstrich‘ keinen Hinweis auf ein festes Basislager mit Zelten, das über einen längeren Zeitraum genutzt wurde. Der Aufenthalt der Menschen vor über 14000 Jahren im eiszeitlichen Wald kann nur wenige Stunden gedauert haben.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Vollbrecht 2005, 201.

Literatur

Michael Friedrich/Maria Knipping/Paul van der Kroft/Andrea Renno/Sabine Schmidt/Olaf Ullrich/Jürgen Vollbrecht, Ein Wald am Ende der letzten Eiszeit: Untersuchungen zur Besiedlungs-, Landschafts- und Vegetationsentwicklung an einem verlandeten See im Tagebau Reichwalde, Niederschlesischer Oberlausitzkreis. In: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 43 (Dresden 2001) 21–94.
Christoph Herbig, Reichwalde, Ein Wald vom Ende der Eiszeit. In: Sabine Wolfram (Hrsg.), In die Tiefe der Zeit, 300.000 Jahre Menschheitsgeschichte in Sachsen. Das Buch zur Dauerausstellung (Dresden 2014) 40–44.
Jürgen Vollbrecht, Spätpaläolithische Besiedlungsspuren aus Reichwalde. Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte 46 (Dresden 2005).

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags / Citation

Annemarie Reck, Paläolithischer Wald und Freilandstation Reichwalde. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (01.02.2024). https://archaeo-sn.de/ort/palaeolithischer-wald-und-freilandstation-reichwalde/ (Stand: 25.05.2024)

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