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Siedlungslandschaft Zschernitz
Befunde
Grubenhäuser
Besondere Fundobjekte
Adonis von Zschernitz
Fundstück im Detail
Eine weitere Plastik

Siedlungen bei Zschernitz

Ort: Zschernitz (Wiedemar, Nordsachsen)
Typ: Siedlung
Datierung: Frühneolithikum | Mittelneolithikum | Spätneolithikum | Frühbronzezeit | ältere Vorrömische Eisenzeit | Römische Kaiserzeit | 5500 - 2000 v. Chr. | 750 - 350 v. Chr. | 150 - 350 n. Chr.

Beschreibung

Im Jahr 2003 fanden anlässlich des Baus einer Erdgasleitung aus dem sachsen-anhaltinischen Peißen bei Bernburg nach Leipzig-Wiederitzsch umfangreiche Ausgrabungen statt. Im Vorfeld dieser linearen Baumaßnahme wurde, wie in Sachsen üblich, die gesamte Strecke auf archäologische Befunde hin untersucht, die ansonsten unwiederbringlich zerstört wären. Von der Landesgrenze bis nach Leipzig betraf das einen 15 m breiten Streifen von fast 21 km Länge. Die Ausgrabungen nahmen ein Jahr in Anspruch. Dieser akribischen Untersuchungsmethode verdankt der Freistaat nicht bloß die Neuentdeckung von 13 Fundstellen, sondern auch den einzigartigen Fund einer 7000 Jahre alten menschlichen Figurine aus der frühen Jungsteinzeit, den „Adonis von Zschernitz“.

Annemarie Reck

Siedlungslandschaft Zschernitz

Südlich von Zschernitz war durch die Luftbildarchäologie schon vor Beginn der baubegleitenden Grabung eine regelrechte Befundlandschaft bekannt. In dem Bereich sind zahlreiche Landgräben unbekannter Funktion zu sehen, außerdem ein Kreisgraben und Siedlungen verschiedener Zeitstellungen, deren Pfosten und Gruben sich im Luftbild deutlich abzeichnen. Die zentral in dieser Landschaft gelegene Siedlung wurde im Grabungsabschnitt ZNT-08 von der geplanten Erdgasleitung direkt durchschnitten.

Annemarie Reck

Bildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2003.

Befunde

Die etwa 500 m lange Fläche ZNT-08 wies an die 600 Befunde auf, die sich häufig überschnitten. Die guten Böden und klimatischen Bedingungen haben seit der Einwanderung der ersten bäuerlichen Kulturen in der Jungsteinzeit die Gegend um den Fundplatz als einen Gunstraum für den Ackerbau ausgewiesen. Darum wurde die Fundstelle ab 5500 v. Chr. während der gesamten Vorgeschichte bis ins Hochmittelalter immer wieder aufgesucht und besiedelt. Zwischen zahllosen Siedlungsgruben und Hauspfosten, kamen auch drei Grubenhäuser aus der Zeit der Trichterbecher Kultur (4000–3000 v. Chr.) zutage. Diese Hausform findet sich damals nur selten und ist wenig erforscht.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Steguweit, Foto ©LfA 2003.

Grubenhäuser

Die Grubenhäuser wurden von dem Trassenabschnitt ZNT-08 fast vollständig geschnitten, was dem Ausgrabungsteam einen guten Einblick in ihren Aufbau erlaubte. Sie maßen ca. 12 m x 5 m und waren rechteckig bis leicht trapezförmig. In etwa 20 cm bis 40 cm Tiefe hat sich der originale Fußboden der Häuser erhalten. Reste von Öfen und Feuerstellen lassen darauf schließen, dass sie in der Jungsteinzeit als Wohnbauten genutzt wurden. Frühmittelalterliche Grubenhäuser dagegen dienten fast ausschließlich als Wirtschaftsgebäude.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Steguweit, Foto ©LfA 2003.

Besondere Fundobjekte

In den umliegenden Gruben konnten Fragmente eines Wandverputzes mit Resten einer roten Bemalung gefunden werden, der jedoch metallzeitlich datiert. Eine Analyse erbrachte eine Grundierung aus weißem, kalkhaltigem Material auf dem eine rote Farbe aus Hämatit oder Rötel aufgemalt wurde. Weiterhin wurden in zweien der Grubenhäuser Pechklumpen entdeckt, denen verschiedene Fette und Öle beigemengt waren. Der äußere Abdruck eines Blattes zeigt, worin sie einstmals eingewickelt waren. Die handlichen Brocken könnten sowohl als Klebstoff oder auch als Kaugummi verwendet worden sein. Pechklumpen mit Kauspuren sind aus süddeutschen Feuchtbodensiedlungen bekannt.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Steguweit, Foto ©LfA 2003.

Adonis von Zschernitz

Die Entdeckung des bekannten „Adonis von Zschernitz“ ist einem glücklichen Zufall zu verdanken: erst beim Begradigen der Profilkante, am Rand des Grabungsschnittes (Bild), kam das Bruchstück am Boden einer rundlichen, 2,5 m breiten Siedlungsgrube der Linearbandkeramik zum Vorschein. Im oberen Bereich war sie durch ein mittelneolithisches Grubenhaus gestört. Hätte es nur wenige Zentimeter danebengelegen, wäre der für ganz Europa einzigartige Fund vielleicht nie entdeckt worden. Der aufmerksame Grabungsmitarbeiter Manfred Berger entdeckte den Fund im Bereich einer linearbandkeramischen Siedlungsgrube. Sein erster Instinkt, er habe einen „Stein mit einem A …“ gefunden, sollte sich bei der Fundsäuberung als (fast) richtig erweisen.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Steguweit, Foto ©LfA 2003.

Fundstück im Detail

Das noch etwa 8 cm hoch erhaltene Fragment zeigt den Torso einer männlichen Figur mit einer einseitigen Ritzlinienverzierung im Gesäßbereich und plastisch ausgeformten Geschlechtsteilen. Im Zuge des Fundes wurde der Grabungsbereich erweitert und der Oberboden im Bereich des Fundes gesiebt. Dadurch konnte ein weiteres Fragment gefunden werden. Es zeigt den Brust-Schulterbereich der Figurine. Auch wenn das Bruchstück nicht direkt anpasst, kann durch seine Machart auf eine Zusammengehörigkeit geschlossen werden.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Lipták, Fotos/A. Reck, Bearbeitung ©LfA 2003/2023.

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Eine weitere Plastik

Drei weitere, zusammengehörige Fragmente einer Plastik sind zwar von ähnlicher Machart, aber aus anderem Material. Sie zeigt den Unterleib einer mutmaßlich weiblichen Figur. Diese zweite Figur zeigt die Andeutung eines Beckenansatzes mit abgewickelten Beinen, die einseitig ebenfalls Ritzungen aufweisen. Ob beide Figuren einzeln zu betrachten sind oder gemeinsam zu einer Komposition, vielleicht einer Kopulationsszene, gehörten, muss ohne vergleichbare Funde offenbleiben.

Annemarie Reck

Bildquelle Umzeichnung/A. Reck, Bearbeitung ©LfA 2012.

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Literatur

Matthias Conrad, Siedlungsarchäologische Studien zum Endneolithikum in Mittel- und Westsachsen (Dissertation in Vorbereitung).
Marcin Dalidowski/Harald Stäuble, Schöner Wohnen in der Jungsteinzeit. In: Harald Meller et al. (Hrsg.), Von Peißen nach Wiederitzsch, Archäologie an einer Erdgastrasse (Gröbers 2004) 71–74.
Claudia Lehmann, Figürliche Darstellungen des Frühneolithikums in Sachsen. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 59, 2017–2022 (2023) 9–107.
Harald Stäuble, Adonis aus der Steinzeit. In: Von Peißen nach Wiederitzsch, Archäologie an einer Erdgastrasse (Gröbers 2004) 64–67.
Harald Stäuble, „Adonis von Zschernitz“, Gde. Neukyhna, Lkr. Delitzsch, Sachsen – ein bemerkenswerter Fund vorgeschichtlicher Figuralplastik. In: Gunter Schölbel (Hrsg.), Plattform, Zeitschrift des Vereins für Pfahlbau und Heimatkunde e.V. 11/12, 2002/2003, 140–143.

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags / Citation

Annemarie Reck, Siedlungen bei Zschernitz. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (01.02.2024). https://archaeo-sn.de/ort/siedlungen-bei-zschernitz/ (Stand: 24.05.2024)

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