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Görlitz im Spätmittelalter
Erhöhung der Schutzmaßnahmen
Bau des äußeren Stadtgrabens
Die Ausmaße

Stadtgraben von Görlitz

Ort: Görlitz (Görlitz, Görlitz)
Typ: unregelmäßiges Grabenwerk
Datierung: Spätmittelalter | Neuzeit | 1474/1477 - 1600 n. Chr.

Beschreibung

Wie viele mittelalterliche Städte verfügte auch Görlitz über verschiedene Befestigungsanlagen, die zum Schutze für die Bewohner errichtet worden waren. Neben einer Stadtmauer wurde zwischen 1474 und 1477 der äußere Stadtgraben angelegt, der sich über eine Länge von bis zu 25 km in einem weiteren Umkreis um die Stadt legte. Stellenweise lassen sich heute noch die Reste eines im Vorfeld erbauten Palisadenzuges oder eines zusätzlichen Annäherungshindernisses erkennen. Ob der beim Eintiefen des Grabens entstandene Aushub zu einem Wall aufgetürmt worden war, der den Grabenzug begleitete, geht weder aus den Quellen noch dem Luftbild oder dem Digitalen Geländemodell (DGM) eindeutig hervor. Grund für die Errichtung des äußeren Stadtgrabens waren die sich zuspitzenden politischen Ereignisse des Jahres 1474. Zusätzlich bedrohten Truppen plündernder Raubritter vermehrt die Stadt, weshalb sich Görlitz genötigt sah, seine Verteidigungsanlagen zu stärken.

Ronald Heynowski/Annemarie Reck

Görlitz im Spätmittelalter

Bis um 1250 n. Chr. wurde der auf einer Hochfläche um die Petrikirche gelegene Altstadtkern lediglich durch eine hölzerne Palisade geschützt. Im Zuge der Stadterweiterung wurde sie durch eine steinerne Mauer ersetzt und ausgebaut. Im Jahr 1474 fand Görlitz sich inmitten eines Konfliktes zwischen dem ungarischen König Matthias Corvinus (1443–1490) und einer Allianz von Böhmen, Polen und Österreich unter dem böhmischen König Georg Prodiebad (1420–1471) wieder, der 1466 vom Papst aufgrund seines hussitischen Glaubens zum Ketzer erklärt worden war. Matthias Corvinus erhielt die Aufgabe das päpstliche Urteil auszuführen und Böhmen als neuer König wieder zu katholisieren. Als eine der reichsten Städte der Oberlausitz war Görlitz unmittelbar von den Auseinandersetzungen der beiden Herrscher betroffen.

Ronald Heynowski/Annemarie Reck

Bildquelle R. Heynowski, Görlitz von Norden ©LfA 2020.

Erhöhung der Schutzmaßnahmen

Inmitten dieser unruhigen Zeiten setzten zudem Raubzüge von den umliegenden Burgen Talkenstein (Zamek Podskale) und Lähnhaus (Wleń) bei Löwenberg (Lwórek Śląski) einerseits und Lämberg (Lemberk) bei Gabel (Jablonné v Podještědí) andererseits der Stadt Schaden zu. Der zuständige Landvogt versagte der Stadt seine Hilfe gegen die brandschatzenden und plündernden Räubertruppen. Das auf sich gestellte Görlitz beschloss daher noch 1474 die Schutzmaßnahmen um die Stadt zu erhöhen und fasste den Plan einen äußeren Stadtgraben zu errichten.

Ronald Heynowski/Annemarie Reck

Bildquelle R. Heynowski, Görlitz mit Blick zur Landeskrone ©LfA 2012.

Bau des äußeren Stadtgrabens

Die Bürger von Görlitz und der umliegenden Dörfer wurden daraufhin zu Dienstleistungen verpflichtet. Der Arbeitstrupp zählte insgesamt bis zu 1000 Mann. Im Verlauf von nur drei Jahren entstand so eine Befestigungslinie von fast 25 km Länge um die Stadt. In der historischen Überlieferung ist von einem etwa 6 m breiten Graben die Rede. Westlich der Neiße führt sein Verlauf zunächst südlich von Ober Ludwigsdorf und Klingewalde bis zur Klingenwalder Mühle, wo sie nach Süden hin abknickt und südlich der Gibirgsdorfer Straße das Gelände des Flugplatzes berührt. Südlich der B6 lässt sich sein Verlauf im Straßennamen „Stadtgraben“, in Groß Biesnitz als „Grenzweg“ weiterverfolgen, der bis vor Kunnerwitz reicht. Über den Pomologischen Garten und die Weinlache führt er zurück zum Ufer der Neiße. Östlich des Flusses bilden der Bahnhof von Jędrzychowice (Hennersdorf), der Dorfrand von Jerzmanki (Hermsdorf) und der Winna Góra bei Tylice (Weinberg bei Thielitz) die Eckpunkte der Befestigungslinie.

Ronald Heynowski/Annemarie Reck

Bildquelle A. Reck, Karte ©LfA/GeoSN 2024.

Die Ausmaße

Die mühsam errichtete Verteidigungsanlage wurde bis ins 16. Jahrhundert genutzt, bevor sie nicht mehr gepflegt wurde und schließlich verfiel. Heutzutage sind die meisten Abschnitte des ehemaligen Grabens zugeschüttet und überbaut. Am besten lässt sie sich heute noch im Norden der Stadt bei Königshufen verfolgen. Anhand der aus der Luft erkennbaren Bewuchsmerkmale kann der äußere Stadtgraben hier noch über mehrere Hundert Meter hinweg aufgespürt werden. Abweichend von der schriftlichen Überlieferung scheint das Erdwerk an dieser Stelle eine unregelmäßige Breite zwischen 3–5 m betragen zu haben. Außerdem wird auf der stadtabgewandten Seite zusätzlich ein schmaler Palisadengraben sichtbar, der im Abstand von 6–10 m parallel zum Graben verläuft. Dabei könnte es sich um ein zusätzliches Annährungshindernis oder um Ertüchtigungen zur Verbesserung der Befestigungsanlage handeln. Ob die Erde aus dem Graben zusätzlich zu einem Wall aufgetürmt worden ist, lässt sich anhand des Luftbildes und des DGMs nicht nachweisen.

Ronald Heynowski/Annemarie Reck

Bildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2004.

Literatur

Ronald Heynowski, Verteidigungsbereit in unruhigen Zeiten. In: Regina Smolnik/Ronny Zienert (Hrsg.), Höhenflüge. Luftbilder und Archäologie in Sachsen (Dresden 2024) 90–91.
Richard Jecht, Geschichte der Stadt Görlitz, Band 1,2: Topographie der Stadt Görlitz (Görlitz 1834).

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags

Ronald Heynowski/Annemarie Reck, Stadtgraben von Görlitz. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (26.08.2024). https://archaeo-sn.de/ort/stadtgraben-von-goerlitz/ (Stand: 14.08.2026)

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