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Befestigungen in Schutzlagen
Entdeckung der Anlage
Erste Rettungsgrabung 1938
Ausgrabung 2000
Der Wallaufbau
Weitere Baubefunde
Fundobjekte
Holzerhaltung und Datierung
Forschungschronik

Sumpfschanze Biehla

Ort: Biehla (Kamenz, Bautzen)
Typ: Wehranlagen/Befestigungen
Datierung: ältere Vorrömische Eisenzeit | Billendorfer Kultur | 620 - 570 v. Chr.

Beschreibung

Die Sumpfschanze von Biehla (Běła), Kamenz (Kamjenc), liegt inmitten der Lausitzer Heide- und Teichlandschaft. Sie nimmt eine Fläche von 100 m x 120 m ein und wurde von den Menschen der Billendorfer Kultur in der frühen Eisenzeit errichtet. Sie besaß ehemals einen mit einer Holz-Erde-Mauer befestigten Wall und war in ihrem Innenraum dicht bebaut mit Fachwerkhäusern. In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. wurde die Anlage durch Feuer zerstört. Heute wird ein Teilsegment der Wallbefestigung als Damm für einen neuzeitlich angelegten Fischteich genutzt, der Rest des Walls ist stark abgetragen.

Annemarie Reck

Befestigungen in Schutzlagen

In der späten Bronzezeit und frühen Eisenzeit wurden häufig Befestigungen in Schutzlagen errichtet. Wo es sich anbot auf Bergkuppen, in Spornlagen oder auf Hangterrassen über Flusstälern. In der flachen, von Heide, Seen und Bruchwäldern umgebenen Landschaft der Oberlausitz hingegen wurden Niederungsburgen angelegt, wie die Sumpfschanze von Biehla. Ursprünglich lag sie auf einer kleinen Geländezunge, die sich schwach über das umgebende Gelände des einstigen Auenwaldes erhob. Sie besaß nur eine schmale Erdbrücke als Zugang. Auch über 2500 Jahre nach ihrer Erbauung diente sie den Menschen von Biehla als Zuflucht: Als am Ende des Zweiten Weltkriegs die Truppen der Roten Armee näher rückten, suchte die Dorfgemeinschaft gemeinsam mit ihrem Vieh Schutz in der alten Sumpfschanze.

Annemarie Reck

Bildquelle P. de Vries, Foto ©LfA 2013.

Entdeckung der Anlage

Obgleich der augenfällige Ringwall schon auf alten Meilenblättern des 19. Jahrhunderts verzeichnet ist, blieb das eisenzeitliche Denkmal lange unentdeckt und auch ungeschützt. Um 1910 nutzten die lokalen Bauern die gute, holzkohlehaltige Erde, um sie auf ihre Felder zu streuen, wodurch große Teile des einstigen Walles fast vollständig abgetragen wurden. Erst 1934 wurde die Sumpfschanze von dem damaligen Landespfleger für Bodenaltertümer, Dr. Georg Bierbaum, als vorgeschichtliche Befestigungsanlage erkannt und unter Schutz gestellt.

Annemarie Reck

Bildquelle H. Dengler, Plan ©LfA 1938.

Erste Rettungsgrabung 1938

Trotz der Unterschutzstellung wurde 1938 ein Entwässerungsgraben durch den Wall der Sumpfschanze angelegt. Im Zuge einer kleinen Rettungsgrabung, geleitet von Hermann Dengler, wurde so ein erster Blick in den Aufbau des Walls möglich. Dabei wurden zahlreiche und durch den hohen Grundwasserspiegel sehr gut erhaltene Hölzer und Keramikscherben der frühen Eisenzeit geborgen, wodurch die Anlage erstmals grob datiert werden konnte.

Annemarie Reck

Bildquelle H. Dengler, Foto ©LfA 1938.

Ausgrabung 2000

In den folgenden Jahrzehnten blieb die Sumpfschanze von Biehla trotz Denkmal- und Naturschutz weiterhin Zerstörungen ausgesetzt, etwa durch nicht genehmigte Drainagearbeiten in den 1970er-Jahren, als auch durch schwere Mähmaschinen, die der Verbuschung des Areals vorbeugen sollte. Im Jahr 2000 führte das Landesamt für Archäologie Sachsen in Kooperation mit der Polnischen Akademie der Wissenschaften der Kardinal-Stefan-Wyszyńsky-Universität Warschau eine archäologische Ausgrabung durch, um den Zustand des gefährdeten Denkmals zu prüfen und zu sichern. Hierfür wurden drei Grabungsschnitte angelegt.

Annemarie Reck

Bildquelle J. Lipták, Foto ©LfA 2000.

Der Wallaufbau

Der nordwestliche Grabungsschnitt maß 4,00 m x 45,00 m und war im Bereich des abgegrabenen Walls angelegt. Die Reste der Befestigung waren nur noch 0,70 m hoch erhalten. Jedoch konnte darin noch eine Zweiphasigkeit der Konstruktion erkannt werden, die von Louis Nebelsick folgendermaßen rekonstruiert wird: In Phase 1 bestand zunächst ein Annäherungshindernis aus zwei Flechtwerkwänden, mit einer Lehmpackung dazwischen. Dahinter schloss eine zunächst eine nur schmale Berme an. An der Außenseite des insgesamt 4 m breiten Wallkörpers befand sich eine Reihe dicht gesetzter senkrechter Balken, die als Blendmauer diente. Die eigentliche Wallmauer bestand aus einem Holzkastenbau, der mit Erde gefüllt war, an die nach innen hin eine lockere Konstruktion in Art eines Wehrganges angefügt war. Ihr Aufbau ähnelt damit stark der Befestigung im polnischen Biskupin. In der 2. Bauphase wurde die dem Wall vorgelagerte Berme auf 7 m Breite vergrößert. Die vorgelagerte Wand aus Lehm und Flechtwerk wurde überschüttet und eine neue Wand aus querliegenden Balken wurde davorgesetzt. Im Zuge dessen ist anzunehmen, dass die Wallmauer ebenfalls erhöht wurde. Der gesamte Wall wurde durch ein großes Brandereignis zerstört, das womöglich mit kriegerischen Auseinandersetzungen in Zusammenhang steht.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Nebelsick, Rekonstruktion ©LfA 2000.

Weitere Baubefunde

In einem 200 m² großen Bereich im Innern der Schanze fand man eine regelmäßige Baustruktur, die von engen, in Ost-West-Ausrichtung verlaufenden Gassen durchbrochen waren. Ein 8 m breites und 11 m langes Gebäude in gleicher Orientierung konnte vollständig ausgegraben werden. Die Pfosten des fachwerkartigen Baus waren mit Steinen verkeilt und durch den feuchten Sumpfboden waren sogar noch Holzbohlen eines Fußbodens erhalten. Stellenweise fanden sich darüber dichte Keramikpackungen. Die Scherben lassen sich dabei der groben Vorratskeramik, aber auch in vielen Fällen der Feinkeramik zuordnen. Im Bereich der Scherbenpflaster finden sich nur selten Anpassungen, weshalb man annehmen muss, dass nicht von vor Ort zerschlagenen Gefäßen Stammen, sondern zu einem späteren Zeitpunkt, vielleicht als Fußbodenunterfütterung ausgelegt wurden.

Annemarie Reck

Bildquelle A. Kucharska, Zeichnung ©LfA 2000. Landesamt für Archäologie Sachsen/Kuchavska 2000.

Fundobjekte

An keramischen Gefäßen, finden sich neben Koch- und Vorratsgefäßen auch hohe Kegelhalsgefäße, verzierte Schalen, Tassen und kleine Spitzgefäße, die typisch sind für die eisenzeitliche Billendorfer Kultur. Weiterhin wurden während der Grabungen zwei Steinäxte, ein Bronzereif und zwei Glasperlen gefunden. Lehmfragmente von Gussformen sowie Metalltropfen deuten zudem auf Bronzeverarbeitung hin.

Annemarie Reck

Bildquelle Zeichnung ©LfA 2015.

Holzerhaltung und Datierung

Dank des hohen Grundwasserstandes herrscht in Biehla eine sehr gute Holzerhaltung, die eine dendrochronologische Datierung der Hölzer aus dem Wall und der Bebauung im Innenraum erlaubte. Dabei werden die Wachstumsringe der Hölzer gezählt und mit anderen Hölzern gleicher Art verglichen. Dabei konnte der Zeitpunkt der Erbauung der ersten Wallphase und des Inneren Gebäudes sehr genau um das Jahr 620 v. Chr. datiert werden. Nur wenige Jahrzehnte später, noch vor der Mitte des 6. Jahrhunderts brannte die Sumpfschanze ab und wurde aufgegeben. Auffälliger Weise werden auch alle anderen bislang bekannten Sumpfschanzen der Oberlausitz durch Feuer zerstört. Ob sie aber einander zeitlich ablösten oder etwa zeitgleich in einer ganzen Reihe von kriegerischen Auseinandersetzungen zerstört wurden, ist bislang nicht geklärt.

Annemarie Reck

Bildquelle D. Wach, Foto ©LfA 2000.

Forschungschronik

06.07.1934
Entdeckung als vorgeschichtliche Anlage durch Georg Bierbaum.
10.09.1934
Eintragung in die Landesdenkmalliste Sachsens.
26.08.1937
Lesefunde von Keramik.
24.01.1938 – 08.02.1938
Rettungsgrabung unter der Leitung von Herrmann Dengler im Zuge des Baus eines Entwässerungsgrabens.
01.02.1957
Eintragung in die Liste der Bodenaltertümer.
1970er Jahre
Nicht genehmigte Drainagearbeiten im Bereich des Bodendenkmals.
10.07.2000 – 30.09.2000
Erste wissenschaftliche Ausgrabungskampagne durch das Landesamt für Archäologie Sachsen in Kooperation mit der Polnischen Akademie der Wissenschaften der Kardinal-Stefan-Wyszyńsky-Universität Warschau unter der Leitung von Harald Meller und Zbigniew Kobyliński.
01.07.2001 – 31.08.2001
Zweite wissenschaftliche Ausgrabungskampagne durch das Landesamt für Archäologie Sachsen in Kooperation mit der Polnischen Akademie der Wissenschaften der Kardinal-Stefan-Wyszyńsky-Universität Warschau unter der Leitung von Wolfgang Ender und Zbigniew Kobyliński.
20.11.2020
Geophysikalisch Prospektion des Innenbereichs durch Jasmin Kaiser vom Museum der Westlausitz Kamenz.
Annemarie Reck

Bildquelle Foto ©LfA 2024.

Literatur

Grit Bräuer/Wolfgang Ender/Anja Kaltofen/Zbigniew Kobyliński/Frank Meltzer/Winfried Nachtigall/Louis D. Nebelsick/Rebecca Wegener/Olaf Zinke, Biehla: Teich – Sumpf – Schanze. Archaeonaut 12 (Dresden 2015).
Wolfgang Ender, Biehla (Běła): Die Sumpfschanze. In: Regina Smolnik/Jasper von Richthofen (Hrsg.), Oberlausitz, Ausflugsziele zwischen Neiße und Pulsnitz. Ausflüge zu Archäologie, Geschichte und Kultur in Deutschland, Bd. 51 (Stuttgart 2010) 100–103.
Ingo Kraft, Biehla (Lkr. Kamenz) und die eisenzeitlichen Burgen zwischen Elbe und Weichsel. Archäologisches Nachrichtenblatt 13, 2008,2, 202–204.
Louis D. Nebelsick/Znigniew Kobyliński/Anna Swieder/Katarzyna Zeman-Wiśniewska, „Sumpfschanzen“ – Burgen im Sumpf, Archäologie in Deutschland 2017, 6, 38–41.

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags / Citation

Annemarie Reck, Sumpfschanze Biehla. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (01.02.2024). https://archaeo-sn.de/ort/sumpfschanze-biehla/ (Stand: 24.05.2024)

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