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Die älteste Bestattung
Bestattungen des Mittelneolithikums
Erstes Kupfer
Sonderbestattungen
Hundebestattung
Mögliches Tieropfer?

Trassengrabung bei Zschernitz

Ort: Zschernitz (Wiedemar, Nordsachsen)
Typ: Flachgrab/Flachgräberfeld
Datierung: Mittelneolithikum | Spätneolithikum | Frühbronzezeit | 4500 - 2000 v. Chr.

Beschreibung

Im Jahr 2003 fanden anlässlich des Baus einer Erdgasleitung aus dem sachsen-anhaltinischen Peißen bei Bernburg nach Leipzig-Wiederitzsch umfangreiche Ausgrabungen statt. Im Bereich des Grabungsabschnittes ZNT-08, der insgesamt 21 km langen Trasse, wurden bei Zschernitz, Gde. Wiedemar, inmitten einer jungsteinzeitlichen Siedlung, mehrere Bestattungen entdeckt.

Annemarie Reck

Die älteste Bestattung

Obgleich die Linienbandkeramik die über Siedlungsgruben älteste nachweisbare Kultur vor Ort ist, fanden sich im Trassenausschnitt keine Gräber dieser Kultur. Die älteste Bestattung lässt sich der Garterslebener Kultur zuweisen (4500–4300 v. Chr.). Der Mann war in der für die Zeit üblichen seitlichen Hockerlage niedergelegt.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Steguweit, Foto ©LfA 2003.

Bestattungen des Mittelneolithikums

Aus dem späten Mittelneolithikum (4000–3000 v. Chr.) stammen die Bestattungen zweier weiterer Individuen, ebenfalls in Hockerstellung. Die weibliche Tote wurde vermutlich über sechzig Jahre alt und hatte eine unverzierte Schale mit Trichterrand als Beigabe in ihrem Grab. Das männliche Skelett wurde direkt unter einem Grubenhaus aufgefunden. Ob es das Haus der Familie des Verstorbenen war, die ihn in ihrer Nähe behalten wollten, ist unklar. Eine Kinderbestattung, die von großen Tonscherben bedeckt war, kann der Salzmünder Kultur zugewiesen (3400–3000 v. Chr.) werden.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Steguweit, Foto ©LfA 2003.

Erstes Kupfer

Während der Grabung im Trassenabschnitt ZNT-08 stieß das Ausgrabungsteam auch auf zwei Tote der spätjungsteinzeitlichen Schnurkeramischen Kultur (2800–2200 v. Chr.). Männer und Frauen wurden von dieser Kultur mit unterschiedlichen Totenriten beigesetzt. So liegt die weibliche Bestattung auf der linken Seite und die männliche auf der rechten Seite. Letzteres wird durch die Beigabe eines Steinbeils als ein Kriegergrab angesprochen. Eine weitere Tote kann mittels eines 14C-Datums ebenfalls dieser Kultur zugewiesen werden. Ihre Bestattung erscheint jedoch unregelhaft, denn ihr Kopf war nach hinten, über die Schulter blickend verdreht. Besonders bemerkenswert ist zudem ein für die Zeit in Sachsen sehr früher Fund von Metall: eine kleine Kupferspirale, die vermutlich als Ohrring getragen wurde.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Steguweit, Foto ©LfA 2003.

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Sonderbestattungen

Nicht in allen Fällen wurde in Zschernitz regelhaft und pietätvoll bestattet. In einer Siedlungsgrube lag ein einzelner Schädel, in einer weiteren befand sich ein vollständiges Skelett in verdrehter Lage. Es gehörte einen etwa 60jährigen Mann, dessen Wirbel krankhafte Veränderungen aufzeigen, die auf ein körperliches Leiden schließen lassen. Weshalb der Tote scheinbar unachtsam in der Grube entsorgt wurde und ob seine Krankheit Grund dafür sein könnte, ist ungeklärt.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Steguweit, Foto ©LfA 2003.

Hundebestattung

Eine Besonderheit stellen die Tierbestattungen von Zschernitz ZNT-08 dar. Bei der ersten Niederlegung handelt es sich um eine ausgewachsene, etwa zweijährige Hündin, die vermutlich während Komplikationen bei der Geburt eines Wurfes starb. Zwischen ihren Beinen fanden sich noch die Knochen eines ungeborenen Welpen. Interessant ist auch die Schnauze der Hündin, die einen verheilten Bruch aufzeigt, wie er häufig bei Hütehunden vorkommt.

Annemarie Reck

Bildquelle S. Gebhardt, Foto ©LfA 2004.

Mögliches Tieropfer?

In einer Grabgrube ist ein Kalb gemeinsam mit einem fünf Monate alten Welpen niedergelegt. Ihnen waren ein großer Stein, Keramik und der Wirbel eines erwachsenen Rindes beigegeben. In den Knochen der Hinterpfoten des Welpen sind kleine runde Bohrungen sichtbar. Da sie sehr regelmäßig erscheinen, ist anzunehmen, dass sie dem Tier vor oder nach dem Tod bewusst zugefügt worden sind. Gerade die Beisetzung des Kalbes bedeutete für die Menschen einen großen Fleischverzicht. Die Befundsituation könnte als ein Opfer gedeutet werden.

Annemarie Reck

Bildquelle L. Steguweit, Foto ©LfA 2004.

Literatur

Matthias Conrad, Siedlungsarchäologische Studien zum Endneolithikum in Mittel- und Westsachsen (Dissertation in Vorbereitung).
Marcin Dalidowski, Wege ins Jenseits – Gräber aus zwei Jahrtausenden. In: Harald Meller et al. (Hrsg.), Von Peißen nach Wiederitzsch. Archäologie an einer Erdgastrasse (Gröbers 2004) 68–70.
Henriette Kroll, Hundeleben im Neolithikum, 5500 – 2200 v. Chr. In: Harald Meller et al. (Hrsg.), Von Peißen nach Wiederitzsch, Archäologie an einer Erdgastrasse (Gröbers 2004) 75–77.

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags / Citation

Annemarie Reck, Trassengrabung bei Zschernitz. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (01.02.2024). https://archaeo-sn.de/ort/trassengrabung-bei-zschernitz/ (Stand: 24.05.2024)

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