











Verschollen in den Wirren der Nachkriegsmonate – der frühbronzezeitliche Hortfund von Niederjahna
| Ort: | Niederjahna (Käbschütztal, Meißen) |
|---|---|
| Typ: | Depotfund |
| Datierung: | Frühbronzezeit / Aunjetitzer Kultur | 1800 v. Chr. |
Beschreibung
Das Tal der Kleinen Jahna gehört zu den kleineren linkselbischen Flusseinzugsgebieten, die die Lösshochflächen westlich des Elbtals entwässern. Der Jahnabach entspringt bei Löthain und fließt zunächst durch ein relativ breites, von Lössrücken flankiertes Sohlental, dessen Querschnitt nördlich von Niederjahna in ein steilhängiges, fast kerbtalartiges Profil mit zahlreichen Vor- und Rücksprüngen übergeht. Durch kurze Kerbtäler, in die ihrerseits zahlreiche Dellen und Rinnen münden, wird das Oberflächenwasser vom „Seilitzer Plateaurand“ in das Jahnatal abgeführt. Warum ausgerechnet in einem dieser Seitentäler während der frühen Bronzezeit um 1800 v. Chr. ein Hort niedergelegt wurde, bleibt ein großes Rätsel.
Michael StrobelForschungschronik
Bildquelle Foto ©LfA 1929.
Ein Sonntagsfund
Im Frühjahr 1932 notierte der Kustos an der prähistorischen Sammlung des Dresdner Museums für Mineralogie, Geologie und Vorgeschichte, Georg Bierbaum (1889-1953), dass eine Woche nach dem Osterfest, am Sonntag, dem 3. April in der Flur Niederjahna ein Depotfund der Frühbronzezeit zutage gekommen sei. Die Meldung war am Dienstag, 5. April, also nur zwei Tage nach der Entdeckung, eingegangen und dem Rittergutsbesitzer Günther Freiherr von Bischoffshausen (1890-1971) zu verdanken, der sich vermutlich telefonisch an das Archiv Urgeschichtlicher Funde in Sachsen gewandt hatte. Seine Arbeiter waren beim Schachten auf die Metallobjekte gestoßen.
Michael StrobelBildquelle OA 59490, 112 ©LfA 1932.
Von der Schachtung in die Zeitung
Schon einen Tag später, am 6. April 1932 berichtete das Meißner Tagblatt über den bemerkenswerten Fund, nach einer weiteren Woche auch das Bautzener Tageblatt. Wer die Presse informiert hatte, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen. Die Ankündigung einer Ausstellung im Schaufenster der „Hauptgeschäftsstelle“ der Zeitung spricht für lokale Quellen und gegen eine Pressemitteilung des Museums.
Michael StrobelBildquelle OA 59490, 113 ©LfA 1932.
Ein Hortfund aus der „Hölle“
Die Fundstelle liegt keine 500 m südlich der Gutssiedlung am südlichen Ende einer heute bewaldeten Rinne, die in ein Seitental des Jahnabaches mündet und im Meilenblatt den Flurnamen „Die Hölle“ trägt. Die Signatur weist auf Grünland hin. 80 Jahre später ist die Bezeichnung aus den Kartenwerken verschwunden und durch ein „Am Tummelbusch“ ersetzt, das von „tumulus“ (Hügel) herzuleiten und auf die südlich anschließende Anhöhe zu beziehen sein dürfte, denn von einem vorgeschichtlichen Grabhügel fehlt derzeit jede Spur.
Michael StrobelBildquelle Berliner Meilenblatt, Auszug ©LfA/SLUB 2026.
Die „Höllenschlucht“
Das nur etwa 100 m lange und bis zu 25 m breite, schluchtartige Tälchen weist einen leicht wannenförmigen Querschnitt auf, könnte bereits im Spätglazial entstanden sein und führt allenfalls nach Starkregenereignissen oder ausgiebigen Niederschlägen Wasser. Auf der Sohle und den kurzen steilen Hängen stocken heute Gehölze und Bäume. Das „F“ markiert die mutmaßliche Fundstelle.
Michael StrobelBildquelle DGM ©LfA/GeoSN.DGM ©LfA/GeoSN.DGM ©LfA/GeoSN.
Archäologische Denkmalpflege am Tiefpunkt
Seit 1931 war der Landesarchäologe Bierbaum weitgehend an den Schreibtisch gefesselt. Dienstreisen konnte er nur an Wochenenden mit dem privaten PKW unternehmen. Nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise brachten finanzielle und personelle Einschränkungen die sächsische Bodendenkmalpflege an die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit. Zu „einer gelegentlichen Fahrt nach Jahna“, einem Besuch des Rittergutes und einer „Mitnahme“ der Funde sollte es nie kommen. Die Bearbeitung und Publikation überließ Bierbaum einem seiner loyalsten ehrenamtlichen Mitarbeiter, dem Riesaer Lehrer und Museumsleiter Alfred Mirtschin (1892-1962), der sich zur Aufnahme eisenzeitlicher Funde bereits häufiger in der Gegend aufgehalten hatte und auch Freiherrn von Bischoffshausen kannte. Seine Vermutung, in Niederjahna seien auch „Latène-Urnen“ gefunden worden, bestätigte sich allerdings nicht.
Michael StrobelBildquelle OA 59490, 118 ©LfA 1932.
Erstdokumentation
Ein gutes Jahr nach der Auffindung, am 13. Oktober 1933 radelte Mirtschin tatsächlich nach Niederjahna, um im "Rittergut" den Bronzehort zu zeichnen und zu fotografieren. Das Vorhaben, die Ringe in einer Zusammenstellung mit weiteren Aunjetitzer Funden vor allem aus dem Raum Riesa in der Zeitschrift „Mannus“ zu veröffentlichen, blieb allerdings unverwirklicht. 1941 erschien darin zwar ein Katalog der frühbronzezeitlichen Funde aus dem damaligen „nordsächsischen Elbland“, der mit kleineren Ergänzungen für über 40 Jahre den Forschungsstand repräsentieren sollte (Mirtschin 1941), auf eine Veröffentlichung der wenigen Fundstellen aus dem „Elbtal Meißen-Dresden“ verzichtete der Riesaer Lehrer damals aber vielleicht auch deshalb, weil sie außerhalb seines Zuständigkeitsgebietes als Vertrauensmann für Bodenaltertümer lagen.
Michael StrobelBildquelle OA 59490, 116 und Tagebuch Mirtschin ©LfA/Museum Riesa 1932/1933.
Nachlese 1
Erst als sich Mirtschin in den frühen 1950er Jahren mit Funden der älteren Eisenzeit im Riesaer Raum zu beschäftigen begann, will er seine fast 20 Jahre alten Aufzeichnungen wiederentdeckt haben. Der Hortfund scheint demnach gründlich in Vergessenheit geraten zu sein. Am 20. Oktober 1954 radelte er also abermals nach Niederjahna, um Nachforschungen nach dem Verbleib des Depots anzustellen. Dort erfuhr er, dass Freiherr von Bischoffshausen im Herbst 1945 bei seiner Flucht in den Westen die Funde nicht mitgenommen, sondern zurückgelassen habe. Sollte das Depot nicht ins Stadtmuseum Meißen oder nach Schloss Siebeneichen verbracht worden sein, müsse es als verloren gelten. Im Herrenhaus waren nach dem Kriegsende Flüchtlinge und Vertriebene untergebracht, das Rittergut im Zuge der Bodenreform enteignet worden.
Michael StrobelBildquelle Tagebuch Mirtschin ©LfA/Museum Riesa 1954
Nachlese 2
Nur wenige Tage später bestätigte der Freiherr, der mit seiner Familie inzwischen im nordhessischen Berge (heute Stadtteil von Homberg [Efze], Schwalm-Eder-Kreis) lebte, auf einer Postkarte den Verdacht, dass die Objekte als „vernichtet, verschollen“ zu betrachten seien. Schon bei der Rückkehr nach seiner ersten Flucht Anfang Mai 1945 habe er feststellen müssen, dass die Glasscheibe des „Ausstellungskasten“ – wohl ein Wandschaukasten - zerschlagen gewesen sei. Allerdings lässt er offen, ob die Stücke bereits zu diesem Zeitpunkt entwendet waren oder erst nach der zweiten Flucht in den Westen spurlos verschwanden. Als umso wertvoller erwiesen sich Mirtschins Aufzeichnungen aus dem Jahr 1933, die der 1956 erschienenen Publikation zugrunde liegen (Mirtschin 1956). Der Freiherr erhielt offenbar einen Sonderdruck des Beitrags.
Michael StrobelBildquelle OA 59490, 120 ©LfA 1954.
Unschärfen der Dokumentation
Wer die Fotografien des Komplexes gefertigt haben könnte, welche in den Akten überliefert sind, lässt sich nicht mehr eruieren. Womöglich stammen sie ebenfalls von Mirtschin, dessen Aufsatz sich jedoch ausschließlich auf Zeichnungen und Beschreibungen stützt. Auch wenn sich die improvisierten Aufnahmen für eine Veröffentlichung nicht eigneten, dokumentieren sie immerhin den Erhaltungszustand der Objekte, vermutlich bald nach der Bergung. Korrosionsspuren lassen sich selbst auf den unscharfen, schlecht belichteten Bildern nicht übersehen. Es deutet nichts darauf hin, dass man den Hortfund bis zu seinem Verschwinden je einer fachgerechten konservatorisch-restauratorischen Maßnahme, etwa in der Werkstatt des Dresdner Museums unterzogen hätte.
Michael StrobelBildquelle OA 59490, 110 ©LfA 1933?.
Ein großer Verlust
Der Komplex bestand aus 10 rundstabigen Ösenhalsringen mit flachgehämmerten, verjüngten Enden, fünf rundstabigen Armringen mit gerillten Enden sowie einer Armspirale aus 16 Windungen. Da die Objekte nicht in einem Tongefäß angetroffen worden waren, dürfte die Deponierung am ehesten in einem Behälter aus organischem Material erfolgt sein. Das verschollene Ensemble ist allen Irrungen und Wirrungen der Überlieferungs- und Verlustgeschichte zum Trotz ein bedeutendes Zeugnis für die Intensität frühbronzezeitlicher Siedlungsaktivitäten in der Region und um 1800 v. Chr. zu datieren.
Michael StrobelBildquelle Mirtschin 1956, Abb. 1-2.
Der Gutsbesitzer als Archäologe
Das Depot war nicht die erste Fundmeldung des Freiherrn. Schon 1926 hatte er Bierbaum über Oberflächenfunde informiert, die auf seinen Feldern südwestlich der Ortslage beim Dampfpflugeinsatz und damit aus tieferen Bodenschichten zum Vorschein gekommen waren. Der Briefwechsel mit dem damaligen wissenschaftlichen Sammlungshilfsarbeiter verrät nicht nur eine gewisse private, sondern wohl auch politische Nähe der beiden Männer, denen die „Eingemeindung Jahnas in die Spartakistengemeinde Meisatal“ gleichermaßen suspekt gewesen sein wird.
Michael StrobelBildquelle OA 59490, 76 ©LfA 1926.
Die frühbronzezeitliche Siedlungslandschaft
Da die beiden Niederjahnaer Fundstellen aber bislang nicht in die frühe Bronzezeit datiert werden können, liegt eine etwa 1,2 Kilometer entfernte Siedlung, die 2004/2005 vor dem Bau der Umgehungsstraße B101 südlich des Rothen Gutes dokumentiert werden konnte, dem Hortfund derzeit am nächsten. Bis zu 1,8 m tief erhaltene Silogruben und typische Keramik zeugen von einer bedeutenden dörflichen Niederlassung der Aunjetitzer Kultur zwischen 2000 und 1600 v. Chr.
Michael StrobelBildquelle U. Wohmann, Foto ©LfA 2007.
Literatur
Matthias Donath, Das Rittergut Jahna in Niederjahna. Sächsische Heimatblätter 64/4, 2017, 353-376.
Hans-Jürgen Hardtke/Sarah Jacob/Karl Mannsfeld/Haik Thomas Porada/Michael Strobel/André Thieme/Thomas Westphalen (Hrsg.), Zwischen Lommatzsch und Wilsdruff. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme. Landschaften in Deutschland 83 (Köln 2022).
Alfred Mirtschin, Funde der ältesten Bronzezeit im nordsächsischen Elbgebiet. Mannus 33, 1941, 1-48.
Alfred Mirtschin, Ein verschollener Verwahrfund der ältesten Bronzezeit von Niederjahna bei Meißen. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 5, 1956, 147-152.
Michael Strobel, Ein Leben für die Archäologie – der Riesaer Lehrer und Museumsleiter Alfred Mirtschin (1892–1962). Archaeo 11, 2014, 38-45.
Hinweis zum Denkmalschutz
Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.
Permalink
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Zitat des Beitrags
Michael Strobel, Verschollen in den Wirren der Nachkriegsmonate – der frühbronzezeitliche Hortfund von Niederjahna. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (02.07.2026). https://archaeo-sn.de/ort/verschollen-in-den-wirren-der-nachkriegsmonate-der-fruehbronzezeitliche-hortfund-von-niederjahna/ (Stand: 14.08.2026)