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Sühnestiftung?
Neue Forschungen
Mittelalter und Neuzeit
Neuere Klostergeschichte
Sanierungen ab 1990
Renovierungen nach 2010

Zisterzienserinnenkloster Marienthal

Ort: Marienthal (Ostritz, Görlitz)
Typ: Klosteranlage
Datierung: Hochmittelalter | Spätmittelalter | Neuzeit | Moderne | seit ca. 1200 n. Chr.

Beschreibung

Das Kloster Marienthal befindet sich südlich der Kleinstadt Ostritz am linken Neißeufer, direkt an der Grenze zur Republik Polen. Es ist das am längsten ununterbrochen bewohnte Kloster des Zisterzienserordens in Deutschland. Die älteste Urkunde über die Schenkung des heute wüst gefallenen Dorfes Syfridistorph (Seifersdorf) an das Kloster geht bereits auf das Jahr 1234 zurück. Seit Beginn der 1990er-Jahre fanden im Kloster zahlreiche Sanierungsmaßnahmen und kleinere archäologische Untersuchungen statt, die einen näheren Blick auf die jahrhundertelange Geschichte in Marienthal erlaubten.

Dana Mikschofsky/Annemarie Reck

Sühnestiftung?

Der klösterlichen Überlieferung nach wurde St. Marienthal in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts von der böhmischen Königin Kunigunde (1202–1248), der Gemahlin von König Wenzel I. (ca. 1205–1253), als Sühne für ihren im Jahr 1208 in Bamberg ermordeten Vater, König Philipp IV. von Schwaben (1177–1208), gestiftet. Dieser wurde vom Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach aus Rache für die Schmach ermordet, dass er die eigentlich ihm versprochene Kunigunde mit dem Sohn des böhmischen Königs vermählte, als sich die politische Lage im Reich geändert hatte.

Dana Mikschofsky/Annemarie Reck

Bildquelle Sächs. Weltchronik. Staatsbib. Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 129, fol. 117v.

Neue Forschungen

Neuere Forschungen gehen jedoch davon aus, dass es sich bei der Urkunde von 1234 lediglich um eine Bestätigung der Besitzverhältnisse des Klosters handelt und die eigentlich Gründung bereits wenige Jahre vorher geschehen sein muss. Das Gründungsvorhaben könnte von den Burggrafen von Dohna ausgegangen sein, die sich am östlichen Landesausbau beteiligten und im Neißetal eine Herrschaft aufzubauen versuchten. Klostergründungen dienten dabei nicht selten Höhepunkt und Abschluss eines solchen Vorhabens. Mit der Gründung von St. Marienthal könnten die Burggrafen von Dohna die Festigung ihres Herrschaftsanspruchs im Neißetal bezweckt haben.

Dana Mikschofsky/Annemarie Reck

Bildquelle O. Braasch, Foto ©LfA 1996.

Mittelalter und Neuzeit

Das Kloster wurde 1237 in den Zisterzienserorden eingegliedert. Das zunächst der Diözese Meißen unterstellte Kloster wurde nur wenige Jahre später dem Bistum Prag zugesprochen. 1244 wurde die Klosterkirche von Bischof Nikolaus von Prag geweiht. Im Zuge der Hussitenkriege wurde das Kloster 1427 zerstört. Der Konvent flüchtete nach Görlitz und kehrte erst nach 30-jährigem Exil ins Kloster zurück. Während der Reformation verhinderte die Schwesternschaft mehrmalige Versuche das Kloster in ein weltliches Damenstift umzuwandeln und hielt am katholischen Glauben fest. Im Jahr 1683 wurde das Kloster durch einen Großbrand fast völlig zerstört. Der Wiederaufbau im barocken Stil dauerte bis 1744.

Dana Mikschofsky/Annemarie Reck

Bildquelle J. Wojnicz, Foto ©LfA 2017.

Neuere Klostergeschichte

Bis 1783 gehörten die Marienthaler Patronatspfarreien zum Bistum Prag (Erzbistum seit 1344). Heute untersteht das Kloster dem Bistum Dresden-Meißen. Dank des verbrieften Schutzes des sächsischen Königshauses kann das Kloster während der Säkularisation vor der Auflösung bewahrt werden. Im 19. Jahrhundert wird im Kloster ein Waisenhaus und eine Schule eingerichtet. Beide werden zur Zeit des NS-Regimes wieder geschlossen. Die SS annektiert große Teile des Klosters und nutzt sie als Lager für die Kinder-Land-Verschickung und später auch als Lazarett. Gegen Kriegsende weigert sich die damalige Äbtissin der Räumung des Klosters nachzukommen und vereitelt so die geplante Sprengung durch die SS. Während der DDR-Zeit wird im Kloster ein Heim für Menschen mit Behinderung eingerichtet.

Dana Mikschofsky/Annemarie Reck

Bildquelle R. Heynowski, Foto ©LfA 2009.

Sanierungen ab 1990

In den 1990er-Jahren fanden umfassende Sanierungen an den Gebäuden von St. Marienthal statt. Der Bau von Anlagen für den Hochwasserschutz sowie von Ver- und Entsorgungsanlagen machten mehrere kleine archäologische Untersuchungen nötig. Dabei konnte festgestellt werden, dass sich im westlichen Teil der Klosterkirche noch heute Teile des Ursprungsbaus aus dem 13. Jahrhundert fassen lassen. Der einschiffige gotische Kirchenbau befindet sich am östlichen Ende des nördlichen Klosterflügels. Im Innern des Kirchenschiffs wurde während der Grabungen zwischen den mittleren Pfeilern der Nord- und Südwand das Fundament eines Taufsteins freigelegt. Dessen Bruchsteinmauerwerk wurde mit Lehmmörtel verfugt, was auf eine Datierung aus dem Mittelalter hindeutet.

Dana Mikschofsky/Annemarie Reck

Bildquelle E. Lorenz/M. Rummer/G. Seifert, Grabungsplan Klosterkirche ©LfA 2017.

Renovierungen nach 2010

Im Jahr 2010 wurde das Kloster von einem Neißehochwasser vollständig überflutet, was weitreichende Sanierungsarbeiten nötig machte. Baubegleitend wurden durch das Landesamt für Archäologie Sachsen (LfA) Untersuchungen in der Klosterkirche vorgenommen. Dabei konnten mehrere Mauerfragmente und alte Fundamentreste erfasst werden. Sie gehen auf eine umfangreiche Umbau- und Neugestaltungsphase der Kirche im späten 17. Jahrhundert zurück, nachdem die Kirche 1683 von einem Brand verheert worden war. Unweit des Altarfundaments eines Vorgängerbaus stieß das Grabungsteam auf zwei Abschlüsse tonnengewölbter Grüfte, die wahrscheinlich aus dem 17./18. Jahrhundert stammen. Um 1740 erfolgte der Anbau eines Kirchenchores. Sein schlossartiges Aussehen und die reiche Ausgestaltung verdankt das Kloster vor allem den böhmischen Bauleuten, Malern und Bildhauern des 17. und 18. Jahrhunderts, die die Barockkunst der Oberlausitz prägten.

Dana Mikschofsky/Annemarie Reck

Bildquelle E. Lorenz, Foto ©LfA 2013.

Literatur

Lars-Arne Dannenberg, Das Kloster St. Marienthal und die Burggrafen von Dohna. Überlegungen zur Gründung des Zisterzienserinnenklosters an der Neiße. Neues lausitzisches Magazin, N.F. 11, 2008, 89–104.
Christiane Hemker, Archäologische Untersuchungen in der Klosterkirche. Blick in die Geschichte. In: Klosterstift St. Marienthal. Flutschadenbeseitigung 2010–2017 (Freiberg 2017) 52–53.
Stefan Krabath/Marius Winzeler, Marienthal: Die Zisterzienserinnen-Abtei Klosterstift St. Marienthal und die Wüstung Seifersdorf. In: Regina Smolnik/Jasper von Richthofen (Hrsg.), Die Oberlausitz – Ausflugsziele zwischen Neiße und Pulsnitz. Ausflüge zu Archäologie, Geschichte und Kultur in Deutschland 51 (Stuttgart 2010) 187–191.
Dana Mikschofsky, Zisterzienserinnen an der Neiße. In: Regina Smolnik/Ronny Zienert (Hrsg.), Höhenflüge. Luftbilder und Archäologie in Sachsen (Dresden 2024) 202–203.

Hinweis zum Denkmalschutz

Archäologische Denkmäler stehen unter dem Schutz des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Für Bodeneingriffe oder Baumaßnahmen ist eine denkmalrechtliche Genehmigung erforderlich.

Permalink

Zitat des Beitrags / Citation

Dana Mikschofsky/Annemarie Reck, Zisterzienserinnenkloster Marienthal. In: Landesamt für Archäologie Sachsen, Website archaeo | SN (09.04.2024). https://archaeo-sn.de/ort/zisterzienserinnenkloster-marienthal/ (Stand: 24.05.2024)

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